Mainzer Tage der Fernsehkritik – ein unkritisches Forum

Mit der gewerkschaftlichen Vertreterin in der Landesmedienanstalt Hessen, Marita Eilrich, sprach Gitta Düperthal über die Entwicklung der Medienkritik.

Die Mainzer Tage der Fernsehkritik im ZDF waren diesmal weitgehend von Harmonie geprägt. Der Soziologe Otto Hondrich findet die Medienberichterstattung zum 11. September völlig in Ordnung. Was sagst Du als gewerkschaftliche Medienexpertin dazu?

Es ist eine sehr gefährliche Sichtweise, da sie ein wichtiges Faktum unterschlägt. Schon vor dem 11. September, nämlich während des Irak-Krieges, war für den normalen Mediennutzer in der Berichterstattung kaum mehr zu unterscheiden, was fiktiv war und was aus politischen Gründen gesendet und gedruckt wurde. Genauso, wie nicht erkennbar war, wie die Realität tatsächlich aussah und was unter den Tisch fiel. Jetzt ist es schwieriger denn je, Bilder und Nachrichten zu hinterfragen, weil der große Zensor die Losung ausgegeben hat: Jeder, der kritisch berichtet, die Rolle der selbsternannten Welt-Polizei USA anzweifelt, die vor allem das von ihr selbst definierte „Böse“ bekämpft, stellt die „uneingeschränkte Solidarität“ in Frage. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist diese Entwicklung für die Demokratie und unsere offene Gesellschaft gefährlich.Wo unreflektiert berichtet und nicht peinlich genau nachrecherchiert wird, macht sich ein politisch reaktionäres Verständnis von journalistischer Arbeit breit, das möglicherweise zum Dauerzustand wird.

Kannst Du Dir erklären, warum keine Gewerkschafter auf den Podien der Mainzer Tage der Fernsehkritik vertreten waren?

Ver.di muss darauf drängen, bei solchen medienpolitisch wichtigen Veranstaltungen, bei denen Meinung gemacht wird, mitzumischen. Solche Veranstaltungen gewerkschaftsfrei zu halten, wirft allerdings auch kein gutes Licht auf den Veranstalter. Es stellt sich in der Tat die Frage: Sind die Mainzer Tage der Fernsehkritik gar eher dazu gedacht, Kritik zu vermeiden und Programme zu beschönigen?

Ich kenne Fernsehkritiker, die inzwischen entnervt und frustriert das Handtuch geschmissen haben. Die Gründe sind vielfältig: Die zunehmende Angepasstheit der Printmedien lässt Kritiker, die es als ihren Auftrag ansehen, für den Zuschauer zu bewerten, ob im Fernsehen überhaupt noch Qualität stattfindet, kaum mehr zu Wort kommen. Die Arbeitsbedingungen der zumeist freischaffenden Fernsehkritiker haben sich akut verschlechtert. Die Tageszeitungen, die sie zumeist beliefern, laufen eher dem Mainstream eines gefälligen Journalismus hinterher, als dass sie sich an medienkritischen Beiträgen interessiert zeigen. Könnte es den Leser stören? Hinzu kommt, dass ein „Hire and Fire“-System vorherrscht, das diese meist freiberuflichen Journalisten in ständiger existenzieller Bedrohung hält. Aufträge werden eher willkürlich nach nicht nachvollziehbaren Kriterien vergeben. Die Honorare sind miserabel. Mit einer dahingeschluderten unkritischen Kritik lässt sich mehr Geld verdienen. Auf diese Weise kann die Medien-Demokratie auch verkommen.

Was könnte ver.di dagegen tun?

Ver.di muss auch gezielt die zum Teil katastrophalen Arbeitsbedingungen der Freien auf die Agenda setzen. Merke: Nur materiell abgesicherte Journalisten (auch Medienkritiker!) können ihrer Rolle als Wächter der Demokratie gerecht werden.


 

 

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Fußball und Fangesänge im Sportradio

Der Zeitpunkt erschien günstig. Kurz vor der Fußball-EM und einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio ging das bundesweite Sportradio Deutschland (SRD) auf Sendung. Trotz fehlender Live-Rechte soll es sich als Spartensender beweisen. Unter dem Motto: „Sport ist alles. Alles ist Sport“, wird seit Ende Mai rund um die Uhr gesendet. Ob der Slogan beim potentiellen Publikum des neuen Privatsenders ankommt ist zweifelhaft.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »