Syrer als Journalist des Jahres 2016 geehrt

Der Syrer Hadi Abdullah wurde als Journalist des Jahres 2016 ausgezeichnet. Foto: ROG

Reporter ohne Grenzen (ROG) zeichnete am 8. November 2016 den Syrer Hadi Abdullah als Journalist des Jahres aus. Als Medium des Jahres 2016 würdigt ROG die chinesische Informationswebseite „64Tianwang“, die von der Regierung als „umstürzlerisch“ eingestuft wird. Zu Bürgerjournalisten des Jahres kürte die Jury das chinesische Paar Lu Yuyu und Li Tingyu, das seit Mitte Juni unter dem Vorwurf der „Störung der öffentlichen Ordnung“ im Gefängnis sitzt. Die Preise wurden am 8. November in Straßburg verliehen. Mit ihnen ehrt ROG seit 1992 jährlich Journalisten, Medien und Bürgerjournalisten, die sich um die Verteidigung der Pressefreiheit besonders verdient gemacht haben.

Die Auszeichnung ist in jeder der drei Kategorien mit 2500 Euro dotiert. Viele der 22 in diesem Jahr Nominierten kommen aus Ländern, in denen die Pressefreiheit massiv unterdrückt wird, und haben sich trotz Strafverfolgung, Drohungen oder Gewalt durch mutige, unabhängige Berichterstattung ausgezeichnet. Mehrere sitzen wegen ihrer Arbeit im Gefängnis.

Hadi Abdullah habe sich in Syrien als freier Journalist in gefährliche, von seinen meisten Kollegen gemiedene Gebiete des Bürgerkriegslandes gewagt, um Vertretern der Zivilgesellschaft internationales Gehör zu verschaffen. Dabei sei der 29-Jährige mehrmals knapp dem Tod entgangen, begründet ROG die Kür zum Journalisten des Jahres. „Durch seine mutige Berichterstattung eröffnet Hadi Abdullah der Weltöffentlichkeit wichtige Einblicke in die täglichen Nöte der Menschen in Syrien“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. „In einem Land, in dem unabhängiger Journalismus gleichbedeutend mit Lebensgefahr ist, hat er sich durch Professionalität und Mut ausgezeichnet.“

Preisträger Hadi Abdullah wurde als gewissenhafter Berichterstatter über die tagtäglichen Gräueltaten in Syrien zur Zielscheibe für regierungstreue Kräfte wie auch für bewaffnete Rebellengruppen. Im Januar war Abdullah zusammen mit einem Kollegen kurzzeitig von der Dschihadistengruppe Al-Nusra-Front verschleppt worden. Mitte Juni wurde sein Kameramann Chaled al-Issa bei einem Bombenanschlag auf das Wohnhaus mit ihrer gemeinsamen Wohnung in Aleppo so schwer verletzt, dass er acht Tage darauf in einem Krankenhaus in der Türkei starb – kurz, bevor er zur weiteren Behandlung nach Deutschland verlegt werden sollte. Abdullah selbst trug schwere Verletzungen davon.

In den mehr als fünfeinhalb Jahren des Konflikts in Syrien sind dort rund 200 Journalisten und Bürgerjournalisten wegen ihrer Arbeit getötet worden, davon allein 16 in diesem Jahr. Derzeit sitzen mindestens 26 Medienschaffende in den Gefängnissen des syrischen Regimes; mindestens 27 werden von anderen Konfliktparteien als Geiseln gehalten oder gelten als vermisst, darunter sechs ausländische Journalisten. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Syrien auf Platz 177 von 180 Ländern.

Das unabhängige Nachrichtenportal 64Tianwang berichtet mit einem Netz von Bürgerjournalisten über Menschenrechtsverletzungen in China. Immer wieder sind seine Mitarbeiter verhaftet oder vor Gericht gestellt worden, beispielsweise für Berichte über Behördenversagen nach dem Erdbeben in Sichuan 2008 oder über Protestaktionen wie den Farbbeutelwurf auf ein überdimensionales Mao-Porträt auf dem Tiananmen-Platz in Peking 2014. Zuletzt verschleppten die Behörden Anfang September fünf der Bürgerjournalisten, die über Proteste während des G20-Gipfels in Hangzhou berichtet hatten; sie sitzen noch immer im Gefängnis. Mehrfach ist 64Tianwang zum Ziel von Hackerangriffen geworden.

