„Krieg der Worte

Die Medien waren bei den NATO-Luftschlägen auf den Kosovo ganz offenkundig ein fester Bestandteil der psychologischen Kriegsführung.

Von einem „Medienfeldzug“ und „Informationskireg“, bei dem „Bilder als Waffe“ eingesetzt worden seien, spricht der deutsche Generalmajor Walter Jertz ganz freimütig in einem von ihm herausgegebenen Fachbuch zur Öffentlichkeitsarbeit der NATO während des Kosovo-Krieges. „Wieviel Wahrheit verträgt die Öffentlichkeit?“, fragt der Autor im Vorwort seines Buches.

Jertz ist ein Insider der NATO-Informationspolitik. Der 51jährige Generalmajor wurde dem zivilen NATO-Sprecher Jamie Shea nach etlichen peinlichen Kommunikationspannen in Brüssel an die Seite gestellt.

Eine Reihe ausgewählter Zitate aus dem seit Wochen in Militär-Zirkeln kursierenden Jertz-Buch („Krieg der Worte – Macht der Bilder“) belegen, dass die Medien während des Kosovo-Konflikts von der NATO ganz gezielt in ihre psychologische Kriegsführung eingespannt wurden:

  • „Erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit während militärischer Auseinandersetzungen lässt sich nur mit Hilfe der Medien machen. Dazu gehört es, einen Spannungsbogen aufzubauen und diesen durch Vermittlung interessanter Inhalte und durch entsprechend gestaltete Darstellung möglichst lange aufrecht zu erhalten – Der Wirtschaftlichkeitsaspekt bei der medialen Vermarktung erlaubt es den Medien nicht, langmütig auf das Heranreifen von Ereignissen zu warten. Es liegt im Interesse des Journalisten, als erster etwas Neues zu vermelden – Eine große Herausforderung bei der Berichterstattung über militärische Ereignisse ist somit der Zeitfaktor.“
  • „Der Pressesprecher musste die ,Stilmittel der Medienberichterstattung“ beherrschen: Personalisierung, Emotionalisierung und Dramatisierung – sobald Gefühle wie Hass, Neid, Eifersucht, aber auch Mitleid ins Spiel kommen, steigert dies das Interesse von Medien und Konsumenten.“
  • „Die Öffentlichkeitsarbeit sollte so effektiv sein, dass sie die Kampffähigkeit und den Kampfeswillen der serbischen Streitkräfte und der Spezialpolizeikräfte nachhaltig verringert – ein wichtiges Ziel in den Vorgaben für die Öffentlichkeitsarbeit von General Clark (Nato-Kommandeut während des Kosovo-Krieges, Red.) war die Forderung, Russlands Unterstützung für die Handlungen der NATO und des Westens zu erreichen -„
  • „Im Kosovo-Konflikt informiert die NATO mit angezogener Handbremse. Erleichtert wurde ihr in den ersten acht Kriegswochen die restriktive Informationsführung durch den Umstand, dass sie Serbien ,nur“ aus der Luft angriff. Die Korrespondenten sind stärker denn je auf die Angaben angewiesen, die ihnen die NATO-Sprecher in Brüssel vermitteln – Die Sprecher des Bündnisses zelebrieren die Briefings Tag für Tag nach einem ganz bestimmten Ritual. Es gilt der Grundsatz, den Margret Thatcher 1982 prägte: , Sag nicht mehr als du unbedingt sagen musst, und sage nur das, was dir auch dient‘ – Gezeigt werden die Erfolge der Piloten: ihre Präzision, ihre Treffer, aber kaum Fehlschüsse und Schäden an zivilen Einrichtungen – Zurückhaltend berichtet die NATO über abgebrochene Einsätze -„
  • „Schlechte Nachrichten bleiben immer schlechte Nachrichten, auch wenn sie professionell präsentiert werden – Das Thema Fehlwürfe und unbeabsichtigte, durch NATO-Angriffe entstandene Schäden war emotionsgeladen – Jeder einzelne Fall ist tragisch und sehr zu bedauern, aber die übergeordnete Zielsetzung musste Vorrang haben bei der Abwägung der Entscheidung, ob das Morden im Kosovo mit Gewalt beendet werden soll oder ob die Anzahl der bedauerlichen Fehlwürfe noch zu tolerieren ist – Der Begriff ,Begleitschäden“ ist dabei bewusst gewählt, um hervorzuheben, dass es sich um versehentlichen Tod und Zerstörung handelt, die aber um des allgemeinen Kriegsziels wegen billigend in Kauf genommen werden müssen. Der Begriff wird in der Kriegsberichterstattung stets vom Angreifer gewählt -„
  • „Der Zwang zum spektakulären Bild ist bei den Medien inzwischen weit verbreitet. Die Nahaufnahme bringt Einschaltquoten. Die Bilder suggerieren die Wahrheit, aber auch die Aussage, dabei gewesen zu sein. Auch wenn die Gefahr bestand, dass es mehr um spektakuläres Geschehen als um hintergründiges Wissen geht, musste in den NATO-Pressekonferenzen auch der ,optische Reiz‘ erzeugt werden – Da vor allem die serbische Propaganda stets den Wettlauf mit der Zeit gewann – die serbische Presse war zwangsläufig als erste am Ort des Geschehens – mussten Wege gefunden werden, um diesen Nachteil auszugleichen. Der serbischen Propaganda musste auf jeden Fall wirkungsvoll begegnet werden, um einen Stimmungsumschwung in der westlichen Welt zu verhindern – Es war nicht einfach, Photos von Aufklärungssystemen der NATO wirkungsvoll einzusetzen, zu klinisch rein waren die Aufnahmen – Wer in einem Konflikt in einer zunehmend leidensunfähigen und hypersensiblen Gesellschaft, die vor allem in der westlichen Welt anzutreffen ist, auf dieser Klaviatur zu spielen vermag und Bilder gezielt für seine Zwecke einsetzt, nutzt diese damit letztlich auch als Waffe.“

 

Walter Jertz
Krieg der Worte, Macht der Bilder
Manipulation oder Wahrheit im Kosovo-Konflikt
Bernard & Graefe Verlag, Bonn 2001
140 Seiten, ISBN 3-7637-6210-8

nach oben

weiterlesen

Es geht um Wahrheit, Transparenz, Integrität

Die Journalism Trust Initiative (JTI) ist eine Plattform, die vertrauenswürdige Nachrichtenquellen identifizieren und stärken will. Unter der Regie von Reporter ohne Grenzen (RSF) soll ein Beitrag gegen Hass, Propaganda und Fake News geleistet werden. Ende Mai wurde die Webseite freigeschaltet. Am 29. Juli diskutierten Projektteilnehmer verschiedener internationaler Medien zum Thema „Glaubwürdiger Journalismus als Gegengift gegen Desinformation“ über Funktionsweise und Aufgaben der Plattform.
mehr »

Algerien zieht gegen freie Presse zu Felde

Meinungs- und Pressefreiheit stehen in Algerien so heftig unter Druck wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Journalist*innen werden eingeschüchtert, systematisch an ihrer Arbeit gehindert, gar verhaftet und strafrechtlich verfolgt. Seit 2019 ließ die Regierung den Zugang zu mindestens 16 regimekritischen Nachrichten-Websites sperren und verabschiedete Gesetze, die als Frontalangriff auf die freie Presse bewertet werden. Entspannung ist nicht in Sicht.
mehr »

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »