Mehr als eine Schlagzeile

ver.di organisierte Journalisten-Studienreise nach Israel

Die Berichterstattung über Israel und den Nahostkonflikt wird durch wenige Schlagworte wie „Mauer“, „israelische Besatzung“, „palästinensische Steinewerfer gegen Soldaten“, „David gegen Goliath“, „jüdische Siedler gegen Olivenbauern“, „Pulverfass Nahost“ geprägt. Der ver.di-Fachgruppe Medien hat daher für Journalistinnen und Journalisten eine Reise nach Israel organisiert, mit dem Ziel, eigene Erfahrungen zu sammeln und persönliche Eindrücke zu gewinnen. Neunzehn Personen erlebten vom 29. Juni bis 6. Juli 2008 ein vielseitiges Programm.

Eine Einführung in die Medienlandschaft Israels erhielten die Teilnehmer in einem Gespräch mit David Witzthum, Moderator des israelischen Fernsehsenders IBA-TV und ehemaliger Korrespondent in Bonn. Die Medienlandschaft Israels ist sehr vielfältig und orientiert sich an den größten Bevölkerungsgruppierungen Israels: den säkularen jüdischen Israelis, den arabisch sprechenden Israelis, den russischsprachigen Israelis sowie den ultra-orthodoxen Israelis. Den Zeitungsmarkt dominieren die vier auflagenstarken hebräischen Tageszeitungen Yedioth Ahronot, Ma’ariv, Ha’aretz, Globes; sowie drei Tageszeitungen in russischer und unzählige Zeitungen in arabischer Sprache. Der TV-Markt wird durch einen staatlichen TV-Sender, zwei private TV-Sender mit Vollprogrammen, sowie zahlreiche Lokal- und Spartensender im Kabelnetz und via Satellit geprägt. Neben dem staatlichen Rundfunk Kol Israel, gibt es noch den Militärsender Galej Zahal und viele private Rundfunkstationen und Piratensender. Bei einem Besuch der Tageszeitung Haaretz und ihrer englischsprachigen Redaktion konnte ein Überblick über die israelischen Tageszeitungen und die Arbeitsbedingungen des Nachrichtengeschäftes in Israel gewonnen werden.
Von all den Orten, die während der Reise besichtigt wurden – die Unabhängigkeitshalle, in der Ben Gurion 1948 den Staat Israel ausrief, die Stadt Tel Aviv, Bethlehem, die Altstadt Jerusalems und Yad Vashem, – bot die Kleinstadt Sderot den Teilnehmern den eindringlichsten Eindruck von der aktuellen Bedrohungslage Israels. Die Stadt am Rande des nördlichen Gaza-Streifens wird seit Jahren permanent von palästinensischen Terroristen mit Raketen beschossen. Zahlreiche Menschen wurden bei den Angriffen ermordet und schwer verletzt. Die Betonbunker, die alle paar hundert Meter auf den Gehwegen zu finden sind und den Einwohnern Schutz bieten sollen, wenn das Alarmsignal ca. 15 Sekunden vor Einschlag der Raketen dröhnt, ließen die abstrakte Vorstellung vom Israel-Palästina Konflikt Realität werden. Während sich die Reisegruppe in Sderot befand, wurde ein Anschlag in der Haupteinkaufsstrasse Jerusalems verübt, einige hundert Meter vom Hotel, in dem die Gruppe untergebracht war.
Daniel Seaman, Director des Government Press Office, welches an das Prime Minister’s Office angegliedert ist, berichtete über die Arbeit der ausländischen Medien in Israel, u.a. des arabischen Senders Al Jazeera. Er hob die Bedeutung der freien Medien in einer demokratischen Gesellschaft hervor. Dabei begrüßte er ausdrücklich die Arbeit von Al Jazeera. Zensur durch israelische Behörden gebe es heute nicht mehr, erklärte Seamann. Nur bei Nachrichten über militärische Vorgänge werden Informationen z.T. verzögert oder zurückgehalten.
Der ehemalige Generaldirektor des Palästinensischen Ministeriums für Wirtschaft und Handel, Prof. Munther S. Dajani ging bei einem Gespräch vor allem auf die Bemühungen des „Institution Buildings“ auf der palästinensischen Seite ein. Er berichtete über die mangelnden demokratischen Strukturen und die kaum vorhandene Meinungsfreiheit im Gaza-Streifen und im Westjordanland. Dajani sprach sich für eine bürgerliche palästinensische Gesellschaft der Mitte aus, fernab von Hamas und Fatah. Von der Arbeit der israelischen Friedensbewegung erfuhren die Journalisten im Kibbutz Education Center Givat Haviva durch die Friedensaktivistin Lydia Aisenberg. In der seit 1963 bestehenden israelischen Bildungs- und Begegnungsstätte bemüht man sich um die jüdisch-arabische Verständigungsarbeit durch alle Alters- und Bildungsschichten.
Eine Führung mit dem Journalisten Ulrich W. Sahm an den Stadtrand von Jerusalem, den Sicherheitszaun, in die Stadt Bethlehem, zu einem Checkpoint und in die israelische Siedlung Efrat bot Gelegenheit, einen persönlichen Eindruck von der Sicherheitslage vor Ort zu erhalten. Die Bewohner am Stadtrand Jerusalems schützen sich mit Betonsichtblenden und Panzerglas gegen Scharfschützen von den gegenüberliegenden Berghängen. Der Sicherheitszaun verhindert die Einreise von Selbstmordattentätern und den Schmuggel von Waffen und Sprengstoff nach Israel. Nach Angaben der israelischen Regierung ist seit dem Bau des Zaunes die Zahl der Selbstmordattentate in israelischen Restaurants, Märkten und Bussen um über 80% gesunken.
Am Rande der Reise gab es genügend Zeit für die feinen Sandstrände Tel Avivs und die historische Altstadt Jaffa. Aber auch die Gelegenheit zu Gesprächen mit dju-Kolleginnen und Kollegen, die als Israel-Korrespondenten für die Frankfurter Rundschau und Süddeutsche Zeitung tätig sind, kamen nicht zu kurz. Es gab ein abendliches Essen im Willy-Brandt-Center in Jerusalem und eine Gesprächsrunde mit der Publizistin und Zeit-Korrespondentin Gisela Dachs.
Auch 2009 wird die Fachgruppe Medien Ende April wieder gemeinsam mit dem israelischen Studienreiseveranstalter Keshet Israel – The Center for Educational Tourism eine Journalisten-Reise nach Israel sowie eine Studienreise für junge, angehende Journalisten bis 27 Jahre anbieten.

