Den Zensor überzeugen

China: „Unabhängige“ Filme mit feministischem Inhalt im Kommen

Beim Internationalen Frauenfilmfestival mit dem Fokus China vom 23. bis 27. April 2008 in Köln wurde über Zensur und andere Hindernisse diskutiert, brisante politische Filme zu publizieren. Chinesische Regisseurinnen und Dokumentarfilmerinnen berichteten, wie sie ihre Werke veröffentlichen und wie das Publikum auf feministische Inhalte reagiert.

»Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten«, schrieb Karl Krauss. Die „Grande Dame des chinesischen Films“ Ning Ying, 1956 in Peking geboren, hat es mit ihrem Spielfilm „Perpetual Motion“ in China ins Kino geschafft. Sie hat sich energisch für ihre Inhalte eingesetzt, und die chinesische Zensurbehörde passieren können. Viel reden will sie freilich nicht darüber. Lieber sagt sie den Europäern, sie sollten vor ihrer eigenen Haustür kehren: Einzig in Köln sei ihr Film gelaufen – alle anderen europäischen Festivals hätten sich im Vorfeld die Köpfe heiß geredet, ihn aber letztendlich nicht zeigen wollen. Deutsche Fernsehredaktionen und Produktionsgesellschaften haben sich bislang ebenfalls nicht für das Werk der berühmten Filmemacherin interessiert, die eine Regieassistenz bei Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ hatte.
Was ist so brisant an dem Film, der jetzt in China zu sehen ist? Vier chinesische Damen unterhalten sich offen über ihr befriedigendes Sexleben nach der Menopause und die Kulturrevolution. Sie reden über sehr intime Dinge, und beißen dabei krachend und ungeniert lustvoll auf Hühnerfüßen herum. Was eine ziemlich eindeutige Symbolik hat. Die chinesische Männerwelt habe diese Szene in Aufregung versetzt, weil sie die zu Zeiten der kommunistischen Machthaber sozialisierten Chinesinnen so gar nicht traditionell und zart ins Bild rückt: Sondern erfolgreich, vulgär, angriffslustig und streitbar, vor allem aber mit „starkem unterdrückten sexuellem Verlangen“. Es wurde sogar gesagt, das sei doch Terrorismus. „Für mich hat es diese unterwürfigen und leisen Frauen in Wirklichkeit nie gegeben – immer nur in der Fantasie der Männer. Und dieses Frauenbild zerstöre ich“, sagt Ning Jing mit feministischem Elan. Sie bricht zudem das Tabu, dass „die Chinesen immer nach vorn schauen sollen, nie zurück, um ökonomisch erfolgreich zu sein“.
Li Yu war mit ihrem Spielfilm „Lost in Beijing“ in einer gekürzten Form ursprünglich ebenfalls knapp an der Zensurbehörde vorbeigeschrammt. Ihr Film zeigt, wie Sex als Mittel der Unterdrückung gezielt gegen eine Niedriglöhnerin eingesetzt wird. Alsbald handeln deren Ehemann, ein Fensterputzer, der aus der Provinz in die Metropole gekommen ist, und ihr Chef, der protzige Inhaber eines Massagesalons, um das noch ungeborene Kind. Li Yus Film zeigt die beengte Wohn- und Lebenssituation des chinesischen Prekariats und dessen Gewohnheit, sich mit Reisschnaps oder viel Bier die Verhältnisse schön zu trinken. Im Internet tauchten einige gekürzte Szenen wieder auf, was zum Verbot führte, den Film im chinesischen Kino zu zeigen. „Man kann annehmen, dass Sexszenen, Gewaltszenen oder gewisse politische Themen nicht angesprochen werden dürfen“, sagt Österreicherin Katharina Schneider-Roos, die seit zehn Jahren überwiegend in China lebt und an der Universität von Beijing Literatur und Film lehrt. Doch die Regeln der staatlichen Zensurbehörde seien wenig transparent und schwer durchschaubar.
Neben den massenwirksam im Fernsehen und Kino gezeigten Filmen gibt es jedoch die Werke der unabhängigen Filmemacher, die weder im Kino noch im Fernsehen laufen – sondern in Clubs, Bars, Cafés oder Universitäten. Die Zahl der Independent-Produktionen steigt derzeit stetig. Mittlerweile gebe es sogar einen unabhängigen Film-Fond. In der relativ wohlhabenden Kunstszene würden Spenden gesammelt, um den chinesischen Film und entsprechende Festivals zu fördern, berichtet Schneider-Roos.
Feng Yans Langzeitbeobachtung „Bingai“ ist „unabhängig“. Unabhängig klingt toll. Für die Filmemacherinnen heißt das jedoch nur, ihren Film einem reduzierten Publikum präsentieren zu können und staatlich nicht gefördert zu werden. Die Dokumentarfilmerin, die den mutigen Protest der Bäuerin Bingai gegen den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms von 1996 bis 2000 begleitete, hat „keine Hoffnung, durch die staatliche Zensurbehörde zu kommen“. Diesmal ist die Sache so eindeutig, dass sie es erst gar nicht versucht hat: Der Bau des Staudamms ist ein staatliches Projekt. Der Dokumentarfilm wurde auf Festivals in China und Japan prämiert.
All diese modernen Filme verbindet der offene Blick auf die wirtschaftliche Öffnung in China und die gesellschaftlichen Folgen. Gezeigt werden einerseits gut situierte Gewinnerinnen als moralisch herunter gekommene Profiteure des Systems, andererseits die trostlosen Verliererinnen – häufig sexuell und ökonomisch unterjocht. Das macht die Filme auch für europäische Zuschauerinnen interessant. Die Entwicklung zum entfesselten Kapitalismus schreitet im Reich der Mitte nur schneller und extremer voran als anderswo. Die Filme sind Anschauungsmaterial für einen globalen Wandel.

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