Lemminge-Effekt

Über die Instrumentalisierung von Journalisten für politische Zwecke und mangelndes Hinterfragen sprach M mit Professor Michael Haller, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig, zugleich Herausgeber von Message, der internationalen Zeitschrift für Journalismus

M | Welche Erinnerung haben Sie an die
Ereignisse vom 11. September 2001?

MICHAEL HALLER | Ich war an dem Tag in Luzern, im Medienausbildungszentrum der Schweiz. Wir machten gerade einen Workshop mit Journalisten über das Erzählen, als diese Bilder plötzlich auf allen Kanälen liefen. Manche hielten es anfangs für einen Fake. Das zeigt, wie unfassbar das Geschehen zunächst erschien.

M | In den Medien herrschte damals der Ausnahmezustand. Welche Erinnerung haben Sie an die Berichterstattung unmittelbar danach?

HALLER | Nach den Einschlägen wurde mehrere Stunden lang auch gezeigt, wie sich Menschen von den brennenden Türmen stürzten. Es dauerte einige Stunden, bis sich die ethischen Bedenken durchgesetzt hatten.

M | Die Terrorattacken wurden seinerzeit von vielen Medien als „Kriegserklärung“ an die USA bzw. sogar an die westliche Welt bezeichnet. Ihre Zeitschrift Message nannte das später „mediale Mobilmachung“…

HALLER | Das war es ja auch. Ich war sprachlos, wie monochrom schon am nächsten Morgen die meisten Zeitungen dieselbe Formel vom „Krieg gegen das Böse“ als übergroße Schlagzeilen auf ihren Titelblättern verwendeten. Die Diktion war die gleiche: Die USA stehen im Krieg. Die populären TV-News der großen US-Sender wie NBC, CBS, Fox waren im Grunde Kommentarsendungen. Die Medien erzeugten eine Art Branding, sie definierten zu weiten Teilen, wie der Gegner moralisch einzuschätzen sei – und mit ihm praktisch alle Muslime.

M | Auch die deutschen Medien stiegen in diesem Sinne ein. Wo lagen die Stärken und Schwächen der Berichterstattung?

HALLER | Es war beeindruckend, wie deutlich in den ersten Tagen danach die deutschen TV-Anstalten ihre Atlantische Bündnistreue zelebrierten – und zwar sowohl die Privatsender wie auch die Öffentlich-Rechtlichen. Die deutsche mediale Öffentlichkeit solidarisierte sich mit den als bedroht angesehenen Vereinigten Staaten. Übrigens, die französischen Medien berichteten wesentlich distanzierter und nannten das Geschehene klar einen Terrorakt.

M | Wurde dieser Reflex durch den Umstand gefördert, dass die Attacken von Moslems aus dem Ausland geführt wurden?

HALLER | Wenn jene Terroristen wie der Oklahoma-Bomber westlicher Herkunft gewesen wären, wäre der Anschlag vermutlich als schreckliche Katastrophe vermittelt worden, wie derzeit etwa das Massaker in Norwegen. Die Tatsache, dass die damaligen Täter sich als fundamentalistische Anhänger einer anderen Religion bezeichneten, gestattete es der Bush- Regierung, die Attacke wie einen Angriff fremder böser Mächte darzustellen, den die Amerikaner geschlossen abwehren und ihn zurückschlagen müssten.

M | In späteren kritischen Analysen wurde vor allem die Bildsprache der Medien diskutiert: die immer gleichen Videos vom Einsturz der Türme, das Aufgreifen simpler Freund-Feind-Klischees mit bärtigen Moslems und jubelnden Palästinensern. Ist sowas dem Aktualitätsdruck geschuldet?

HALLER | Es gibt diesen Lemminge-Effekt. Die anderen machen es, dann machen wir es auch. Und wenn kein weiteres Material da ist, tauchen immer die gleichen ikonischen Szenen auf. Das trägt zur persuasiven Wirkung wesentlich bei.

M | Mangels eigener Recherchemöglichkeiten befragen die Medien gern so genannte Experten. Damals befragte Günther Jauch Henry Kissinger für stern-tv, Niki Lauda äußerte sich zu Fragen der Flugsicherheit, und Peter Scholl-Latour tummelte sich als Islam-Experte auf allen Kanälen. Was bringt das?

HALLER | Theoretisch gesehen müsste es so sein, dass zunächst über das Geschehen das Faktische berichtet wird, dann lässt man die Menschen erzählen, was sie erlebt haben. Erst als Drittes käme dann die Einordnung, und dafür braucht man Experten. In der Praxis wird aber häufig gleich mit der dritten Stufe begonnen. Man weiß im Grunde noch gar nichts, meint aber schon eine Einordnung und eine Meinung anbieten zu müssen.

