Langes Warten auf Asyl

Aziz Tunç. kurdischer Schriftsteller und Journalist
Foto: Jan Jacob Hofmann

dju Hessen: Empörung über die Behandlung eines kurdischen Autors im Exil

Die Unterstützergemeinde für Aziz Tunç wächst täglich. Nun fordert der Landesvorstand der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju in ver.di) Hessen, dem in der Türkei verfolgten kurdischen Schriftsteller und Journalisten endlich Asyl zu gewähren. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellt sich stur: Weshalb Tunç nun schon seit über einem Jahr in Hanau unter prekären und unsicheren Bedingungen im Aufnahmelager leben muss. „Ein Skandal ist es, dass ein Schriftsteller und Journalist hierzulande im Exil so lange Zeit in einer modrigen und lärmigen Ex-US-Kaserne in Hanau-Wolfgang leben muss“, sagte Mustafa Korkmaz vom Türkischen Volkshaus in Frankfurt am Main, der eine Art Patenschaft für Aziz Tunç übernommen hat. Von dort aus könne er weder arbeiten, noch sei er dort sicher. Denn man gehe davon aus, dass der türkische Geheimdienst MIT auch in Deutschland aktiv sei.

Die dju in Hessen plant nun, den Schriftsteller Aziz Tunç in die Kampagne „Journalismus ist kein Verbrechen“ aufzunehmen. Bislang hatte diese hauptsächlich der Solidarität für inhaftierte Kolleginnen und Kollegen in der Türkei gegolten; um ihre Prozesse zu beobachten, ihnen Postkarten in die Gefängnisse zu schicken und damit zu zeigen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten sind. Nun richtet sich der Appell also auch an die Bundesregierung, mahnt besseren Umgang mit Journalist_innen und Schrift­steller_innen hierzulande an, damit sie nicht unter unwürdigen Bedingungen im Exil leben müssen. Ein Schreiben der dju Hessen an das BAMF sei unterwegs, sagte ver.di-Sekretärin Anja Willmann gegenüber M.

Dabei ist sein „Verfolgungsstatus“, wie es auf Amtsdeutsch heißt, kaum in Frage zu stellen: Schon seit frühester Jugend ist Tunç, 1956 in dem kurdisch-alevitischen Dorf Elbistan nahe der Stadt Maras geboren, als linker Aktivist politisch engagiert. Beim Massaker von Maras vom 19. bis 26. Dezember 1978 kämpfte er im Widerstand. Damals sind über 100 Kurden, Aleviten und Kommunisten von Nationalisten und Mitgliedern der rechtsextremen MHP-Partei getötet worden – viele waren Freunde oder Bekannte Tunçs. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Überlebender und Zeuge zu verhindern, dass dieses dunkle Kapitel der Geschichte der Türkei in Vergessenheit gerät. Zwischen 1980 und 1991 war er gezwungen, für elf Jahre unterzutauchen. Zusätzlich ist der Autor gefährdet, weil er bei den Wahlen 2015 als Spitzenkandidat für die linke Demokratische Partei der Völker, HDP, in Maras angetreten war. Auch sein Forschungsgegenstand – der Völkermord an den Armeniern in der Türkei – dürfte dem türkischen Staatspräsidenten missfallen. Zumal der dabei sei, „ein faschistisches System zu installieren, ein neoosmanisches Reich aufzubauen“, so beschreibt es Tunç.

Seit der Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016 ist der Publizist wieder auf der Flucht. Nicht nur gegen Tunç selbst, sondern auch gegen seine beiden Söhne und seine Tochter laufen Verfahren in der Türkei. Das Haus seiner Familie wurde während seiner Abwesenheit durchsucht; Freunde von ihm wurden verhaftet. Untätig bleibt er trotz alledem nicht. Er schreibt Kolumnen für Online-Magazine und plant sein nächstes Projekt: Er besitzt nach eigenen Angaben Akten über die Geschichte von Zeytun (dem heutigen Süleymanli) im Südosten der Türkei. Schreiben will er über das Leben von 1915 bis 1922 in der Stadt, die damals völlig zerstört wurde – und über den Widerstand der Stadtbevölkerung, die damals gegen die angreifenden Truppen des Osmanischen Reiches kämpfte und Widerstand gegen den ­Genozid an den Armeniern leistete. Tunç geht es darum, die Geschichte der Türkei aufzuarbeiten. Nur so sei die Zukunft demokratischer zu gestalten, konstatiert er.

