„Distanz vom Thron war der Freiheit der Gedanken noch nie abträglich.“

Ein Gespräch mit Nikolaus Brender, dem neuen ZDF-Chefredakteur

Seit Jahresbeginn sind Sie in Mainz und haben das ZDF kennengelernt. Was ist anders als beim WDR?

Brender: Auf den ersten Blick spürbar: Das ZDF ist ein zentral organisiertes, nationales Unternehmen. Der WDR, der wichtigste Teil einer föderalen Konstruktion. Dieser Unterschied bestimmt wesentlich Entscheidungen und Entscheidungsabläufe.

Haben Sie in der kurzen Zeit auch bereits ein Urteil über das ZDF revidiert?

Ja, ich hatte vorher geglaubt, dass das ZDF ein stinkreicher Sender sei. Ich habe schnell kapiert, dass die Etats hier sehr knapp bemessen sind. Ebenso musste ich meine Vorstellung revidieren, die Landesstudios seien mit Personal und Produktionsmitteln opulent ausgestattet. Das ist nicht der Fall. Deshalb ist die Leistung, die aus diesen Studios kommt, um so bemerkenswerter.

Wo haben die ARD und Ihr früherer Sender gegenüber dem ZDF die Nase vorn?

Das hat die ARD in den Variationsmöglichkeiten zwischen Erstem Programm und regionalen Dritten. Die Verankerung in den Regionen erleichtert es, nahe an die Menschen heranzukommen.

Statt Themen werden im ZDF hausintern oft lieber Sendeminuten gezählt, die Hälfte für die Chefredaktion, die andere für die Programmdirektion.

Die Anzahl der gesendeten Minuten ist kein Ausweis für gutes Programm. Für mich stellen sich nur zwei Fragen: Wer macht das beste Programmangebot und wer setzt es am besten um?

Wenn man mit den Kollegen der Chefredaktion und der Programmdirektion spricht, hat man manchmal den Eindruck, das sind zwei verschiedene Sender.

Sollte es so sein – ich kann dies bisher nicht beurteilen – werde ich alles dafür tun, um diesem Zustand abzuhelfen. Mit Herrn Schächter und Herrn Janke verbindet mich das Interesse an einem gemeinsamen Programm, das sich durch Qualität und gute Akzeptanz auszeichnet. Ein Sender also und ein Programm.

Wäre es nicht besser, die Programmplanung statt beim Programmdirektor beim Intendanten als neutralem Gesamtverantwortlichen zu platzieren?

Was wollen Sie dem Intendanten noch alles aufhalsen? Da höre ich die Kritik, der Intendant kümmere sich um zu viele Dinge. Kein Wunder, wenn man ihm alles zuschieben will. Es geht nicht um eine neutrale Programmplanung, sondern um eine gute. Bei Herrn Berthoud ist sie bestens aufgehoben. Ob der nun in der Programmdirektion sitzt oder woanders.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie Sitzungen im WDR mit denen im ZDF vergleichen, wenn es darum geht, Probleme zu diskutieren und Lösungen zu erarbeiten?

Ich habe im ZDF an Programmkonferenzen teilgenommen, war bei Direktorensitzungen und habe die Redakteursversammlung miterlebt. Die Diskussion in der Direktorensitzung empfinde ich strikt auf den Punkt gebracht, aber auch offen. Die wöchentliche ZDF-Hauptredaktionsleiter-Sitzung ist etwas ruhig, da bin ich lebendigeres gewohnt. Eine muntere Redakteursvollversammlung habe ich im ZDF miterlebt. Darauf freue ich mich, weil dabei Anstöße gegeben werden, die weiterentwickelt werden können.

Die Kolleginnen und Kollegen kritisieren Strukturen, die es nicht zulassen, dass Informationen oben oder unten ankommen. Wie wollen Sie diese Betonschicht aufbrechen?

Ich weiß nicht, wohin der Beton – wenn es ihn tatsächlich gibt – gegossen worden ist. Ich kann nur sagen, ich werde ein Verfahren entwickeln, das Innovationen fördert und die Diskussion von Ideen möglich macht. Natürlich kann nicht jede Idee zum Programm werden. Aber auch diejenigen, deren Vorstellungen programmlich nicht umgesetzt werden können, dürfen nicht den Eindruck haben, es würde nichts passieren. Sie dürfen sich nicht frustriert zurückziehen, sondern sollen angeregt sein, weiter nachzudenken. Programmmachen ist ein aktiver Prozess, der die Beteiligung aller braucht.

