Nach Verkauf ist ADN „hoffnungsschwanger“

ProSieben Media AG will auch mit dem neuen Sender N24 vor allem im Multimedia- und Nachrichtengeschäft wachsen

„Für Pro Sieben berichten Sie also“, bekommt so mancher Mitarbeiter des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) neuerdings auf Pressekonferenzen zu hören, wenn er sich mit ADN in die Liste einträgt. Das klingt selbst bei ernsten Typen komisch, so als würde man bei dpa Verleger-Agentur sagen, oder als AP-Journalist für „die Amerikaner“ berichten. Seit die ProSieben Media AG über ihre Tochter Digital Media im Januar die ehemalige DDR-Staatsagentur komplett übernahm, dreht sich scheinbar alles um „Unabhängigkeit“. Bei mindestens drei Besitzerwechseln vorher, darunter der Fusion mit dem Deutschen Depeschen-Dienst (ddp), hat das niemand interessiert.

Ex-Besitzer Wolf E. Schneider, weiterhin Geschäftsführer, sieht die Seriosität des „Kleinods aus der Ostberliner Mollstraße“ überhaupt nicht gefährdet. ProSieben-Chef Georg Kofler wiederum sieht in Schneider einen „Garanten für eigenständige Positionierung und kontinuierliche unternehmerische Entwicklung“. Zur Sicherheit hat er aber den Unterföhringer Digital-Redaktionschef Lutz Schumacher, einen früheren ddp-Mann, als geschäftsführenden Redakteur nach Berlin geschickt.

Auf alle Fälle soll ADN in den nächsten zwei Jahren in Deutschland „die führende Nachrichtenagentur im Multimediazeitalter“ werden. Dazu will die millionenschwere Media AG aus München in moderne und effiziente Strukturen bei seinem kleinen Neuerwerb mit nur einer Million Mark Stammkapital investieren. Letztes Jahr stieg der Überschuß von Pro Sieben um 47 Prozent auf 153 Millionen DM – Geld, das gut angelegt sein will.

Die hehren Zielsetzungen klingen altgedienten ADNern fast wie das frühere „überholen ohne einzu-holen“. Immerhin schindern derzeit 80 Festangestellte und 70 Freie zu 50 Prozent des üblichen Tarifsalärs, um dem Branchenprimus dpa Paroli zu bieten. 150 Medien, Parteien, Behörden und Verbände sind zufriedene ADN-Kunden. Trotzdem müssen sich magere 10 Millionen Jahresumsatz mit 200 dpa-Millionen messen – doch Masse ist eben nicht immer Klasse. An der Kundenfront der Hamburger Agentur bröckelt es im Regionalzeitungsbereich und bei den privaten Radiostationen. Im Online-Bereich schiebt sich Reuters immer mehr nach vorn.

Neue ProSieben-Verwertungskette geschlossen

Erstmal soll ADN sein Erfolgskonzept der Ost-Landesdienste flächendeckend in den Westen exportieren, seinen neuen Börsen- und Wirtschaftsdienst ADX weiter ausbauen und einen digitalen Bilderdienst starten. Selbst Real-Audio und -Video ist künftig nicht ausgeschlossen, meinen die neuen Busineß-Planer. Anfang ’97 lief bei ADN schon mal ein Test für einen Audio-Dienst. „Im wesentlichen positiv“ sei der Kauf durch ProSieben im Haus aufgenommen worden, sagte Betriebsratschef Wolfgang Leifheit. „Hoffnungsschwanger“ umschreibt ein Kollege die Stimmung – und meint bessere Personalausstattung, ordentliche Gehälter und technische Innovationen.

Als knapp zwei Monate nach dem schlagzeilenträchtigen ADN-Coup Kofler auch noch die Gründung des eigenen Nachrichtenkanals N24 als dritten TV-Sender in der ProSieben-Kabel 1-Familie bekanntgab, zerstoben die letzten Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Berliner Agenturverkaufs. Seit 3. März ist klar: Die ProSieben-AG macht ernst mit den „neuen Wachstumsfeldern Multimedia und Information“. Sie sollen „neben Entertainment das zweite Standbein der Gruppe werden“, sagt Kofler. Schon jetzt steigen die Multimediaumsätze im Konzern schneller als die traditionelle TV-Werbeeinnahmen – im letzten Jahr um 38 Prozent auf 50 Millionen DM.

Spätestens im Januar 2000, wenn N24 analog und digital, über Satellit, Kabel und im Internet auf Sendung geht, ist die neue ProSieben-Verwertungskette geschlossen. ADN als klassische Print-Agentur liefert rechtefrei den News-Rohstoff, N24 bebildert und vertont das ganze für die Info-Inseln in den konzerneigenen zwei TV-Entertainment-Sendern und für fremde Kunden. Freizeit- und Busineß-TV, Videotext- und Online-Angebote sowie womöglich eine eigene Digitalplattform sollen dann die ProSieben Media AG mit optimalen Synergien zu einem der führenden Multimediahäuser Deutschlands machen. Wenn dann noch die Rendite bei 14 bis 16 Prozent wie derzeit liegt, müssen sich Größere wie Bertelsmann warm anziehen. Hoffentlich nicht die Beschäftigten …

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