Zermürbende Morddrohungen

Ein Interview mit der pakistanischen Journalistin Meera Jamal

Meera Jamal nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch in ihren Artikeln formuliert die 26-jährige Journalistin aus Pakistan klar ihre Meinung, und genau das brachte sie in Schwierigkeiten. Eines Tages hielten maskierte Männer Meera Jamal in der Hafenstadt Karachi auf dem Weg zur Arbeit auf. Sie drohten ihr mit der Ermordung, weil ihre Artikel in einer islamischen Gesellschaft unerwünscht seien. Jamals Anzeige bei der Polizei führte zu nichts. Daraufhin entschloss sich die Redakteurin der Tageszeitung Dawn zur Flucht. Mit Hilfe von „Reporter ohne Grenzen“ fand sie Schutz in Deutschland. Mit ihr sprach Harald Gesterkamp.

M | Im Oktober 2008 sind Sie aus Pakistan geflüchtet. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

MEERA JAMAL |
 Seit Ende 2007 bin ich immer wieder schriftlich und telefonisch bedroht worden. Das wurde schlimmer, als ich im März 2008 einen kritischen Artikel über die Koranschulen in Pakistan veröffentlichte. Da habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, das Land zu verlassen. Die Entscheidung zur Flucht ist mir ganz und gar nicht leicht gefallen. Meine Eltern sind schon alt, und ich habe sie nach Kräften unterstützt. Anfangs habe ich die Drohungen kaum ernst genommen. Mit der Zeit wurde für mich das Leben in Pakistan jedoch immer riskanter. Die vielen Morddrohungen zermürben einen. Es ist frustrierend und es lähmt, wenn man sieht, wie hilflos man ist. Es gibt keinen Schutz und kaum Unterstützung.

M | Waren denn die Morddrohungen eine konkrete Antwort auf Ihre Arbeit als Journalistin?

JAMAL | Sie waren eine Reaktion auf meine Gedanken und auf meine Haltung zu gewissen Dingen. Und die habe ich natürlich in meinen Artikeln zum Ausdruck gebracht. Ich bin in einer nicht-religiösen Familie aufgewachsen. Wir sind stets dazu ermutigt worden, uns unsere eigene Meinung zu bilden und nicht irgendwelche Trends nachzuplappern. Das galt für gesellschaftliche Fragen, aber auch für religiöse Themen. Als ich meine journalistische Arbeit aufnahm, habe ich über Menschenrechtsthemen geschrieben, vor allem über die Belange von Frauen und Kindern – das Recht der Frauen auf Scheidung oder über die Frage nach der Aufteilung der Besitztümer in der Ehe. Um objektiv zu sein, musste ich religiöse Normen und die Art wie Religion in Pakistan verbreitet wird, kritisieren.

M | Wer steckte hinter den Drohungen, islamistische Gruppen oder Sicherheitskräfte?

JAMAL | In meinem Fall war es eine radikale islamistische Gruppe, wobei man oft das eine nicht vom anderen trennen kann. Es gibt ja beispielsweise die Trainingscamps der radikalen Islamisten im Nordwesten oder in Kaschmir an der Grenze zu Indien. Unser Geheimdienst ISI weiß natürlich davon. Manchmal wird deutlich, dass die militanten Gruppen geschützt werden und unter Mithilfe der Armee die Grenze nach Indien überschreiten können. Da kann man sich auch vorstellen, woher sie ihre Munition und ihre finanzielle Unterstützung bekommen.

M | Es gibt aber auch direkte Verfolgung durch staatliche Stellen?

JAMAL | Grundsätzlich werden Journalisten auch durch den Geheimdienst ISI eingeschüchtert und unter Druck gesetzt. Dort will man nicht, dass die Menschen die Wahrheit erfahren. Und wer es dennoch wagt, die Wahrheit zu schreiben, riskiert sein Leben.

M | „Reporter ohne Grenzen“ hat in diesem Jahr bereits von drei in Pakistan ermordeten Journalisten berichtet. 2008 waren es sieben. Im Irak ist journalistische Arbeit noch gefährlicher. Hat sich die Lage also zugespitzt?

JAMAL | Auf jeden Fall. Früher schon haben der ISI und die Regierung die Arbeit der Journalisten genau beobachtet. Jetzt kommen die islamistischen Gruppen dazu, die oft noch weniger berechenbar sind. Und wenn die staatlichen Stellen von dir ablassen, beginnen die Islamisten sich für dich zu interessieren. Außerdem nimmt die Talibanisierung Pakistans immer mehr zu, auch dadurch wird es als Journalistin immer schwieriger, unabhängig und frei zu arbeiten.

M | Aber es gibt doch gerade unter den englischsprachigen Zeitungen, durchaus liberale Medien in Pakistan. Sind die alle in Gefahr?

JAMAL | Es gibt in der Tat Blätter, die sich liberal geben, englischsprachige und auch solche, die in der Landessprache Urdu erscheinen. Viele Verleger sind sehr einfallsreich und treffen heimliche Abmachungen mit der Regierung. Doch diese kann zum Beispiel über Steuern oder den Zugang zu Papier Druck auf die Herausgeber ausüben. Die einzelnen Journalisten haben dem nicht viel entgegenzusetzen. Sie haben keine ökonomische Sicherheit und müssen deshalb oft ihre hehren Ziele aufgeben. Letztlich schreiben sie dann doch, was die Regierung von ihnen verlangt. Und auch die vermeintlich liberalen Zeitungen tun fast nichts, um bedrohte Journalisten zu schützen.

M | Trotzdem kann man in Blättern wie Dawn auch kritische Kommentare und Berichte über nahezu alle gesellschaftlich relevanten Themen lesen.

JAMAL | Solange man über sogenannte weiche Themen schreibt, gibt es keine Zensur. Das sieht durchaus wie Pressefreiheit aus. Aber bei Themen wie Religion, Militär oder dem Geheimdienst ist das schon anders. Ein Beispiel sind die militärischen Trainingscamps der Islamisten. Fast jeder weiß davon, aber man kann fast nichts darüber lesen. Ein gutes Beispiel für die Situation gibt der Fernsehsender GEO TV, der kürzlich geschlossen wurde. Unter Präsident Musharaf musste er auch schon einmal seine Arbeit einstellen. Man darf nicht vergessen: In Pakistan herrschten schon dreimal über längere Zeiträume Militärregierungen. Die Spuren davon existieren weiter. Kritik an der Regierung ist ganz schnell Kritik am Staat selbst.

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