Spaniens Regierung regiert weiter in den Medien mit

In ihrer ersten Ausgabe des Jahres hat M über den Druck der spanischen Regierungspartei PP auf kritische Leute in den Medien berichtet – schon rollt wieder ein Kopf. Es traf den beliebten Fernsehmoderator Jesús Cintora, der seine Sendung von einem Tag auf den anderen verloren hat. Immerhin: Dieses Mal gibt es einen Aufschrei.

„Weder ist die Vergangenheit gestorben, noch sind das Morgen und das Gestern geschrieben“ – unter anderem mit diesem pathetischen Satz des Dichters Antonio Machado meldete sich Jesús Cintora am 7. April bei Twitter zurück. Zuvor hatte er dort am 26. März eine Nachricht abgesetzt. Sie bestand im bloßen Hashtag, mit dem sich viele Menschen gegen die endgültige Verabschiedung des seit langem umstrittenen „Knebelgesetzes“ im spanischen Parlament am selben Tag wandten. Das Gesetz schränkt die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in verheerendem Ausmaß ein.
Doch der Fernsehmoderator setzte die Nachricht auch in eigener Sache ab. An jenem Märztag hatte er erfahren, dass er am folgenden Tag seine werktägliche Morgensendung im Privatsender „Cuatro“ nicht mehr moderieren würde. Am Morgen des 27. März schrieb die „Cuatro“-Eignerin Mediaset – eine Tochter des gleichnamigen und von Silvio Berlusconi gegründeten italienischen Unternehmens – ebenfalls auf Twitter , sie wolle, dass ihre Moderatoren objektiv über Politik berichten. Der Online-Branchendienst Bluper berichtete (http://bluper.es/noticias/mediaset-destituye-jesus-cintora-presiones-politicas) nur wenige Stunden später, politische Gründe seien ausschlaggebend für die Suspendierung gewesen. Cintora war bekanntermaßen der Regierungspartei PP seit langem ein Dorn im Auge – laut Bluper aber auch bei anderen Parteien unbeliebt.

Der 1977 geborene Moderator übernahm erst im Mai 2013 die Sendung zu aktuellen politischen Themen. Im August 2014 hielt Spaniens größte Zeitung El País fest, dass Cintora innerhalb eines Jahres die Einschaltquoten verdoppelt hatte. Der vom sozialistisch angehauchten Radiosender Cadena SER gekommene Moderator bot dabei von Beginn an Grund zu Kritik: Schon in seiner ersten Sendung diskutierte Pablo Iglesias mit, der später als Anführer der mittlerweile sehr erfolgreichen Partei Podemos zu einer politischen Reizfigur wurde. Iglesias, der mittlerweile im EU-Parlament sitzt, trat dann zeitweise wöchentlich in der Morgensendung auf. Cintora wird also eine Mitschuld am Aufstieg von Podemos gegeben. Wegen seiner Ausrichtung wurde er von PP-Leuten auch in Live-Gesprächen kritisiert.
Nun gibt es online eine immense Solidarisierung mit dem Geschassten, bis hin zu Boykottaufrufen gegen den Fernsehsender. Es fühlen sich diejenigen bestätigt, die sowieso die großen Medien zu nah an den politisch und wirtschaftlich Mächtigen sehen. Entsprechend meldete sich die katalanische Gratiszeitung „Cafè amb llet“
Tatsächlich reichte es, am 8. April die Startseite des Online-Magazins Eldiario.es aufzurufen, um wieder Grund für diese Kritik zu sehen. Da wurde zum einen berichtet, dass das staatliche Fernsehen den Bericht über die Präsentation des neuesten Heftes der berühmten Comic-Reihe „Mortadelo y Filemón“ (auf Deutsch als „Clever & Smart“ bekannt) nicht, wie etwa Privatsender, zur besten Sendezeit brachte. Statt den 1,8 Millionen Zuschauenden der Nachmittags- oder Abendnachrichten sahen demnach nur die 240 000 Menschen die Ankündigung, die um Mitternacht das zweite Programm sahen. Im neuen Heft „Der Schatzmeister“ sind Clever und Smart auf der Suche nach dem Schwarzgeld einer großen Partei – eine extrem deutliche Anspielung auf den ehemaligen PP-Schatzmeister Bárcenas, der 2013 eine illegale Parteifinanzierung zugab und die Parteiführung bis hin zu Ministerpräsident Rajoy schwer belastete. Zum anderen hält Eldiario.es fest, dass einige Medien positiv und zum Teil groß über die PP-Präsidentin des Bundeslandes Aragón berichteten, nachdem sie wenige Wochen vorher große Anzeigenschaltungen von der Regionalregierung erhalten hatten.
Ob direkt oder indirekt – Spaniens Regierungspartei regiert nach wie vor auch in den Medien mit.

 

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