Neue Wege in einer bunt schillernden Branche

Am 1. Oktober startet das Projekt connexx.av für die Medienschaffenden im privaten Rundfunk und in der AV-Produktion

Die Branche des privaten Rundfunks und der Film- und Fernsehproduktion (AV-Produktion) gehört zu den Wachstumsbereichen. Bundesweit beschäftigen die einschlägigen Produktions- und Sendeunternehmen rund 100.000 Menschen. Obwohl bisher gleich zwei Gewerkschaften (IG Medien und DAG) und etliche Berufsverbände und Standesorganisationen ihre Dienste anbieten, ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad gering. Insbesondere die Gewerkschaften werden von den Beschäftigten der auf jung getrimmten Branche als alte Organisationen mit überholten Strukturen gesehen, die allenfalls für die Interessenvertretung in klassischen Industrien taugen.

Ab 1. Oktober 1999 soll connexx.av nach neuen Wegen suchen. connexx.av ist ein auf drei Jahre angelegtes gemeinsames Projekt der IG Medien und der Deutschen Angestelltengewerkschaft, das der Mitgliedergewinnung und dem Aufbau neuer gewerkschaftlicher Arbeitsstrukturen im privaten Rundfunk und in der AV-Industrie dient.

connexx.av ist auch ein Experimentierfeld im Hinblick auf die zukünftige Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Wie muß gewerkschaftliche Arbeit in einer Branche aussehen, die sich in Beschäftigten- und Firmenstruktur, beruflichem Verständnis, Altersaufbau und mit einem hohen Anteil an Freiberuflern und deregulierten Arbeitsverhältnissen fast fundamental vom klassischen Rekrutierungsfeld der Gewerkschaften unterscheidet?

Gewerkschaften: Bekannt, aber wenig beliebt

In der schillernd bunten Medienwelt sind Lohndumping, unbezahlte Überstunden, gesundheitsschädigende Arbeitsbedingungen und eine schlechte soziale Absicherung keineswegs selten. Deshalb wird trotz aller Vorbehalte gegen Gewerkschaften auch von den Beschäftigten der Privatfunk- und AV-Branche der Wert einer starken Interessenvertretung nicht grund-sätzlich bestritten. Sie soll sich allerdings eng an der beruflichen und betrieblichen Praxis und insbesondere den Bedürfnissen der oft freiberuflich arbeitenden Kolleginnen und Kollegen orientieren. Dies setzt in hohem Maß detaillierte Branchenkenntnisse – und Mentalitätsverständnis voraus.

Der IG Medien mit ihrer (scheinbaren) Fixierung auf Druck-industrie und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden diese Fähigkeiten nicht mehr zugetraut. Das zumindest haben Befragungen durch Studentinnen und Studenten der Westdeutschen Akademie für Kommunikation in Köln ergeben, die in Zusammenarbeit mit dem IG-Medien-Landesbezirk Nordrhein-Westfalen Bekanntheit und Image der IG Medien im Umfeld der beiden Kölner AV-Produktionszentren Hürth und Ossendorf recherchierten. Bekannt ja, beliebt nein, lautete zugespitzt das wenig schmeichelhafte Ergebnis für die IG Medien. Ähnliche Erfahrungen hat auch die DAG machen müssen.

Eine Schlußfolgerung haben sowohl die IG Medien als auch die DAG inzwischen aus den Erfahrungen gezogen: Wenn die Gewerkschaften in der Branche eine Rolle spielen sollen, müssen neue Wege beschritten werden. Reaktive „Betreuung“, die erst dann einsetzt, wenn ein Beschäftigter die Schwelle des Bezirksbüros überschreitet, kann das strukturelle Defizit nicht beseitigen. Die gewerkschaftliche Erschließung der Branche bedeutet zunächst eine Menge an konzeptionellen Vorleistungen und Investitionen in neue Arbeitsstrukturen – und setzt auch die Akzeptanz voraus, daß die Beschäftigten dieser Branche Serviceleistungen auf hohem Niveau erwarten. Erst danach können die Gewerkschaften versuchen, sich als gestaltender Faktor zu etablieren und in einem weiteren Schritt auch Gegenmacht zu verkörpern.

