Kurze Pause von der Hölle

Hamburger Stiftung unterstützt politisch Verfolgte

Der in seiner Heimat mit dem Tod bedrohte tschetschenische Fotograf Musa Sadulajew ist für ein Jahr Gast der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Seit zwanzig Jahren unterstützt die Stiftung Menschen, die wegen ihres öffentlichen Eintretens für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte in ­ihren Heimatländern in eine gefährliche, oft lebensbedrohliche Situation geraten sind.

„Das Gefühl in Sicherheit zu sein, stellt sich erst ganz langsam ein.“ Musa Sadulajew sitzt am Wohnzimmertisch und blickt aus dem Fenster. Vor ihm steht eine Tasse mit Tee. „Wenn eine Tür zufällt oder ein Feuerwerk losknattert, fange ich sofort an zu zittern.“ Elf Jahre Krieg in Tschetschenien, unterbrochen nur durch einen kurzen, unsicheren Frieden, haben tiefe Spuren hinterlassen. Sie haben sich bis in die letzten Winkel der Seele gefräst, bestimmen die kleinsten Alltagshandlungen.
Fast jeder Tschetschene hat in diesem Krieg Angehörige verloren. Die Hauptstadt Grosny liegt in Trümmern. Immer noch werden täglich Menschen von der russischen Armee verschleppt, die für Jahre in weit entfernten Gefängnissen verschwinden oder nie wieder auftauchen. Aber auch Tschetschenen selbst terrorisieren ihre Landsleute. Doch bei uns wird dieser Krieg kaum noch wahrgenommen.
Von Beginn an hat der tschetschenische Fotograf die Gräuel des Krieges dokumentiert, zuletzt für die Nachrichtenagentur AP. Viele seiner Bilder sind um die Welt gegangen, wie etwa das von dem Bomben­attentat auf Präsident Achmad Kadyrow im voll besetzten Stadion von Grosny. Nicht wenige aber sind so entsetzlich, dass sie keine Zeitung drucken würde. „Die Bilder sollen die Menschen bewegen, die die Macht haben, die Situation zu ändern“, sagt er und sein freundliches, schelmisches Gesicht verdunkelt sich.
Musa Sadulajew hat sich nie irgendeiner Seite der Macht zugehörig gefühlt. Er will einfach festhalten, was passiert, auch für die kommenden Generationen. „Irgend­jemand muss das tun“, sagt er mit brüchiger Stimme. Mit seiner Einstellung ist er zwischen alle Fronten geraten. Musa Sadulajew lebt in ständiger Gefahr. Zumal seit mit Ausbruch des zweiten Tschetschenienkrieges vor sechs Jahren, kaum ausländische Journalisten in seine Heimat gelangen. Die russische Armee will den Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit führen. In den letzten Jahren musste Musa Sadulajew ständig seinen Wohnsitz wechseln, musste jederzeit bereit sein zu fliehen. Deshalb wurden Musa Sadulajew und sein zehnjähriger Sohn Adam von der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte für ein Jahr in die Hansestadt eingeladen. In Hamburg sollen sie sich erholen und die Möglichkeit erhalten, für eine Zeit in Ruhe ihrer Arbeit nach zu gehen.
Oft sind unter den Eingeladenen der Stftung Journalisten, wie etwa Alina Anghel aus Moldawien. Nachdem die engagierte Reporterin verschiedene Fälle von Korruption in der Regierung der ehema­ligen Sowjetrepublik aufgedeckt hatte, ­erhielt sie Drohanrufe, wurde überfallen und zusammengeschlagen. Auch die Tunesierin Sihem Bensendrine wurde in ­ihrer Heimat bedroht. Der Grund waren kritische Berichte in ihrem Onlinemagazin ‚Kalimatunisie’.
Fünf bis zehn Aktivisten muss die von Klaus von Dohnanyi gegründete Stiftung jedes Jahr aus einer sehr langen Liste auswählen. Die Kandidaten werden von Einzelpersonen oder Organisationen vorgeschlagen, wie Reporter ohne Grenzen oder Amnesty International. Neben Journalis­ten lädt die Organisation auch Künstler und / oder Menschenrechtler ein. Bariture Kpuinen aus Nigeria war in Hamburg zu Gast, der Kolumbianische Maler und Schriftsteller Arturo Alape oder Osman Aydin, ein kurdischer Rechtsanwalt aus der Türkei.
Seit Musa Sadulajew in einer kleinen Wohnung der Stiftung lebt, braucht er vorerst keine Deckung mehr zu suchen, wenn es knallt. Und ins Bett kann er im Schlafanzug gehen. Was für andere eine Selbstverständlichkeit ist, erlebt der 37jährige als Ausnahmezustand. „Ich habe immer so geschlafen, wie ich jetzt hier sitze“, sagt er und zieht an seiner Jeans. Dennoch sieht er sich nicht als Sonderfall: „Die meis­ten Tschetschenen gehen durch diese Hölle, müssen immer damit rechnen, dass etwas sehr Schlimmes passiert.“
Das Leben in Hamburg erscheint ihm wie ein Märchentraum. „Die ersten Tage dachte ich, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein.“
Musa Sadulajew erzählt lange und detailreich. Seinen Tee rührt er dabei nicht an. Dann setzt der Fotograf sich an den Computerbildschirm und klickt seine Bilder auf. Eine alte Frau vor einer Trümmerfassade verkauft Obst und Gemüse, ein Junge in abgerissener Kleidung spielt mit einem Granatwerferrohr. „Ich habe erst in Deutschland realisiert, wie schrecklich diese Bilder sind.“ Doch es gibt noch viel schlimmere Aufnahmen, die sich kaum beschreiben lassen. Immer wieder brechen dazu schockierende Erzählungen aus Musa Sadulajew heraus. „Meine Fotos bilden nur einen winzigen Tropfen ab in einem Ozean voller Leid“, sagt er und sinkt in seinen Stuhl zurück. „Ich habe gefallene russische Soldaten am Straßenrand liegen sehen, die sich noch nie rasiert haben.“ Dann richtet sich der tschetschenische Fotograf wieder auf: „ Auch die Russen brauchen doch unbedingt einen Frieden.“
Weitere Infos: www.hamburger-stiftung.de

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