Ohne Zuschauer

Absurde Propagandaschlacht um Totenzahlen im Gaza-Krieg

Ausführlicher könnte der Lagebericht des israelischen Militärsprechers kaum sein: „Das Vorrücken im Gazastreifen erfolgt nach Plan. Die Soldaten erfüllen ihre Mission.“ Mehr ist über das Eindringen israelischer Truppen nicht zu erfahren. Angeblich wurde der Gazastreifen in drei Teile zerschnitten. Die Soldaten positionierten sich außerhalb dicht besiedelter Gebiete und führten gezielte Kommandounternehmen gegen gründlich ausspionierte Hamas-Stellungen und Verstecke aus.

Den Israelis mangelt es nicht an willigen Kollaborateuren: abgetauchte Fatah-Leute. Dutzende werden angeblich von der Hamas hingerichtet, sowie sie verletzt in die überfüllten Krankenhäuser gelangen. Nachprüfen lässt sich nichts. Die Auslandspresse muss sich damit begnügen, von Hügeln und Hausdächern in Ägypten oder Israel das Geschehen aus der Ferne zu beobachten. Man hört Gewehrfeuer und Explosionen. Man sieht Stichflammen, Rauchpilze wie von kleinen Atombomben und „malerisches“ Feuerwerk, wenn die israelische Artillerie Granaten (auch Phosphor?) verschießt. Der israelische Militärsprecher blockt Nachfragen von Journalisten ab: „Es werden keine Angaben über Waffen und Munition preisgegeben.“ So ist nicht einmal bei der offiziellen Stelle zu erfahren, ob Israel Phosphor eingesetzt hat. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch fordern eine Untersuchung, ob sich Israel Kriegsverbrechen schuldig gemacht habe.

In den arabischen Medien steht dagegen längst fest, dass die Israelis Kriegverbrecher seien. Zum Beweis wird bei Al Dschesira immer wieder ein Baby mit schweren Verbrennungen im Gesicht gezeigt, selbstverständlich durch israelisches Phosphor verursacht. Niemand interessiert sich dann mehr für die Aussage eines amerikanischen Arztes, Spezialist für Verbrennungen, wonach die Ursache von Verbrennungen auf der Haut nicht anhand der Blasen und Brandspuren ermittelt werden könnten.
Im Gazastreifen hielten sich während des „Krieges“ ab dem 27. Dezember und bis zu dem von Ministerpräsident Ehud Olmert verkündeten einseitigen Waffenstillstand drei Wochen später nur Korrespondenten arabischer Fernsehsender auf, zum Beispiel von Al Dschesira. Deren Korrespondenten, mit Helm und Kugelschutzjacke gut verpackt, berichteten aus sicherer Entfernung vom Dach des Medienzentrums. Sie brachten Bilder der gleichen Explosionen und Rauchpilze, wie sie die Reporter vom Hügel bei Sderot in Israel aus filmten. Und dann hielt sich ein Team beim Schifa-Hospital auf, wo Ambulanzen Tote und Verletzte anlieferten. Die Kamera hielt mit Vorliebe auf blutverschmierte Kinder und schaute ihnen pietätlos in die toten Augen.

Für Journalisten tabu

Es soll 1.310 palästinensische Tote gegeben haben. Zwei Drittel der Toten seien Männer im Kampfesalter, viele in Tarnuniform, hieß es nach zwei Wochen. Doch als der Krieg vorläufig beendet war, wurde den umstrittenen Zahlen die beliebte Formel hinzugefügt: „überwiegend Frauen und Kinder“. Als nach Kriegsende ein italienischer Korrespondent aus Gaza zurückkommt und nach Befragung von Ärzten, die nicht zur Hamas gehören, zu dem Schluss kam, dass es „nur“ 600 Tote gegeben habe, veröffentlicht der israelische Militärsprecher ein scharfes Dementi: Diese niedrige Einschätzung sei nicht akzeptabel! Mehr als 700 Hamaskämpfer seien getötet worden. So gestaltet sich jetzt der Streit um die nicht nachprüfbaren Totenzahlen zu einer absurden Propagandaschlacht. Während die palästinensische Seite versucht, mit möglichst hohen Opferzahlen Israel als rücksichtlosen Kriegsverbrecher bloßzustellen, das einen „Holocaust“ an der palästinensischen Bevölkerung anrichtete, scheinen die israelischen Militärs die Totenzahlen hochzutreiben, um ihren „Sieg“ über die Hamas zu beweisen. Gleichzeitig spielt die Hamas ihre Verluste herunter, um wiederum ihren „Sieg“ zu demonstrieren.