Bei der Fachgruppenvertretung Redaktionen ist ein großer Erfahrungsschatz vorhanden, sollte nicht ein Vertreter zu Programmklausuren eingeladen werden?

Davon halte ich nicht viel. In der Programmklausur des Intendanten sitzen bereits die Vertreter des Programms, die die jeweiligen Sendungen verantworten. Die Diskussion über das Programm muss in den Redaktionen beginnen, mit den Verantwortlichen geführt und dann im Rahmen der Gesamtstrategie im Direktorium entschieden werden.

Ist der WDR selbstkritischer in seiner Diskussion?

Das will ich nicht sagen. Eine lebendige Diskussion ist kritisch und selbstkritisch. Ich wünsche mir eine offene und muntere redaktionelle Auseinandersetzungen zur Sache. Ein Neuankömmling hat eine neue Chance. Nutzen wir sie!

Viele klagen über die »Farbenlehre« im ZDF, das Rechts-Links-Schema.

Damit habe keine Erfahrung. Ich komme ohne Hypotheken hierher. Ein Schema ist mir bisher nicht aufgedrängt worden. Ich kann also nicht klagen.

Es geht nicht nur um Personen, sondern auch um das Programm.

Für ein Medienunternehmen ist es unerlässlich, die unterschiedlichen Positionen zu vermitteln, die sich in unserer Gesellschaft finden. Warum sollten sich diese Standpunkte nicht auch innerhalb des ZDF widerspiegeln? Diese müssen im Programm deutlich werden. Unabhängig und offen. Das hat aber nichts mit einem Rechts-/Links-Strickmuster zu tun. Die Meinungen der Journalisten eines Medienunternehmens entspringen hoffentlich ihrem eigenem Grips und nicht einer Parteiprogrammstanze.

In der Vergangenheit wurde von politischer Seite manchmal zum Telefon gegriffen um einzugreifen…

… das ist normal. Die Frage ist doch, wie reagiert man. Die innere Unabhängigkeit eines Unternehmens wird nicht durch äußeren Druck gefährdet, sondern durch die eigene Nachgiebigkeit. Aber auch Verpflichtungen, die man selbst Parteien oder Interessengruppierungen gegenüber eingeht, sind ein Problem. Am gefährlichsten für unser System sind im Grunde diejenigen, die ihre Deals gemacht haben mit Leuten, von denen sie annahmen, dass sie ihnen in ihrer Karriere weiterhelfen könnten.

»Frontal« ist ein Produkt dieses Rechts-Links-Schemas. Bleibt die Sendung bestehen?

Kienzle und Hauser sind Kultfiguren geworden, nicht so sehr durch das, was sie sagen, sondern durch die Art, wie sie es präsentieren. Aufgrund der biografischen Gegebenheiten wird es keine Nachfolge in dieser Tradition geben.

Ich glaube ohnehin, dass junge Leute kein besonderes Interesse daran entwickeln, wenn der eine auf die Partei des anderen eindrischt und umgekehrt. Die jungen Leute sind interessiert an Standpunkten. Die fragen sich: Warum ist die Hochschulsituation so wie sie ist? Welches sind die ökonomischen, welches die gesellschaftlichen Bedingungen? Das wollen sie wissen, und das wollen sie auch aus unterschiedlichen Perspektiven heraus diskutiert haben.

Was halten Sie vom Programmprofil im Bereich Chefredaktion? Weiter im gleichen Trott?

Das ZDF und Klaus Bresser haben in den letzten Jahren eine Menge neuer Formate entwickelt, die auch von der ARD sehr beachtet worden sind. Um nur einige zu nennen: »Was nun, …?« ist ein Format, bei dem es die ARD mit »Farbe bekennen« noch immer nicht geschafft hat, dagegen zu halten. Die Wissenschaftssendungen am Sonntag – hervorragend. Die Dokumentationsformate – hochprofessionell. Ich könnte noch weitere nennen. Man kann wirklich nicht sagen, dass das ZDF dahintrottet.

Also genauso weiter?

Es wird Veränderungen geben. Die werde ich allerdings zuerst mit den Redaktionen besprechen und natürlich Anregungen aufnehmen.

Mehr in Richtung populär, oder sogar populistisch?