Journalist_innen in der Türkei würden unter anderem auch deshalb verfolgt, weil sie aufgedeckt hatten, dass der Staat die Terrormiliz Islamischer Staat mit Waffen versorgt. Die Europäer seien sich jedoch nicht bewusst, wie sehr auch sie der lange Arm Erdogans bedrohe. Immer dreister gestalteten sich dessen Übergriffe. Etwa die Verhaftung des türkischstämmigen Kölner Schriftstellers Dogan Akhanli in Spanien, der seit 2001 deutscher Staatsbürger ist – wofür die Türkei obendrein Interpol missbraucht habe. Aziz Tunç ist der Überzeugung, dass die europäische Bevölkerung bereits sehr gut informiert ist, hält es aber für notwendig, dass sich zivilgesellschaftliche Organisationen deutlicher positionieren; um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen. Ziel sei, dass diese „die Opposition stärker fördert und Erdogan konsequenter in die Grenzen weist“.

M hat beim BAMF angefragt: Weshalb dauert das Asylverfahren von Aziz Tunç so lang, wann wird sein Fall endlich entschieden? Einzig Allgemeinplätze waren zu vernehmen: „Herr Tunç stellt im Januar 2017 seinen Asylantrag; die Anhörung des Antragstellers erfolgte noch im selben Monat. Asylsuchende sind verpflichtet, ihre Identität nachzuweisen, sofern ihnen das möglich ist, und alle Unterlagen, die ihre Fluchtgeschichte belegen, vorzulegen.“ Es gelte „alle vorhandenen Beweismittel, wie z.B. veröffentlichte Artikel, Unterstützungsschreiben etc. nachzureichen“. Fraglich: Will das Amt etwa seine schriftstellerische Arbeit bewerten – und falls ja, mit welcher Begründung eigentlich? Dennoch sei der Rechtsanwalt von Herrn Tunç dieser Aufforderung nachgekommen. Das letzte Schriftstück erreichte das Bundesamt im Juli 2017. Seither wird geprüft.

Dieser Umgang des BAMF mit einem in der Türkei wegen seines Einsatzes für Meinungs- und Pressefreiheit engagierten Autors löst Empörung aus. „Es kann nicht sein, dass ein engagierter Journalist und Schriftsteller auch noch hier in Deutschland mundtot gemacht wird und durch die Unterbringung in einer Sammelunterkunft weiterhin an seiner Berufsausübung gehindert wird“, sagt Anja Will­man. Joachim Legatis, Sprecher des Landesvorstands der dju Hessen kann nicht nachvollziehen, weshalb das Asylverfahren sich so hinzieht: „Wir gehen mit Aziz Tunç zusammen in die gleiche Richtung im Kampf um eine freie und demokratische Türkei, fühlen uns mit ihm verbunden“. In Hessen werde überlegt, ihn als Ehrenmitglied der dju aufzunehmen oder eine Patenschaft für ihn zu übernehmen. Das deutsche PEN-Zentrum, das sich ebenso für Autor_innen und für Literat_innen im Exil einsetzt, hatte bereits Anfang Juli einen Brief an das Bundesamt geschickt, um ihn zu unterstützen. Der türkische PEN hatte Tunçs 2011 erschienenes Werk „Die Anatomie und die Hintergründe der Massaker von Maras“ („Maras Kiyimi“) als Buch des Monats ausgezeichnet. Auch der Verein „Gefangenes Wort eV.“ setzt sich für ihn ein.

Der Landesvorstand der dju plant ein Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen, um „die Opposition in der Türkei und hierzulande gegen die autokratische AKP-Regierung“ systemischer und aktiver zu gestalten. Die Idee ist, sich an einen Tisch mit PEN, dem Verein Gefangenes Wort, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Amnesty International und weiteren Organisationen zu setzen. Thema sollte weiterhin die Situation der Schriftsteller_innen und Journalist_innen im Exil hierzulande sein. Legatis kündigte an, in Zusammenarbeit mit Aziz Tunç ein Büro einrichten zu wollen, um eine bessere Vernetzung zwischen kurdischen, türkischen und deutschen Bürgern zu ermöglichen. Von dort aus könnten Informationsveranstaltungen und Ähnliches organisiert werden.

http://medien-kunst-industrie-hessen.verdi.de/branchen-und-betriebe/medien

www.freitag.de/autoren/big-business-crime

 

 

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