Als die Korrespondenten endlich den Gazastreifen inspizieren durften, geriet die sicht- und filmbare Zerstörung in den Vordergrund. Verbogener Beton und wie von einem Erdbeben zu Schichthaufen plattgemachte Häuser schüren beim Fernsehzuschauer im friedlichen Europa ebenso die Emotionen, wie die zuvor präsentierten „überwiegend Frauen und Kinder“. Innerhalb von Stunden legte die UNO per Pressemitteilung die Zerstörungsbilanz vor: 4.000 kaputte und 20.000 beschädigte Häuser. Wie sie das so schnell alles zählen konnte, bleibt ihr Geheimnis. Bemerkenswert ist hierbei wieder einmal ein Abgleichen mit den bekannten Zahlen. Da kommen auf einen getöteten Palästinenser gleich 20 zerstörte oder unbewohnbar gemachte Häuser. Erneut stellt sich die Frage, welche Angaben maßlos über- oder untertrieben sind. Denn sonst muss man zum Schluss kommen, dass der israelische Geheimdienst mit Erfolg alle leerstehenden Häuser im vermeintlich „am dichtest besiedelten Landstreifen der Welt“ ausgemacht hat, um ausgerechnet die dem Erdboden gleichzumachen.

Die Hamas hatte nach ihrem Putsch im Juni 2007 dafür gesorgt, dass ausländische Journalisten ausnahmslos ihre Posten im Gazastreifen verließen und nur noch sporadisch einreisten. Entführungen und Drohungen sorgten für den Exodus der Presse. Den zurückgebliebenen palästinensischen Journalisten wurde mit drastischen Methoden wie Schüssen in die Knie klar gemacht, nichts „Falsches“ zu berichten.

In Israel meldete sich die militärische Pressezensur zu Wort und schärfte den Berichterstattern ein, ihre Texte vorzulegen. Zwei Reporter des iranischen Fernsehens wurden verhaftet, weil sie angeblich „zu früh“ über den israelischen Einmarsch mit Bodentruppen berichteten. Das Aufmarschgebiet wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt, war also für Journalisten tabu. Einem Urteil des Obersten Gerichts, wenigstens einige Korrespondenten in den Gazastreifen einzulassen, wurde bis zum letzten Kriegstag nicht Folge geleistet.

So geschah es, dass dieser Krieg de facto unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt wurde, auf beiden Seiten. Die Pressefreiheit und das „Recht der Öffentlichkeit, zu wissen“, wurden von Hamas und Israel ausgesetzt. Unklar ist, ob die totale Geheimhaltung dazu diente, mögliche Kriegsverbrechen zu verschleiern oder dazu, den Krieg effektiver zu gestalten und Opfer zu verhindern. Fest steht, dass der Ausschluss der Medien Propaganda und Gerüchten Tür und Tor öffnete. So muss der Fernsehzuschauer vor allem nach seiner Wahrnehmung entscheiden, wer der Sieger ist. Die Tatsachen vor Ort bleiben weitgehend auf der Strecke.

nach oben

weiterlesen

Kapstadt: Beim Radio drohen Kündigungen

Ein perfekter Sturm aus jahrelanger Misswirtschaft, Korruption und gesunkenen Einnahmen infolge der Corona-Krise hat Südafrikas öffentlich-rechtlichen Rundfunk SABC in schwere finanzielle Nöte gebracht. Leidtragende sollen die Beschäftigten sein, mindestens 303 festangestellten Mitarbeiter*innen droht im Zuge von Umstrukturierung die Entlassung. Die Gewerkschaften kritisieren den Prozess als unfair und ungesetzlich - auch weil es bei der Ausschreibung neuer Stellen hakt.
mehr »

Frauen mehr Macht – besser für uns alle!

Die Corona-Pandemie verschärft die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, zwischen Armen und Reichen, zwischen den Ländern im Norden und im Süden der Erde. Höchste Zeit, die in UN-Abkommen verbriefte Geschlechtergerechtigkeit umzusetzen, denn mehr Frauen an der Macht befördern den Wandel zu einer Weltgesellschaft, die gemeinwohlorientiert und gleichberechtigt ist. Dazu können wir als Gewerkschafter*innen und Medienschaffende beitragen – nicht nur am Weltfrauentag!
mehr »

Mumia Abu Jamal an Corona erkrankt?

Die Nachricht über die akute Bedrohung für die Gesundheit des seit 1981 inhaftieren US-Journalisten erreichte in den letzten Tagen Solidaritätsgruppen in aller Welt. Sie fürchten um das Leben des 66-Jähigen, der wegen zahlreicher Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehört. Der Aktivist der Black-Panther-Party wurde wegen der angeblichen Ermordung eines Polizisten zum Tode verurteilt. 2011 hat ein Bundesgericht die Strafe in lebenslange Haft ohne Revisionsmöglichkeit umgewandelt.
mehr »

Australische Medien müssen zahlen

Nach rund dreieinhalb Monaten ist das spektakuläre Verfahren gegen ursprünglich 36 Journalist*innen und Medienunternehmen in Australien beendet. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, gegen eine gerichtliche Nachrichtensperre im Prozess gegen den australischen Kardinal George Pell wegen Kindesmissbrauchs im Dezember 2018 verstoßen zu haben. Der Prozess gilt als einzigartig für ein demokratisches Land, weil er offenbart, wie eingeschränkt die Pressefreiheit in Australien weiterhin ist: durch Gesetze, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen. 
mehr »