Gegen das Formatdiktat

Diskussion über die Sprache im Dokumentarfilm

Dokumentarfilmer forderten beim Symposium in Köln freiere Formen des Filmens. Inhalte sollen nicht auf der Strecke bleiben, weil sie in vorgefertigte Formate gepresst werden müssen. Nachgedacht wurde über Sprache und Sprechen im Film.

Zuhauf gibt es Dogmen, wie ein Dokumentarfilm zu erstellen ist. Mal heißt es in Fernsehredaktionen: „Bilder sollen für sich sprechen, bitte bloß kein Kommentar des Filmemachers“. Mal setzen sich Redakteure die rosarote Brille auf: Der O-Ton der Protagonisten garantiere bereits Authentizität. Häufig geäußert wird in Redaktionen die Befürchtung, Zuschauer würden durch kommentierenden Text manipuliert oder belehrt. Selbst die arte-Redakteurin Sabine Rollberg, die von sich sagt, kein Freund des Formatfernsehens zu sein, kann es nicht leiden, „wenn ein Film zuviel Text hat“. Das Treatment, das freie Autoren Redaktionen oder Filmförderungen vorlegen, um die Finanzierung ihres Films zu sichern, muss bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sehr ins Detail gehen. Inhalt und Machart der dokumentierten Sachverhalte sollen vor Drehbeginn weitgehend feststehen. Die festgefahrene Hierarchie von Bild und Ton, veranschaulichte der Geschäftsführer des Stuttgarter Hauses des Dokumentarfilms Wilhelm Reschl, ehemals Redaktionsleiter beim SWR, mit einer Anekdote aus früheren Zeiten: Wenn Filmteams sich auf den Weg zum Recherche-Ort machten, seien Redakteur, Kameramann und -assistent im Mercedes voran gefahren, dahinter Ton und Beleuchtung im bescheidenen VW. Kein Wunder, dass beim von der Dokumentarfilminitiative (dfi) Nordrhein-Westfalen veranstalteten Symposium in Köln die Devise lautete: „Weg vom Diktat des von Redaktionsstuben vorbestimmten Formatfernsehens“.
Karin Jurschick zeigt in ihrem Film „Danach hätte es schön sein müssen“ Vergangenheitsbewältigung provokativ am Beispiel ihrer eigenen Familiengeschichte, durch die Weltkriege und den Nationalsozialismus geprägt. Als Ich-Erzählerin durchbricht sie das engmaschige journalistische Regelwerk. Wen stört es! Filmemacher Christoph Hübner holt für seinen Film „Wandersplitter“ die neuerlich von Fernsehredaktionen ungeliebten „Talking Heads“ – weil doch im Film nicht geredet, sondern eben „die Bilder für sich sprechen sollen“ – wieder auf den Schirm. Auf diese Weise filmte er Autor und Theatermann Thomas Harlan, Sohn des Filmemachers Veit Harlan, der für die Nazis Filme wie „Jud Süß“ machte. Innovative Dokumentarfilmer beginnen sich mit Regelverstößen gegen rein formalistisches Fernsehen zu wehren und drängen zur freien Wahl der Stilmittel.
Folgendes Bekenntnis des politischen Dokumentarfilmers Klaus Wildenhahn, der seine Fernsehlaufbahn 1950 mit zwanzig Jahren beim NDR in der Abteilung Zeitgeschehen der Panorama-Redaktion begann, könnte für heutige Filmemacher glatt als Mutprobe durchgehen. „Bilder waren mir relativ wurscht, der Ton interessierte mich“, sagte der alte Meister. „Stand ein Fenster offen und Musik drang herein, und atmosphärisch passte es, musste die Kamera dran bleiben“. Wildenhahn hatte das Glück, einst „radikal aufgeschlossene“ Redakteure kennen zu lernen, wie er sagt. Solche, die bereit waren, junge Filmemacher zu fördern und ihnen zugestanden, zu experimentieren. Unter heutigen Produktionsbedingungen will er nicht mehr arbeiten, sagt er entschieden. Wildenhahn orientierte sich am französischen Cinema Vérité oder dem aus den Vereinigten Staaten stammenden Direct Cinema – der teilnehmenden Beobachtung, die das Geschehen so realitätsnah wie möglich vermitteln sollte.
Im Gegensatz zu seinen amerikanischen Kollegen Richard Leacock, Don Alan Pennebaker und Robert Drew hat Wildenhahn jedoch durchaus meinungsfreudig kommentiert. Seinen Werken hat das nicht geschadet, wie der Film „James O. – Organist, USA“ (1965) zeigt. Ein zweites Tabu hat er ebenfalls durchbrochen. Wildenhahn verzichtete auf das autoritäre Voice-Over. In seinem Musikfilm „Smith, James O. – Organist, USA“ (1965) sind sarkastische Anekdoten der amerikanischen Jazzer über den Rassismus gegenüber Schwarzen backstage im Originalton zu hören. Er übersetzt, bevor die Szene beginnt, fasst zusammen, strafft, konkretisiert, spitzt zu. Anschließend kann der Zuschauer sich entspannt zurücklehnen, den Rhythmus der Rede sowie den entschlossenen Gestus der schwarzen Musiker erspüren. Was sie sagen, weiß er bereits. Zum Beispiel wenn Jamie Smith entnervt im Studio auf und abrennt, und berichtet: In England bekomme zwar jeder Schwarze sein Bier in einer Kneipe – sei es jedoch auf dem Tisch serviert, werde es urplötzlich umgekippt. Mit vorgeschobener Entschuldigung – so als wäre es nur ein Versehen gewesen. Ebenso expressiv verdeutlichen die schwarzen Jazzer, dass die Deutschen ihnen gegenüber zwar sehr, sehr höflich seien, jedoch ihr erster Blick sie stets verrate.
Ein anderes Beispiel für einen sehr freien Stil: 1973 hat der Franzose Chris Marker nach dem Pinochet-Putsch die Geschichte der Besetzung der französischen Botschaft in Santiago de Chile inszeniert. Er kommentiert seinen Film jedoch so, als befände er sich mit der Kamera direkt mitten unter den politischen Flüchtlingen, für die es um Leben und Tod geht. Tatsächlich ist der Film in Paris aufgenommen, die nachgestellte Verzweiflung ist allerdings sehr lebensnah nachvollzogen. „Le vrai et le faux“, heißt darum der zweite Titel des Dokumentarfilms „L´Ambassade“. Diese namhaften Vorbilder hatten es allerdings leichter. In 60er und 70er Jahren gab es noch kein kommerzielles Fernsehen, der Einschaltquotenwahn war unbekannt.

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