Neonazis demonstrieren gegen Hamburger Medien

Gegenkundgebungen und Proteste der Beschäftigten

Donnerstag, 31. August des Jahres: Der „stern“ erscheint mit dem Titel „Stoppt den braunen Terror!“ Mit einer Spendenaktion soll die Initiative „Exit“, die Neonazis beim Ausstieg aus der Szene behilflich ist, unterstützt werden. Dem Heft sind die Aufkleber „Mut gegen rechte Gewalt“ beigelegt. Bereits am 22. August haben sich im Gruner + Jahr-Verlagshaus etwa 20 „stern“-Redakteurinnen und Redakteure getroffen, um mögliche Aktionen zu besprechen.



Rückblende: Die Situation hatte etwas Groteskes: Da, wo vor mehr als 30 Jahren Blockaden gegen den Springer-Konzern stattfanden, herrschte am 19. August Belagerungszustand. Kolleginnen und Kollegen, die sich damals eine blutige Nase holten, waren diesmal als Berichterstatter hinter der Polizeiabsperrung und mussten aufpassen, dass sie nicht „zwischen die Fronten“ gerieten. Eine Gruppe von 70 Neonazis um Christian Worch demonstrierte vor der Springer-Zentrale in der Hamburger Innenstadt gegen die ihrer Meinung nach „ungerechte“ Berichterstattung der Springer-Blätter. Vornehmlich der „Welt“ und der „Bild“-Zeitung wirft der braune Mob vor, sie verbreiteten über den „nationalen Widerstand Lüge und Hetze“.

Die Gruppe Regenbogen in der Hamburger Bürgerschaft rief zur Gegenkundgebung auf, an der sich gut 800 Menschen beteiligten. Unter den Kundgebungsrednern war auch Ernst Heilmann, Betriebsrat der Springer-Offsetdruckerei in Ahrensburg. Ansonsten regte sich aus dem Verlag nichts. Das Gebiet um das Springer-Areal war von der Polizei weitläufig abgesperrt. Die Neonazis konnten wenige Meter vor das Hauptgebäude ihre Versammlung abhalten, die Gegenkundgebung fand im gebührendem Abstand vor der Musikhalle statt. Worch kündigte an, man werde weitere Demos vor Hamburger Medienhäuser durchführen. Als nächstes seien G+J und die Hamburger „Morgenpost“ dran.

Wenige Tage später fasste der G+J-Betriebsrat den Beschluss, am 31. August im Verlag eine Informationsversammlung zu den Neonazi-Umtrieben durchzuführen, zu der dann auch etwa 200 meist jüngere G+J-Kolleginnen und Kollegen kamen. „Die Versammlung verlief atmosphärisch sehr gut ab mit vielen Redebeiträgen“, erzählt Betriebsrat Martin Dieckmann. Kritisiert wurde, dass sich kaum Leute vom „stern“ an der Veranstaltung beteiligten. Die Betriebsgruppe von IG Medien und DAG beschloss, für den 2. September – der Tag, als die Neonazis vor G+J demonstrieren wollten – zur Gegenkundgebung aufzurufen. Die Gewerkschaftskollegen verteilten im Verlag den Aufruf „Was tun gegen Rechts? – Gesicht zeigen!“, in dem es unter anderem heißt „es geht nicht alleine um die Pressefreiheit, sondern um den Angriff auf eine Presse, die sich der Freiheitsrechte aller annimmt.“

Weil das braune Gesindel in Neumünster seinen „Club 88“ vor der verfügten Schließung „schützen“ mussten, wurde die Versammlung vor G+J abgesagt. Das Anti-Nazi-Bündnis und die Betriebsgruppe hielten an ihrem Vorhaben fest, sich am Samstag, den 2. September, vor G+J zu versammeln, um „Gesicht zu zeigen“: etwa 200 Menschen, die Hälfte G+J-Beschäftigte und die andere Hälfte IG Medien-Mitglieder mit ihren Freundinnen und Freunden. Diesmal waren mehr Kollegen vom „stern“ dabei, dazu noch die Chefredaktion und der Verlagsleiter. „200 ist eine gute Teilnehmerzahl“, sagt Dieckmann, „aber wichtiger ist, dass sie wirklich aus allen Bereichen des Verlags kamen.“ So sei es gelungen, ein Bild zu schaffen, das zeigt, wie sich Menschen die Öffentlichkeit erobern (siehe auch Kasten mit Auszügen aus Dieckmanns Rede).

Ein Tag später: Etwa 90 Rechtsradikale krakeelen vor dem Redaktionsgebäude der „Hamburger Morgenpost“ im Stadtteil Bahrenfeld gegen „Lüge und Hetze“, die das Blatt gegen sie betreiben würde. Zur Gegenkundgebung rufen wieder Regenbogen und das Antinazi-Bündnis „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ auf. Der Aufruf wird von Betriebsräten aus zehn Hamburger Verlagen mitgetragen.

Eigentlich wollte die „Morgenpost“-Belegschaft dem Neonazi-Aufmarsch im Hof der Redaktion mit dem Fest „Gegen den Hass“ begegnen. Nachbarn sollten eingeladen werden, eine vierseitige Sonderausgabe der Zeitung war geplant und viele Kolleginnen und Kollegen beteiligten sich mit Billigung der Chefredaktion an der Vorbereitung. Dann kam Geschäftsführer Marcus Ippisch aus dem Urlaub und stoppte die Aktion. Grund: Versicherungsrechtliche Bedenken. Auch ein Protestbrief der Redaktion half nicht weiter, so wurden die Nachbarn und Kollegen statt dessen zur Teilnahme an der Gegenkundgebung aufgerufen. „Es kamen auch viele Mitarbeiter, die keinen Sonntagsdienst hatten“, sagt „Morgenpost“-Redakteurin Sigrid Meissner.

Nur Chefredakteur Josef Depenbrock traute sich nicht aus seinem Büro. Dass er „in Augenhöhe“ mit dem braunen Mob konfrontiert sei, finde er nicht „sehr sexy“, sagte er im Gespräch mit dem FR-Korrespondenten (und Autor dieses Berichts) und fügte hinzu, dennoch sei er entspannt und sitze mit dem Vorsitzenden der CDU-Bürgerschaftsfraktion Ole von Beust und dem Mopo-Verleger Frank Otto „bei Butterkuchen und Kaffee“ im Büro. Unterdessen arbeitete ein Teil der Mopo-Redaktion an der Montagsausgabe des Blattes, das nach Angaben einiger Redakteure „etwas anders“ ausschauen sollte. Ein Großteil der Belegschaft beteiligte sich an der Gegenkundgebung, zu der die Regenbogengruppe in der Bürgerschaft, die IG Medien und Betriebsräten aus zehn Hamburger Verlagshäusern aufgerufen hatte.

 

 

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