Lieber hinter der Kamera

Fotostudent Patrice Kunte gewann mit „Simson – ein Zweirad mit Kult“

„Ich lasse mich ungern fotografieren, fühle mich vor Kameras unwohl.“ Patrice Kunte, 23-jähriger Fotojournalismus-Student an der Fachhochschule Hannover, sagt offen, was in ihm vorgeht. Bisher war er, der eine Zukunft als Berufsfotograf für ein Magazin oder eine Tageszeitung anstrebt, nicht gewohnt, selbst im Blitzlichtgewitter zu stehen.

Jetzt, als Gewinner des mit 10.000 Euro dotierten „Fotopreises 2008“ der Versicherungsgruppe Hannover (VGH), kann Kunte sich kaum gegen Presse-Fotografen wehren, die ihn ablichten wollen. Mehr noch: Er, der in seiner Arbeit den rein dokumentarischen Stil ohne künstliches Licht oder gar Inszenierungen bevorzugt, muss nun zigfach Posen produzieren.

Elementar für die Erstellung der preisgekrönten Fotoserie „Simson – ein Zweirad mit Kult“ war gewiss seine Einsatzbereitschaft, gepaart mit Sensibilität und gutem Gespür für seine Gegenüber wie für die gesamtdeutsche Bedeutung der Geschichte. Nach umfangreicher Themenrecherche zur Historie des Mopeds aus der Ex-DDR reiste Kunte für die Story im zweiten Semester sechs Monate durch die deutsche Simson-Szene.

Der Student, mit Mopeds in den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns aufgewachsen, fand Fangemeinden in Ost und West, traf Einzel-Enthusiasten in Nord und Süd. Er lichtete Maschinen und Menschen ab, besuchte die heutigen Markeninhaber und Ersatzteillieferanten am historischen Standort in Suhl. Im Thüringischen schlief er bei einem Traditionstreffen aus Kostengründen vier Nächte bei Minusgraden im Auto.

Zu Kuntes Konzept gehört, sich ganz einzulassen auf die Menschen, die er aufs Bild bekommen möchte. Die Entwicklung persönlicher Nähe ist keine platte Methode des Nachwuchsfotografen, sondern entspricht seinem Bedürfnis nach realer, innerer Verbundenheit. Über 6.000 Mal drückte Kunte auf den Auslöser seiner semiprofessionellen Spiegelreflexkamera „Nikon D 300“. Dabei verzichtete er auf den Einsatz eines Blitzes, variierte die Bildgestaltung vor allem durch Einsatz verschiedener Objektive, blieb zumeist nah an den Objekten: „Ich bin kein Voyeur, bevorzuge stattdessen fotojournalistische Ehrlichkeit.“

In „einem streng selbstkritischen Verfahren“ habe er die aus seiner Sicht besten Digitalfotos herausgefiltert. Herausgekommen ist eine stimmige wie stimmungsvolle Simson-Studie mit über 30 großformatigen Farbaufnahmen, welche die Jury aus den Fotochefinnen der Zeitschriften GEO und mare sowie den Bildredaktionsleitern der Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine und Hannoversche Allgemeine rundum überzeugte. Der Preisträger habe alle Aspekte des Themas recherchiert und in gut gestalteter Weise visualisiert, die Gesamt-Arbeit verrate nicht nur Talent, sondern sei mit großer fotografischer Reife erzählt, lobten die Experten.

„Ich stehe doch erst am Anfang, möchte noch sehr viel lernen“, wehrt sich Kunte gegen die Lobeshymne. Kommilitonen berichten, ihr Mitstudent sei einige Stunden sehr bleich gewesen, nachdem er von seiner Auszeichnung erfahren habe. Aus diesem Sieger-Schock erwacht, erklärte der Bildserien-Beste bescheiden, er hätte sich gleichermaßen über Mitbewerber als Gewinner gefreut, angesichts der hohen Qualität anderer Arbeiten eine Aufteilung des Preises unter mehreren Aspiranten begrüßt.

