Leichenschauhaus der Demokratie

Nun also auch die Nachrichtenagentur „Cihan“ – ein weiterer Sargnagel für die Informationsfreiheit in der Türkei ist eingeschlagen. Während Erdogan-Emissär Davutoglu mit Kanzlerin Merkel und den Spitzen der EU um das Paket „Flüchtlinge gegen Milliarden“ feilscht, wird die Türkei zum Leichenschauhaus der Demokratie. Denn zur freien Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger gehört zwingend die freie Information. Da nur auf die „Pressefreiheit“ zu pochen, ist zu kurz gegriffen. Es geht um das Grundrecht auf freie Information und eine eigene Meinung, sonst hat man nur eine Demokratie-Fassade vor einer Diktatur.

Nur zur Erinnerung: Mit der Zeitung „Zaman“ ist eine der größten unabhängigen Zeitungen unter Staatskontrolle gestellt, die Drohkulisse für die verbliebene freie Zeitung „Cumhuriyet“ ist gewaltig, das Fernsehen ist bereits fast komplett gleichgeschaltet. Vorangegangen waren massive Repression gegen kurdische Medien, die Redaktionen in Print, Funk und Fernsehen sind inzwischen von kritischen Journalist_innen gesäubert. Wer noch drin ist, gehorcht, die Schere im Kopf schneidet zuverlässig.
Dabei hat die EU viel in die Waagschale zu werfen, um freiere Verhältnisse am Bosporus zu bewirken: Gute Wirtschaftsbeziehungen, die Erdogan wegen kriselnder Wirtschaft braucht, dazu strategische Unterstützung an der Syrien-Front, nachdem die AKP den Russen den Krieg erklärt hat. Der türkische Scheinriese ist in einer verwüsteten Region auf internationale Hilfe angewiesen. Da müssen die EU und Angela Merkel mehr Druck für Grundrechte machen. Sonst polarisiert Erdogans AKP die türkische Nation in Scherben und die letzten Demokraten der Türkei gehen in die Schlauchboote.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Journalismus muss sich zur Wehr setzen

Nicht erst seit dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt sind sie zu einer festen Größe bei politischen Veranstaltungen geworden: Private Streamer, oft aus dem stramm rechten Spektrum. Sie behindern die Arbeit von Pressevertreter*innen, bedrängen Politiker*innen oder schüchtern Demonstrationsteilnehmer*innen ein.
mehr »

Leeres Wort des Reichen Pflicht

Verleger, Verlöger, verlogen. Mehr will einem nicht einfallen, wenn man die jüngsten Nachrichten aus der Medienwelt hört. Bei öffentlichen Auftritten, in Interviews und Sonntagsreden stellen sich die Deutschen Zeitungsverleger*innen als Bewahrer des Qualitätsjournalismus und somit Retter der Demokratie dar. Im Alltagsgeschäft legen sie an genau diesen Qualitätsjournalismus Hand an.
mehr »

Spanien: Strafe für Berichterstattung?

Die spanische Datenschutzbehörde will Zeitungen bestrafen, weil sie illegal in soziale Bewegungen eingeschleuste Polizisten enttarnt oder darüber berichtet hatten. Bislang sind Gerichte nicht tätig. Die Vorgänge drohen zu einem Präzedenzfall zu werden, warnen die betroffenen Medien und Menschenrechtsorganisationen.
mehr »

AI Act legt KI-Kennzeichnung fest

Petra Schwegler fasst für die Webseite der Medientage München die seit dem 2. August 2026 geltenden Bestimmungen zur KI-Kennzeichnung zusammen. Der AI Act gilt: Wer KI-generierte oder -manipulierte Inhalte veröffentlicht, muss das kennzeichnen. Die Regel gilt für Chatbots, für Deepfakes, für Werbespots, für alles künstlich Generierte.
mehr »