Radios stillgelegt

Wenige Konsortien beherrschen chilenischen Radiomarkt

In Venezuela beschließt die Regierung, den rechtlichen Status von 34 Radiosendern kurzer und mittlerer Reichweite zu „regulieren“, wenige Frequenzen gehen an kommunale Sender. 32 Familien besitzen und kontrollieren bisher die gesamte venezolanische Radiolandschaft, so dass Lokalradios, die keine kommerziellen Zwecke verfolgen, nicht arbeiten und senden können. In Chile macht die Regierung mit den kommunalen Radiosendern das Gegenteil: Sie erlässt ein Gesetz, das die Existenz der Lokalradios regelt, ihr Funktionieren ohne kommerzielle Gewinne jedoch unmöglich macht.


Mehr als 40 Sender in Chile sind bereits stillgelegt. Ihre technische Ausrüstung wurde konfisziert, und die Radiobetreiber wurden unter Androhung von Gefängnis- und Geldstrafen vor Gericht gestellt. Das Bemerkenswerte ist, dass die Vorgänge in Venezuela der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ Anlass zu zornigen Reaktionen gibt, von zahlreichen Medien in aller Welt aufgegriffen werden mit fanatischen Kommentaren und Anschuldigungen wegen „schwerwiegender Verstöße gegen die Meinungsfreiheit“.
Und was ist mit Chile? Kaum jemand auf der Welt hat etwas von dem regierungsamtlichen Vorgehen gegen die 40 kommunalen Radiosender erfahren noch davon, dass die Mehrheit der Frequenzen im Besitz ausländischer Konsortien sind, noch dass die „Vereinigung der Radiosender Chiles“ (Associacion de Radiosdifusores de Chile (Archi) von der Regierung forderte, gegen die kommunalen Sender vorzugehen. Dabei beruft sich Archi auf ein Gesetz, das 1984 von Diktator Augusto Pinochet erlassen wurde, zufällig in genau jenem Jahr, in dem der Widerstand gegen ihn besonders heftig war. Dieses Gesetz ist immer noch in Kraft.
Die Gruppe der Konsortien, in deren Händen die großen chilenischen Radiosender sind, beeilte sich dieses massive Vorgehen gegen die Lokalradios einzufordern, um zu verhindern, dass sie – sich in einer juristischen Grauzone bewegend – ihren Status konsolidieren und dem Expansionsdrang der wirtschaftlichen Gruppen, die die chilenische Radiolandschaft kontrollieren, Einhalt gebieten können.
Eigenartigerweise ist es in Chile möglich, Konzessionen für Frequenzen zu übertragen, anderen zu überlassen, zu vermieten oder anderweitig die Senderechte zu vergeben. So wurde erreicht, dass 36 Gesellschaften im Besitz von mindestens 200 Frequenzen sind. Innerhalb dieser Gesellschaften gibt es zwölf Gruppen, die sich ein und denselben Geschäftsführer und 200 Konzessionen teilen.
Von diesen Gruppen sind drei in der Hand ausländischer Investoren. Das chilenische Parlament informierte darüber, dass diese drei ausländischen Konsortien derzeit mehr als 100 chilenische Sender kontrollieren: Ein kolumbianisches namens „Consorcio Radial de Chile“ besitzt 37 Sender, ein US-amerikanisches kontrolliert mehr als 40 und ein drittes, „Iberomérica Media Partner“, kontrolliert knapp 50 Sender und gehört zur spanischen Gruppe „Prisa“.
Strategisches Ziel der Kommerzsender ist es, die Lokalradios zu verdrängen, da sie befürchten, dass sich ansonsten die Reichweite ihrer Sendungen reduziert. Die Konsortien haben sich die Frequenzen auf unterschiedliche Weise angeeignet. Sobald eine Gruppe die Kontrolle über eine lokale Frequenz übernimmt, wird die Redaktion des kommunalen Senders geschlossen, Sprecher und Journalisten werden entlassen, und der Sender wird in einen Rundfunk verwandelt, der die zentral gesteuerten Sendungen aus der Hauptstadt Chiles wiederholt oder im Ausland produzierte Sendungen übernimmt. Die lokalen Informationen verschwinden und werden durch nationale Sendungen ersetzt, u.a. weil so die Werbung der kommerziellen Ketten mit größeren Reichweiten verkauft werden kann. Das jedoch ist, wie bereits die kommunale Vereinigung der Radiosender Chiles (Associacion de Radios comunales) festgestellt hat, ein eindeutiger Verstoß gegen die Meinungsfreiheit und zum Nachteil der Kommunen in ganz Chile.

Alvaro Rojas,
Übersetzung aus dem Spanischen: Elke Kienzle 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Meta ignoriert Transparenzvorgaben

Leicht wahrnehmbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar: So müssen etwa Social-Media-Plattformen offenlegen, nach welchen Kriterien sie Inhalte auswählen, anzeigen und sortieren. Auch der Einsatz von Algorithmen muss verständlich erklärt werden. Das schreibt der Medienstaatsvertrag vor. Weil Facebook sich nicht daran hielt, griff die Medienaufsicht ein. Doch gegen die Beanstandung klagt der Meta-Konzern. Vor Gericht geht es um grundsätzliche Rechtsfragen.
mehr »

Regierungswechsel ohne Pressefreiheit

Berichten in einem „feindseligen Umfeld“ ist Alltag für die Kolleg*innen in Venezuela, so „Reporter ohne Grenzen“. Das bestätigt auch die Journalistin Ronna Rísquez, die seit mehr als zwanzig Jahren für verschiedene Medien aus Caracas berichtet. Nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen vom 28. Juli 2024 habe sich die Situation weiter verschärft, so Rísquez. Sie hat auch deshalb Venezuela vor rund zehn Monaten verlassen – beobachtet genau und will zurück.
mehr »

Shorts sind keine Hosen

Ein Video-Clip zeigt, wie die Entsorgungsbetriebe einer großen Ruhrgebietsstadt Sperrmüll aufladen und entsorgen. Ein anderer befasst sich mit einem Fußballspiel des Regionalligisten Rot-Weiss-Essen. Und dann noch ein Clip, indem eine junge Redakteurin ihren Arbeitsalltag bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (Funke Mediengruppe) in Bochum beschreibt.
mehr »

Das Netz hat ein SLOP-Problem

Künstliche Intelligenz verändert das Internet wie wir es kannten. KI dient als Beschleuniger von immer neuen Inhalten. Nicht immer entstehen auf diese Weise sinnvolle Inhalte. AI Slop, also digitaler Müll, flutet das Netz. Und KI geht nicht mehr weg. Denn KI-Modelle, finden sich inzwischen an allen möglichen und unmöglichen Stellen des privaten und beruflichen Lebens.
mehr »