Ich bin ein Vertreter des Populären. Wir sind ein demokratisches Medienunternehmen, das zur Information verpflichtet ist. Information muss viele erreichen, um dem Anspruch und dem Auftrag einer demokratischen Gesellschaft gerecht zu werden.

Und dazu gibt es Quotenvorgaben für die Primetime?

Ich möchte das nicht missverstanden wissen. Ich bin nicht für irgendeinen Quoten-Fetischismus. Ich möchte, dass wir viele Zuschauer erreichen. Sie will ich mit einem hochqualitativen, interessanten, spannenden, abwechslungsreichen, überraschenden Programm gewinnen. Im Massenmedium Fernsehen garantieren viele Zuschauer auch den Bestand eines funktionierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Viele Zuschauer im Osten können mit dem ZDF wenig anfangen. Sie wollen nicht ihre Alltagsprobleme im Fernsehen, sie wollen Ablenkung.

Es ist richtig: Wenn es Leuten schlecht geht, dann wollen sie im Fernsehen nicht ihre Probleme noch einmal aufbereitet sehen. Das kann aber für uns kein Maßstab sein. Wir haben den Auftrag, Informationen zu liefern. Im Osten der Republik werden Nachrichtensendungen nicht weniger gesehen als im Westen. Ich glaube, dass die Zuschauer in den östlichen Bundesländern sehr sensibel sind und spüren, ob sie im Gesamtprogramm ernst genommen werden.

Brauchen wir Ostdeutsche auf dem Bildschirm, weil sie dieses Gefühl besser vermitteln könnten?

Auch. Vor allem aber müssen es Themen sein, die die Ostwirklichkeit repräsentieren. Muss im ZDF jede Straßenumfrage in Mainz stattfinden oder kann dies nicht auch einmal in Magdeburg sein? Man kann nicht nur nach Osten blicken, wenn es Probleme gibt. Es ist doch nicht so, dass nur im Westen und im Süden die Sonne scheint.

Werden Nachrichtensendungen besser, wenn man sie ins Hauptstadtstudio verlegt?

Einer Nachrichten-Redaktion tut es gut, wenn sie nicht am Sitz der Regierung arbeitet. Distanz vom Thron war der Freiheit der Gedanken noch nie abträglich.

Sie sind zum ZDF gegangen, weil Sie einerseits die Managementaufgabe reizt, andererseits die journalistische Nähe. Gibt es bald Ihre eigene Sendung?

Nee. Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht, ob ich mit einer eigenen Sendung auf dem Bildschirm vertreten sein werde. Dass der Chefredakteur des ZDF eine publizistische Plattform benötigt, glaube ich schon. Da kann ich das Wasser aber gut noch einige Zeit halten. Meine erste Aufgabe ist es, zusammen mit den Redaktionen an die Entwicklung neuer Sendungen zu gehen.

Im WDR gelten Sie als Erfinder der 80-Minuten-Stunde. Kommt im ZDF für alle Mitarbeiter der 48-Stunden-Tag, ohne dass jedoch Direktorengehälter bezahlt werden?

Ich habe nichts gegen die Arbeit und ich habe auch nichts dagegen, wenn andere arbeiten. Im WDR hatte auch ich kein Direktoren-Gehalt.


Zwei Gewerkschaften
Ein Interview
Für alle

Was die IG Medien und die DAG auf Bundesebene erst in Zukunft planen, wird im ZDF bereits praktiziert. Dort kümmert man sich gemeinsam um die Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zu der themen- und aktionsbezogenen Zusammenarbeit gehört, dass beide Gewerkschaften im ZDF gemeinsam auftreten und auch die Zeitschrift „Signal“, das Organ der Verbandsgruppe, herausgeben.

Für „M“ haben die beiden Kollegen Uli Röhm (IG Medien), Redakteur bei WISO, und Rudi Gültner (DAG), Redakteur der ZDF-Mitarbeiterzeitschrift Kontakt, mit Nikolaus Brender, dem neuen ZDF-Chefredakteur gesprochen.

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Fußball und Fangesänge im Sportradio

Der Zeitpunkt erschien günstig. Kurz vor der Fußball-EM und einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio ging das bundesweite Sportradio Deutschland (SRD) auf Sendung. Trotz fehlender Live-Rechte soll es sich als Spartensender beweisen. Unter dem Motto: „Sport ist alles. Alles ist Sport“, wird seit Ende Mai rund um die Uhr gesendet. Ob der Slogan beim potentiellen Publikum des neuen Privatsenders ankommt ist zweifelhaft.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »