Mit Füßen getreten

Islamischer Staat, al-Kaida, Shabaab-Miliz, Boko Haram – die Liste der brutalen Übergriffe islamistischer Terrorgruppen wird täglich länger. Und ihre Gräueltaten machen auch vor Journalisten nicht halt. Henker der IS-Miliz enthaupteten im September die amerikanischen Journalisten James Foley und Steven Sotloff. Al-Kaida tötete im Jemen den US-Fotoreporter Luke Somers. Nicht besser sieht es in Somalia, Nigeria, Libyen oder Pakistan aus.


Die Gewalt der islamistischen Gruppen dominiert die Schlagzeilen in der Auslandsberichterstattung. Zu Recht. Aber nicht nur anlässlich des Internationalen Tages der Pressefreiheit am 3. Mai darf man den Blick auf staatliche Stellen als Verletzer der Medienfreiheit nicht vergessen.
Raif Badawi, der zu 1.000 Peitschenhieben und zehn Jahren Haft verurteilte Blogger aus Saudi-Arabien ist der berühmteste, aber längst nicht der einzige politische Gefangene im Königreich. Dort riskiert jeder Inhaftierung und Misshandlung, wenn er in politischen oder religiösen Fragen öffentlich eine andere Meinung als die Herrscherfamilie vertritt. Wer in Ägypten in Verdacht steht, die verbotene Muslimbruderschaft zu unterstützen, findet sich umgehend vor Gericht und dann im Gefängnis wieder. Auch im Krieg wird die Pressefreiheit mit Füßen getreten. Das wissen regierungskritische Journalisten in Russland genauso wie ihre pro-russischen Kollegen in der Ukraine. Die Ermordung von Oles Buzina in Kiew Mitte April hat das eindringlich bewiesen.
Meinungsfreiheit in China, Weißrussland oder Eritrea? Trotz aller Proteste der vergangenen Jahre hat sich an der trostlosen Lage für mutige Journalistinnen und Journalisten dort nichts geändert. Denken wir an Gao Yu, eine Mitarbeiterin der Deutschen Welle, die gerade in Peking zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde – nicht zum ersten Mal.

Im Vergleich dazu leben wir in Westeuropa in paradiesischen Zuständen. Und dennoch müssen uns etwa die neuen Pläne der Bundesregierung für eine Vorratsdatenspeicherung misstrauisch machen. Wer die Pressefreiheit schützen will, muss auch die Daten von Journalisten schützen. Mord und Haftstrafen in anderen Teilen der Welt dürfen uns nicht daran hindern, am 3. Mai auch hierzulande Angriffe auf den Informantenschutz und die Medienfreiheit als solche zu benennen.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Gambia: Viele Aufgaben trotz Fortschritten

Eine Delegation von Reporter ohne Grenzen (RSF) unter der Leitung von Generalsekretär Christophe Deloire hat Ende November in Gambia mit Präsident Adama Barrow die großen Fortschritte, aber auch die Defizite seines Landes in Bezug auf die Pressefreiheit diskutiert. Seit dem Sturz von Diktator Yahya Jammeh im Jahr 2017 hätten sich die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in dem westafrikanischen Land deutlich verbessert, heißt es in einer RSF-Pressemitteilung. Hoffnung mache zudem, dass der Mord am RSF-Korrespondenten Deyda Hydara im Dezember 2004 in Gambia aktuell vor einem deutschen Gericht aufgearbeitet wird.
mehr »

Medienhäuser: Allianz für Assange

Fünf internationale Medienhäuser haben die US-Regierung in einem offenen Brief aufgefordert, die Strafverfolgung von Wikileaks-Gründer Julian Assange einzustellen. Der Brief wurde am 28. November vom „Spiegel“, der „New York Times“, „The Guardian“, „Le Monde“ und „El País“ veröffentlicht. Die Anklage gegen Assange sei ein „gefährlicher Präzedenz­fall“, der die Presse­freiheit zu unter­graben drohe. 
mehr »

Komplizen von Katars „Sportswashing“?

Am 20. November startet die Fußball-WM in Katar. Über die Schattenseiten dieses Mega-Events – WM-Baustellen und Sklavensystem, Diskriminierung queerer Personen und Frauen, Korruption – wurde in den letzten Monaten viel publiziert. Wie kann in dieser Situation eine Medienberichterstattung gelingen, die die Balance zwischen Sportjournalismus und den Erwartungen einer kritischen Öffentlichkeit schafft?
mehr »

ARD: scharf, aber respektvoll im Bürgerparlament

In zentralen gesellschaftlichen Problemen – Corona, Migration, Arm und Reich – erleben viele Menschen die Gesellschaft als gespalten. Seit Amtsantritt der Ampelkoalition hat sich nach einer Infratest dmap-Umfrage im Auftrag der ARD der gesellschaftliche Zusammenhalt sogar noch verschlechtert. Mit ihrer Themenwoche „WIR gesucht – Was hält uns zusammen?“  will die ARD gegensteuern. Neue Formate wie „Das Bürgerparlament“ sollen den direkten Dialog mit dem Publikum fördern. Auftakt gelungen.
mehr »