Vier weitere Serien mit jeweils mindestens 15 Aufnahmen waren in die Endauswahl des 2008 neu konzipierten VGH-Fotopreises gekommen, verriet Rolf Nobel als fünftes Jurymitglied. „Sie alle wären es wert gewesen, einen Preis zu erhalten“, sagte der Fotojournalismus-Professor aus Hannover in seiner Laudatio. Linda Dreisen, Fotostudentin seit 2008, legte im Angesicht des Bienensterbens eine beachtliche Bildserie über Immen und Imker vor. Der Schweizer Michael Hauri, in Hannover kurz vorm Abschluss und mit ersten internationalen Preisen prämiert, setzte mit einer Sozialreportage über senegalesische Fischer auf Sieg. Anna Jockisch, Gewinnerin des Deutschen Jugendfotopreises 2005 und seit 2006 Fotostudentin, lenkte mit Porträts von vier Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus den Blick auf schwierige Wege in die Erwachsenenwelt. Andy Spyra, zunächst Lokalzeitungs-Freelancer und seit 2007 Fotostudent, kommentierte den Kaschmir-Konflikt mit einer sehenswerten Schwarz-Weiß-Serie.

Gleichwohl: Patrice Kunte kann das Preisgeld gut gebrauchen. Die Ausflüge in die Simson-Welt verschlangen einen gut vierstelligen Eurobetrag. Nun muss er nicht mehr parallel zum Studium für Uni-Gebühren und Lebenshaltung jobben. „Ich kann mich die nächsten fünf Semester bis zum Abschluss weitgehend auf die Fachinhalte konzentrieren“, freut sich der Gewinner. Die Auszeichnung werde ihm zudem den Zugang zu professionellen Redaktionen erleichtern, blickt er optimistisch in die Zukunft. Die angehenden Bildjournalisten aus Hannover präsentieren ihre Portfolios auf einer eigenen Homepage: www.fotostudenten.de

nach oben

weiterlesen

Neue Publik-Chefin

Maria Kniesburges war seit 2007 Chefredakteurin der ver.di publik und der ver.di news. 14 Jahre lang prägte sie die ver.di-Medienlandschaft. Jetzt ist sie in den Ruhestand gegangen. Ihre Nachfolgerin Petra Welzel ist seit dem 1. September im Amt. Die Kunsthistorikerin und Journalistin hat mehr als 30 Jahre journalistische Erfahrung. Seit ver.di-Gründung ist sie Chefin vom Dienst der ver.di publik, mittlerweile auch für verdi.de und verdi.tv. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die ver.di-Medien weiterentwickelt haben und den Herausforderungen der Gegenwart mit ihren zahlreichen Kommunikationskanälen gerecht werden. Denn die Ansprüche an Kommunikation haben sich seit der…
mehr »

Abschied von Fritz Wolf

Wir trauern um unseren Autoren Fritz Wolf. Er starb am 29. August im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Sein Thema war der Dokumentarfilm. Kritisch benannte Wolf immer wieder die mangelnde Wertschätzung dieses Filmgenres, die sich unter anderem in zu wenig und zu späten Sendezeiten im Fernsehen sowie in nicht ausreichender Förderung manifestierte. Mit so manchem Filmtipp in M verschaffte er einer Doku mehr Aufmerksamkeit, regte an, sie zu schauen. Fritz Wolf war auch Autor für epd medien, verfasste verschiedene Studien und war viele Jahre aktiv in Gremien des Grimme-Preises. Wir werden ihn vermissen.    
mehr »

Fairnesspreis für‘s Brücken bauen

Regisseur Henning Backhaus wurde am 3. September für seinen Kurzfilm „Das beste Orchester der Welt“ mit dem Deutschen Fairnesspreis Film und Fernsehen geehrt. „Brücken bauen“ war 2021 das Motto des von der ver.di FilmUnion und dem Schauspielverband BFFS seit 2019 gemeinsam ausgelobten Preises. Er wurde neben acht Kategorien und weiteren Spezialpreisen im Rahmen der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises im Berliner Club Spindler&Klatt vergeben. Partner war in diesem Jahr das „Projekt Zukunft“, eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Im ausgezeichneten Film geht es um einen Kontrabassisten – eine Socke, Ingbert Socke! Bei…
mehr »

Podcast-Markt greifbar

Den richtigen Ton treffen“, so ist die Studie über den Podcast-Boom in Deutschland überschrieben, die Lutz Frühbrodt und Ronja Auerbacher für die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) erstellt haben. Es ist die bislang sicher beste Arbeit, die versucht, das Phänomen Podcast zu ergründen, zu beschreiben und auszuwerten. Auch wenn das am Ende nicht vollständig gelingen kann, weil die Bandbreite der Podcasts viel zu divers ist, ist es ein gelungener Versuch der Annäherung, den Podcast-Markt greifbar zu machen.
mehr »