Zerplatzte Seifenblasen

Journalisten der BBC streiken gegen geplante Entlassungen

„Delivering Quality First“ ist der Titel für ein Sparprogramm bei der britischen BBC. Doch Qualität wird hier nicht geliefert. Stattdessen gibt es Stellenabbau, Entlassungen, Gebäudeschließungen und Mobbing gegen Beschäftigte. Am 18. Februar streikten die BBC-Journalisten gegen die geplanten Entlassungen. Bis zum 20. März laufen Urabstimmungen aller Gewerkschaften. Dann könnte es einen Streik des gesamten BBC-Personals geben.

Streikposten vor der Niederlassung der BBC in Glasgow. Foto: PA / Andrew Milligan
Streikposten vor der
Niederlassung der BBC
in Glasgow.
Foto: PA / Andrew Milligan

Die Unruhe bei der BBC steht im Zusammenhang mit dem politischen Sparprogramm, das von der britischen Koalitionsregierung vorangetrieben wird. Der gesamte öffentliche Sektor einschließlich des Gesundheitssystems wird zusammengestrichen. Der BBC wurde bis 2015/16 das „licence fee“ eingefroren. „Licence fee“ ist die Rundfunkgebühr in Großbritannien. Jeder, der auf der Insel Fernsehen schaut, muss jährlich 145,50 Pfund (168,61 Euro) entrichten.
Das Einfrieren des „licence fee“ bedeutet, dass die BBC jedes Jahr weniger Geld ausgeben kann. Außerdem wurden ihr Mehrkosten im Wert von 340 Millionen Pfund auferlegt. Damit soll unter anderem der Ausbau von Breitbandnetzen mitgetragen werden. Auf diese Weise hat die Regierung Kosten für Infrastrukturmaßnahmen auf die BBC abgewälzt. Der Plan sieht weiter vor, in fünf Jahren 2.000 Stellen abzubauen. Und durch die großflächige Räumung der BBC-Gebäude in London und dem Umzug vieler BBC Einrichtungen ins nordwestenglische Salford sollen 47 Millionen Pfund jährlich eingespart werden.
Letzteres sorgt nicht nur bei BBC-Mitarbeitern für Unmut, deren Leben durch den Umzug von London in den Norden durcheinandergebracht wird. In Salford, einer der ärmsten Städte Großbritanniens, wurde der teure Bau von Media City UK, der neuen BBC Zentrale, mit gut bezahlten neuen Jobs gerechtfertigt. Das entpuppt sich jetzt als Seifenblase, erklärt Keith Murray, Vertreter der britischen Journalistengewerkschaft NUJ bei der BBC: „Diese Versprechen werden einfach nicht eingehalten. Menschen aus der Lokalbevölkerung findet man höchstens als Reinigungskräfte oder als Personal in der Werkskantine, nicht aber in den Nachrichtenstudios.“ Im Gegenteil, 140 Stellen sollen allein bei der Nachrichtenabteilung des Senders abgebaut werden. Das Newsnight-Magazin, das Äquivalent der Tagesthemen und Flaggschiffprogramm auf BBC2, verliert drei Reporter. Die Berichterstattung von politischen Ereignissen wie Parteitagen soll stark eingeschränkt werden.
All das hat Auswirkungen auf die Qualität des Outputs bei der BBC. Es wächst der Druck auf jene, die noch für die BBC arbeiten. Fehler werden gemacht, die sonst vielleicht vermeidbar gewesen wären. Die Qualität sinkt. Ein Beispiel dafür ist der mittlerweile berüchtigte Newsnight-Beitrag über einen Kinderschänderring in Wales, der die falsche Person der Täterschaft beschuldigte. Dieser Beitrag wurde von Executives abgesegnet, die keine journalistische Erfahrung hatten.
Die Newsnight-Episode wurde außerdem von jenen ausgeschlachtet, die daran arbeiten, die BBC ganz abzuschaffen. So nannte der konservative Londoner Bürgermeister Boris Johnson den Fall „grausamer, widerlicher und idiotischer, als alles was die News of the World gemacht hat.“ Zur Erinnerung: Rupert Murdochs News of the World wurde geschlossen, nachdem diese Zeitung in Zusammenarbeit mit führenden Stellen im Staatsapparat 4.000 Telefone illegal abgehört hatte.
„In den letzten Jahren war die BBC immer von Privatisierung bedroht“, erklärt Murray. „Die derzeitige Regierung ist kein Freund der BBC. Die kürzlich veröffentlichte Leveson-Untersuchung über die Pressestandards in Großbritannien hat gezeigt, wie tief sie mit der Murdoch Presse verbandelt ist.“ Die Leveson-Untersuchung förderte unter anderem zu Tage, dass die Murdoch-Familie weit reichende Gespräche mit britischen Regierungsmitgliedern über eine Beschneidung der BBC, sowie den Ausbau der Murdochschen Medienimperiums führte. Durch den Abhörskandal kam dieser Plan zum Erliegen. Vor einigen Tagen gab es jedoch Medienberichte, unter anderem in der Tageszeitung Guardian, wonach sich James Murdoch auf einen weiteren Versuch in diese Richtung vorbereitet.
Die Kürzungen bei der BBC führen auch zu einem Verfall der Arbeitskultur. Das geht so weit, dass es mittlerweile eine von einer Staatsanwältin geführte Untersuchung zum Thema Mobbing bei der BBC gibt. Die NUJ hat ein 100 Seiten starkes Dokument vorgelegt, in dem Dutzende Vorwürfe gegen Vorgesetzte gemacht werden. „Mobbing war schon immer ein Problem bei der BBC“, so NUJ-Generalsekretärin Michelle Stanistreet. „Doch die Kürzungen haben das Problem massiv verschärft. Deshalb fordern wir ein Moratorium von sechs Monaten, in denen die Einsparungen ausgesetzt werden. Das würde echte und lösungsorientierte Gespräche ermöglichen.“
Doch solche Gespräche sind von der Politik nicht erwünscht. Die Kürzungen bei der BBC sind Teil eines ideologisch motivierten Sparprogrammes. Knickt die Regierung bei der BBC ein, wäre dies ein Signal an Belegschaften etwa im Gesundheits- und Sozialbereich, dass die Regierung druckempfindlich ist. Deshalb muss der Kampf für die BBC mit den restlichen Auseinandersetzungen gegen die Rotstift-Politik der Regierung verbunden werden.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Gambia: Viele Aufgaben trotz Fortschritten

