Was Wähler*innen wirklich wollen

Ist es nur großen Medien vorbehalten, über Wahlen zu berichten? Und wer bestimmt in diesem Kontext eigentlich die Inhalte? Das Medienhaus Correctiv hat das Playbook „Deine Stimme, deine Themen – In acht Schritten zur Community-zentrierten Wahlberichterstattung“ herausgebracht. Es klingt nicht nur spielerischer als „Leitfaden“, es ist auch so angelegt und deshalb praktisch für jedes Level der Berichterstattung.

Wahlberichterstattung orientiert sich klassischerweise an den Themen, die Politiker*innen auf ihre Agenda setzen und von denen sie wollen, dass über sie berichtet wird. Aber sind das auch die Themen derjenigen, die diesen Politiker*innen ihre Stimmen geben sollen? Wie wäre es mit einem Perspektivenwechsel hin zu den Wähler*innen und ihren Anliegen, anstatt sich die Inhalte vorgeben zu lassen, auch wenn es vielleicht der einfachere Weg ist?

„Lokale Informationsversorgung neu denken“ ist das Motto hinter dem Playbook, dass die Correctiv-Autorinnen Julia Hildebrand und Svenja Schilling unter Mitarbeit von Tobias Hauswurz ausgeben. Entwickelt wurde das Konzept mithilfe der Redaktionen von sechs unabhängigen Lokalmedien (Bürgerportal Bergisch Gladbach, Wokreisel, VierNull Düsseldorf, Kolumna, RUMS und Stader Tageblatt). Es orientiert sich an der Methode der Citizen’s Agenda (Agenda der Bürger*innen), die aus den USA stammt und auch in Europa angewandt wird. Sie gibt im Grunde nichts weniger als das Grundprinzip von Demokratie wider: Bürger*innen bestimmen gemeinschaftlich die politische Tagesordnung. Daran entsprechend angepasst entsteht eine Community-zentrierte Wahlberichterstattung.

In acht Schritten zu unabhängiger Wahlberichterstattung

Gedacht ist das Playbook als Hilfestellung für alle, die eine unabhängige Wahlberichterstattung entwickeln möchten. Das diese mehr sein kann als die Versendung von Wahlprüfsteinen, die Auswertung von Wahlkampfreden oder die wiederkehrende Wiedergabe von Umfragewerten ist eine hinreichende Erkenntnis. Das Konzept von „Deine Stimme, deine Themen“ soll auch nicht die bisherige Wahlberichterstattung komplett ersetzen, sondern ein Teil im „Berichterstattungs-Mix“ werden. Wie genau das aussieht, ist nicht festgelegt und von Medium zu Medium verschieden. Ob dabei Befragungen in der Fußgängerzone das Mittel der Wahl sind, die als TikTok-Video veröffentlicht werden, Newsletter oder die Ergänzung der schon bestehenden Veröffentlichungskanäle – die sinnvollste Adaption entwickelt jede Redaktion je nach ihren Möglichkeiten für sich.

Weil eine gewisse Methodenfertigkeit und -festigkeit von Vorteil ist, führen die Autorinnen in acht Schritten durch das Gelände des Prozesses, für den sich Redaktionen bewusst entscheiden sollten – nicht zuletzt mit dem möglichen Zugewinn zukünftiger Leser*innen oder Nutzer*innen. Der Prozess beginnt demnach etwa 8 bis 9 Monate vor der Wahl mit einer festen Entscheidung innerhalb der Redaktion – dem „Mission Statement“. Dann folgt die Festlegung und die Ansprache der Zielgruppe – das kann auch die Einbindung der bisherigen Nutzenden des Mediums bedeuten.

Redaktionen als demokratische Akteure

Im Weiteren wird die Form der Beteiligung festgelegt und die Zielgruppe direkt befragt. Daraus folgen Erstellung der Wahlagenda und ihre Nutzung, beispielsweise in Form von Veranstaltungen, die das Format von Wahlkampf-Arenen haben können oder auch als Demokratie-Festival lokal organisiert und eine direkte Form der Begegnung mit Kandidierenden bieten können.

Am Ende, so die Playbook-Macher*innen, gehe es darum, konsequent die Interessen der Bürger*innen in den Mittelpunkt zu stellen, näher an den Bedürfnissen ihrer Nutzer*innen zu arbeiten und neue Formen der Beteiligung auszuprobieren, neue Zielgruppen zu erreichen und besser zu verstehen. So können sie nicht zuletzt grundsätzlich für lokale Themen begeistern.

„Deine Stimme, deine Themen“ legt nicht nur eine grundlegende Aufgabe von Journalismus neu auf, sie gibt Redaktionen und Journalist*innen auch die Möglichkeit in den direkten Austausch zu gehen und als Akteur in der politisch-demokratischen Wissensvermittlung sichtbar und handlungsfähig zu werden.

 

 

 

 

 

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