M | Ist das eine typisch deutsche Herangehensweise?

HALLER | Das ist nicht unbedingt typisch deutsch, aber im deutschsprachigen und romanischen Raum sehr beliebt. Die Angloamerikaner sind da zurückhaltender. Ihrem Selbstverständnis entspricht viel eher die Maxime „News are sacred, comment is free“, auch wenn der Schock des 9/11 diese Regel vergessen ließ. Das notorisch Merkwürdige der deutschen Mentalität ist: Ich will zuerst eine Gesinnung. Schon im 19. Jahrhundert galt der Gesinnungsjournalist hierzulande mehr als der Informationsjournalist.

M | Hängt diese Uniformität der Berichterstattung auch mit einem verstärkt wirkenden Konformitätsdruck zusammen? Erinnert sei an die Angriffe, denen z.B. Ulrich Wickert wegen eines Artikels in der Zeitschrift Max ausgesetzt war. Darin hatte er die indische Schriftstellerin Arundhati Roy mit der Aussage zitiert, Osama bin Laden repräsentiere „das amerikanische Familiengeheimnis“, er sei „der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten“. Die damalige CDU- Generalsekretärin Angela Merkel forderte damals faktisch ein Berufsverbot für Wickert…

HALLER | Dazu passt auch der Umgang mit Susan Sontag. Sie nannte damals das Attentat in einem Kommentar „Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten“. Dafür wäre sie damals fast gelyncht worden!

M | Warum lassen sich Journalisten oftmals so leicht für politische Zwecke instrumentalisieren? Die Mär eines vor Massenvernichtungswaffen starrenden Irak wurde auch von den Medien lange kaum hinterfragt. Diese Behauptung galt Bush und Rumsfeld aber seinerzeit als Invasionsgrund…

HALLER | Erschüttert hat mich damals, dass just die Journalisten der US-Qualitätsmedien sich einspannen ließen. Was wirklich im Irak oder im hinteren Hindukusch los war, wurde nicht recherchiert. Sie akzeptierten die mit dem Patriotismus-Slogan unterfütterte Sprachregelung des Pentagon. Man denke nur an die 1:1-Übernahme offensichtlich gefakter Bilder von angeblichen Militäranlagen im Irak, die US-Außenminister Powell seinerzeit vor dem UNO-Sicherheitsrat präsentierte. Da muss man die deutschen Medien schon ein bisschen in Schutz nehmen. Die hatten einfach nicht die Möglichkeit, vor Ort kritisch zu recherchieren. Sie hätten allerdings zurückhaltender kommentieren können.

M | Im Gefolge von Terroranschlägen kommt es immer wieder zu Versuchen, bürgerliche Freiheitsrechte, zum Beispiel auch die Pressefreiheit, einzuschränken: Hierzulande sind da zu nennen der „Große Lauschangriff“, die illegale Durchsuchung von Redaktionsräumen wie im Fall „Cicero“, die nach wie vor aktuellen Versuche, die Vorratsdatenspeicherung zu verschärfen. Wie können legitime Sicherheitsbedürfnisse einer Gesellschaft und Pressefreiheit versöhnt werden?

HALLER | Das Sicherheitsbedürfnis der in Panik versetzten Bevölkerung darf nicht unterschätzt werden. Man kann eine verschreckte Bevölkerung nicht sehr erfolgreich für demokratieerhaltende Argumenten gewinnen. Wir erleben immer wieder, wie Ereignisse instrumentalisiert werden, um die Sorge um Sicherheit zu verstärken, mit der dann entsprechende Schutzgesetze legitimiert werden. Allerdings sind wir in Deutschland bislang noch mit einem blauen Auge davongekommen. Dabei war hilfreich, dass wir eine vergleichsweise staatsunabhängige, von Mainstream-Einstellungen abgekoppelte, sich auf die Verfassungsgrundsätze berufende Rechtsprechung haben, zumindest auf der Ebene des Bundesverfassungsgerichts.

M | Beim Bombenanschlag und Massaker von Oslo wurde in einigen elektronischen Medien früh ein islamistischer Hintergrund angenommen. Warum reagieren die Medien oft so reflexhaft?

HALLER | Das ist genau dieser unsägliche Hang, zu einem Thema via Talkshow gleich eine Erklärung haben müssen statt das Geschehen auf der informierenden Ebene interessant aufzuarbeiten. Der derzeitige TV-Journalismus will sofort bewerten oder einordnen, was da läuft – obwohl man noch nichts weiß. Im Grunde also unprofessionelles Handeln. Diese Meinungsmacherei wirkt antiaufklärerisch. Und damit wird der eigentliche öffentliche Auftrag, Orientierung herzustellen, zerstört.

Das Gespräch führte Günter Herkel

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