Von Reporter Ohne Grenzen geehrt wurden auch die chinesischen Bürgerjournalisten Li Tingyu (links) und Lu Yuyu. Foto: ROG
Von Reporter Ohne Grenzen geehrt wurden auch die chinesischen Bürgerjournalisten Li Tingyu (links) und Lu Yuyu. Foto: ROG

Die chinesischen Bürgerjournalisten Lu Yuyu und Li Tingyu durchsuchen seit 2012 täglich soziale Netzwerke, sammeln und verifizieren Fotos und Berichte protestierender Arbeiter oder Bürger und veröffentlichen sie auf einer eigenen Webseite. Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler nutzen ihre Daten als Barometer für soziale Unruhen – ein Tabuthema für die Kommunistische Partei Chinas.Nach seiner Festnahme in der südwestchinesischen Provinz Yunnan am 15. Juni wurde das Paar mehr als drei Wochen an unbekanntem Ort festgehalten, bevor sie Kontakt mit Anwälten aufnehmen konnten. Im Gefängnis wurden sie misshandelt; ihnen drohen lange Haftstrafen.

China ist abgesehen von der Türkei das Land mit den meisten inhaftierten Medienschaffenden weltweit: Derzeit sind dort rund 100 Journalisten und Bürgerjournalisten im Gefängnis. Das Propagandaministerium steuert die Berichterstattung mit täglichen Zensurdirektiven; auch das Internet wird umfassend zensiert. Unter Präsident Xi Jinping hat sich die Unterdrückung kritischer Stimmen deutlich verschärft. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht das Land auf Platz 176.

Weitere Informationen, eine vollständige Liste und Kurzporträts aller Nominierten unter: www.reporter-ohne-grenzen.de

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Zunehmende Angriffe auf Medienschaffende

Als schrillendes Alarmsignal bezeichnete die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Deutschlands Platzierung in der heute vorgestellten Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF). Das Land habe die schlechteste Punktzahl seit Einführung der aktuellen Methodik im Jahr 2013 eingefahren, die Lage der Pressefreiheit musste von „gut“ auf nur noch „zufriedenstellend“ herabgestuft werden. Als Grund dafür nannte RSF die zahlreichen Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten im Zusammenhang mit den Corona-Demonstrationen.
mehr »

Hoffnungsschimmer in Tansania

Bei seinem Amtsantritt 2015 galt John Pombe Magufuli als Hoffnungsträger. Tansanias Präsident sagte der Korruption den Kampf an, inspizierte höchstselbst marode Krankenhäuser und entließ medienwirksam Leitungspersonal. Doch bald schon schoss sich der Mann mit dem Spitznamen „Bulldozer" auf die Presse ein und ließ Medienhäuser schließen. Nach seinem Tod Ende März kündigte Nachfolgerin Samia Suluhu Hassan nun Lockerungen an. Noch aber ist die Hoffnung ein zartes Pflänzchen.
mehr »

Türkischer Journalist nach fünf Jahren frei

Der türkische Journalist Ahmet Altan ist am Mittwoch nach fast fünf Jahren aus der Haft entlassen worden. Die Entscheidung fällte ein Berufungsgericht, wie die Journalistenvereinigung Reporter ohne Grenzen auf Twitter mitteilte. Die Freilassung des 71-Jährigen erfolgte einen Tag, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die Türkei wegen der langen Untersuchungshaft für Altan und seinen Kollegen Murat Aksoy verurteilt hatte.
mehr »

Pressefreiheit im Fokus der Fotografen

Jährlich zum 3. Mai, dem internationalen Tag der Pressefreiheit, erscheint ein neuer Band „Fotos für die Pressefreiheit“ von Reporter ohne Grenzen (RSF). Die Bücher zeigen seit fast drei Jahrzehnten eindrucksvoll, wie wichtig das Einfordern dieses Menschenrechts und die mutige Arbeit von Journalist*innen weltweit sind. Der aktuelle Band ist weitgehend vorbereitet. Zu den Druckkosten kann noch bis 16. April mit Spenden beigetragen werden.
mehr »