USA: Pressefreiheit auf dem Prüfstand

Ex-US-Präsident Trump, ein immer wiederkehrendes Thema
Foto: Martha Richards, re:publica 2022

Vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA initiiert Reporter ohne Grenzen (RSF) in Zusammenarbeit mit dem Reynolds Journalism Institute (RJI) seinen neuen U.S. State Press Freedom Index. Analog zur weltweiten RSF-Rangliste der Pressefreiheit soll mithilfe des Index in den kommenden Monaten die Lage der Pressefreiheit in allen Bundesstaaten und Territorien der USA bewertet werden. Grundlage der Bewertungen werden Informationen sein, die landesweit fortlaufend von lokalen Journalist*innen  sowie Medienexpert*innen gesammelt werden.

„Die RSF-Rangliste ist ein unschätzbares Instrument, um die Lage der Pressefreiheit weltweit zu verstehen. Darauf aufbauend wollten wir tiefer in die Situation in den Vereinigten Staaten eintauchen“, sagte RSF-Geschäftsführer Christian Mihr. „Je nachdem, wo sie in den USA leben, können die Erfahrungen von Journalistinnen oder Nachrichtenkonsumenten völlig unterschiedlich sein. Unser neues Projekt soll deutlich machen, wie groß diese Unterschiede sind, und eine wichtige Ressource für Journalisten, politische Entscheidungsträger*innen und all diejenigen bieten, die sich mit der Pressefreiheit in den USA befassen.“

„RJI freut sich, diese Zusammenarbeit mit Reporter ohne Grenzen einzugehen und Medienschaffenden, die in den Vereinigten Staaten leben und arbeiten, eine neue wichtige Ressource an die Hand zu geben“, sagte Kat Duncan, Direktorin für Innovation am Reynolds Journalism Institute. „Die vom RJI bereitgestellten Ressourcen sind grundsätzlich praxisnah und decken aktuelle Bedarfe von Medienschaffenden – was dieses Projekt perfekt für eine Partnerschaft macht. Wir hoffen, dass diese Ressource Journalistinnen und Journalisten im ganzen Land wichtige Informationen zur Verfügung stellt, mit deren Hilfe sie sicher in ihren Gemeinden arbeiten können.“

Pressefreiheit USA

Auf der Rangliste der Pressefreiheit stehen die Vereinigten Staaten auf Platz 45 von 180 Ländern.

Ähnlich wie die Rangliste der Pressefreiheit von RSF, die jedes Jahr anhand von quantitativen und qualitativen Datenerhebungen 180 Länder und Territorien weltweit bewertet, wird der vom RSF-Büro in Washington geführte U.S. State Press Freedom Index jedem US-Staat eine Bewertung zuweisen. Ein Lenkungsausschuss wird als ersten Schritt einen Fragebogen entwerfen, den im Anschluss lokale Journalistinnen und Journalisten ausfüllen sollen. Der Fragebogen berücksichtigt bestehende Gesetze zum Schutz von Medienschaffenden, Angriffe auf oder Belästigungen von Medien und ihren Mitarbeitenden, Beschränkungen des Zugangs zu öffentlichen Informationen sowie weitere relevante Faktoren.

Einst Vorbild für die Pressefreiheit

Der State Index kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Stimmung gegenüber Medienschaffenden in den USA kippt. Die zunehmende Aggressivität zeigte sich zuletzt auf erschreckende Weise in zwei Morden an Lokaljournalisten: an Jeff German, Reporter des Las Vegas Review-Journal, am 3. September 2022 in Las Vegas und an Dylan Lyons, Reporter von Spectrum News 13, am 22. Februar 2023 bei Orlando.

Viele der zugrunde liegenden, chronischen Probleme für die Pressefreiheit in den USA werden zudem von den Behörden vernachlässigt – darunter das Sterben von Lokalredaktionen, die Polarisierung der Medien oder die Schwächung von Journalismus und Demokratie durch digitale Plattformen und soziale Netzwerke.

Mehr als ein Dutzend Bundesstaaten und Gemeinden in den USA haben Gesetze vorgeschlagen oder erlassen, die den Zugang von Journalistinnen und Journalisten zum öffentlichen Raum einschränken. Dazu gehören auch der Ausschluss von Parlamentssitzungen und das Verbot, Aufnahmen von Polizeikräften anzufertigen. Unter den Initiatoren befinden sich einige einflussreiche Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2024. Berichten zufolge führte der frühere Präsident Donald Trump Gespräche mit Beratern darüber, wie während seiner möglichen zweiten Amtszeit der Erste Verfassungszusatz umgangen werden könnte und Medienschaffende inhaftiert werden könnten. Der Gouverneur von Florida und republikanische Präsidentschaftskandidat Ron DeSantis hat mehrere staatliche Initiativen zur Bekämpfung der Medien unterstützt und ausdrücklich dazu aufgerufen, die Rechtsprechung des Supreme Court zu kippen, die es Personen des öffentlichen Lebens bislang erschwert, Medienschaffende wegen kritischer Berichterstattung zu verklagen.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

„Desinformation gefährdet Leben“

Politische Kommunikation studierte Johannes Hillje an der London School of Economics, Politikwissenschaften an der Universität Mainz. Er arbeitet als Politik- und Kommunikationsberater und ist Autor. In seinem Buch „Mehr Emotionen wagen“ beschreibt er, wie Gefühle die politische Landschaft beeinflussen. Wir sprachen mit ihm über emotionale Wahlkämpfe, journalistische Strategien und den Umgang mit Antidemokraten.
mehr »

Leben ohne Thüringer Lokalzeitung 

Ostthüringen ist im Jahr 2023 von der Funke-Mediengruppe zur „Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums“ erklärt worden. Der Verlag stellte die Zustellung der Printausgabe der Ostthüringer Zeitung in elf Gemeinden rund um Greiz ein. Thomas Schnedler und Malte Werner vom Netzwerk Recherche haben die Folgen untersucht. Die Ergebnisse finden sich im Abschlussbericht „Lückenfüller –Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?“.
mehr »

Katapult MV: Die Stimme für den Norden

Die kleine Redaktion von Katapult MV stellt im Flächenland mit 1,57 Millionen Einwohner*innen mit einer monatlichen Zeitung und aktuellen Online-Beiträgen ein Gegengewicht in der Berichterstattung dar. Wir sprachen mit Chefredakteur Patrick Hinz über Lokaljournalismus, die anstehenden Landtagswahlen und den journalistischen Umgang mit der AfD.
mehr »

Weltweite Solidarität mit der Deutschen Welle

Journalistengewerkschaften und -verbände aus der ganzen Welt haben beim Jubiläumskongress der International Federation of Journalists (IFJ) in Paris ihre Solidarität mit den Beschäftigten der Deutschen Welle erklärt und Bundeskanzler Merz, Kulturstaatsminister Weimer, den Deutschen Bundestag und den Rundfunkrat der DW aufgefordert das Sparprogramm zu stoppen.
mehr »