nach oben

weiterlesen

Paris: Ausweisung war rechtswidrig

Das Pariser Verwaltungsgericht erklärte die Ausweisung von Luc Śkaille im August 2019 für rechtswidrig. Der Journalist wollte für den Freiburger Sender Radio „Dreyeckland“ über den G7-Gipfel in Biarritz berichten. Grundlage für die Ausweisung waren Informationen des Bundeskriminalamts über seine Beteiligung an einer Hausbesetzung vor 10 Jahren. Der Geschäftsführer von Radio Dreyeckland sieht im Urteil ein Signal an die Behörden, Journalist*innen nicht an ihrer Arbeit zu hindern.
mehr »

Neue Zeitung auf Papier für Spanien

Spanien hat eine neue Tageszeitung, online und auf Papier. Seit dem Nationalfeiertag, dem 12. Oktober, erscheint „El Periódico de España“. Das Team um Chefredakteur Fernando Garea will die Medienlandschaft aufmischen. „Wir brauchen einen Journalismus, der das heutige Spanien versteht“, sagt der erfahrene Journalist, der unter anderem die spanische Nachrichtenagentur EFE leitete. Er hat sich mit einer Mannschaft umgeben, die unter anderem bei der Konkurrenz, wie etwa dem Verlagshaus PRISA, Herausgeber der größten Tageszeitung Spaniens, der „El País“, abgeworben wurde.
mehr »

Türkei: Strafe wegen Satire nicht rechtens

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Türkei wegen Verletzung der Meinungsfreiheit verurteilt. Die Bestrafung eines Mannes wegen zweier satirisch-kritischer Facebook-Posts über Präsident Recep Tayyip Erdogan verstieß gegen die Meinungsfreiheit, urteilte der Gerichtshof am 19. Oktober in Straßburg. Die Türkei wird aufgefordert, das zugrundeliegende Gesetz zu ändern und dem Kläger 7.500 Euro Schadenersatz zu zahlen.
mehr »

Slowenien: Regierung dreht Geldhahn zu

Einschüchterung, Selbstzensur und ein Premierminister, der den Medien den Krieg erklärt hat. In Slowenien, das zurzeit turnusmäßig die EU-Ratspräsidentschaft innehat, will sich Janez Janša die Presse untertan machen. Der staatlichen Nachrichtenagentur STA drehte er den Geldhahn zu. Unterstützung erhält er dabei aus Ungarn. Doch der Slowenische Journalistenverband stellt sich dagegen und übt Solidarität mit Kolleg*innen.
mehr »