Eine Delegation von Reporter ohne Grenzen (RSF) unter der Leitung von Generalsekretär Christophe Deloire hat Ende November in Gambia mit Präsident Adama Barrow die großen Fortschritte, aber auch die Defizite seines Landes in Bezug auf die Pressefreiheit diskutiert. Seit dem Sturz von Diktator Yahya Jammeh im Jahr 2017 hätten sich die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in dem westafrikanischen Land deutlich verbessert, heißt es in einer RSF-Pressemitteilung. Hoffnung mache zudem, dass der Mord am RSF-Korrespondenten Deyda Hydara im Dezember 2004 in Gambia aktuell vor einem deutschen Gericht aufgearbeitet wird.
mehr »

Medienhäuser: Allianz für Assange

Fünf internationale Medienhäuser haben die US-Regierung in einem offenen Brief aufgefordert, die Strafverfolgung von Wikileaks-Gründer Julian Assange einzustellen. Der Brief wurde am 28. November vom „Spiegel“, der „New York Times“, „The Guardian“, „Le Monde“ und „El País“ veröffentlicht. Die Anklage gegen Assange sei ein „gefährlicher Präzedenz­fall“, der die Presse­freiheit zu unter­graben drohe. 
mehr »

„Lippe aktuell“ wird eingestellt

Die Haltbarkeit verlegerischer Entscheidungen wird offenbar immer kürzer. Das in Bielefeld erscheinende „Westfalen-Blatt“ (Zeitungsgruppe Münsterland) hatte zusammen mit der in Detmold erscheinenden „Lippischen Landeszeitung“ (Verlag Max Giesdorf) im September letzten Jahres das traditionsreiche Anzeigenblatt „Lippe aktuell“ gekauft. In gemeinsamen Pressemitteilungen wurde eine perfekte Partnerschaft zelebriert. Nun wird bekannt: Das Gemeinschaftsunternehmen wird Ende 2022 im 36. Jahrgang eingestellt.
mehr »

Komplizen von Katars „Sportswashing“?

Am 20. November startet die Fußball-WM in Katar. Über die Schattenseiten dieses Mega-Events – WM-Baustellen und Sklavensystem, Diskriminierung queerer Personen und Frauen, Korruption – wurde in den letzten Monaten viel publiziert. Wie kann in dieser Situation eine Medienberichterstattung gelingen, die die Balance zwischen Sportjournalismus und den Erwartungen einer kritischen Öffentlichkeit schafft?
mehr »