connexx.av will herausfinden, welche neuen Wege gangbar sind. Dabei soll vor allem die oft zitierte und selten umgesetzte Formel, man müsse „die Beschäftigten dort abholen, wo sie sind“, in mehrfacher Hinsicht in die Realität umgesetzt werden. connexx.av wird dort die Arbeit aufnehmen, wo die Branche boomt: In den vier regionalen Zentren der Film- und Fernsehproduktion und der privaten Sender, also Hamburg, Köln, München und Berlin/Potsdam. In den Sendeunternehmen und auf den Produktionsgeländen dieser vier Standorte arbeiten über zwei Drittel aller Beschäftigten der Branche.

Die Kolleginnen und Kollegen abholen heißt auch, ihnen nicht nur einen Sitz im Ortsvereins- oder Fachgruppenvorstand anzubieten. Vielmehr wird es entscheidend sein, konkrete Angebote für Hilfestellungen im beruflichen Alltag zu machen. Arbeits-, Tarif und Sozialrecht sind hier ebenso gefragt wie Beratung bei der Existenzgründung und beruflicher Fort- und Weiterbildung.

ver.di für die Stärkung der Berufsgruppen- und Branchenarbeit nutzen

connexx.av will darüber hinaus das Angebot machen, als organisatorische Klammer für die Berufsgruppen der Branche zu fungieren. Alle interessierten Kolleginnen und Kollegen sollen die Möglichkeit erhalten, sich regional und auch bundesweit zu vernetzen, um gemeinsam ihre branchen- und berufsspezifischen Probleme zu bearbeiten. Auch in diesem Punkt versteht sich connexx.av als Experimentierfeld für ver.di. Die neue Großgewerkschaft wird gerade in den kleineren Branchen nur dann überzeugend und attraktiv sein können, wenn zu den Vorteilen einer starken und schlagkräftigen Großorganisation mit demselben Gewicht die Möglichkeit geschaffen wird, autonom die ureigensten Angelegenheiten in einzelnen Branchenfeldern und Berufsgruppen in die Hand nehmen zu können. Wird diese Anforderung nicht erfüllt und ver.di nur als anonymer Moloch wahrgenommen, ist die Anstrengung zumindest im Bereich der künstlerisch und publizistisch Tätigen wohl vergebens. Dann stehen genügend Standesorganisationen bereit, die die Lücke füllen wollen – und dann aufgrund ihrer verengten Perspektiven das Dilemma schwacher Interessenvertretung noch vergrößern.

connexx.av wird Mitglieder für die IG Medien und die DAG werben, solange noch keine Einzelmitgliedschaft bei ver.di möglich ist. Neue Mitglieder werden aber bereits jetzt die vollen Leistungen beider Trägergewerkschaften erhalten. Die fünf Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter an den connexx.av-Standorten sind gleichermaßen der IG Medien und der DAG verpflichtet. Sie werden in engem Kontakt mit den jeweiligen regionalen haupt- und ehrenamtlichen Gremien beider Gewerkschaften zusammenarbeiten. Das zentrale Projektbüro ist in Frankfurt am Main auf einer Gemeinschaftsetage mit weiteren gemeinsamen Einrichtungen der ver.di-Gewerkschaften angesiedelt, zum Beispiel dem Multimedia-Büro.

In drei Jahren wird connexx.av Bilanz ziehen. Haben sich die im Projekt gefundenen Ansätze bewährt, dann besteht die Aussicht, daß die dort entwickelten ehren- und hauptamtlichen Arbeitsstrukturen auch in die Strukturen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft übernommen werden.

nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

ver.di unterstützt von Flutkatastrophe betroffene Mitglieder

Von der Flutkatastrophe betroffene ver.di-Mitglieder können sich an ihren ver.di-Bezirk wenden und finanzielle Soforthilfe beantragen. „Den Opfern der Flutkatastrophe, den Familien, die Angehörige verloren haben und denjenigen, deren Hab und Gut vom Wasser zerstört wurde, gilt unsere Solidarität und Anteilnahme", betont der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Fußball und Fangesänge im Sportradio

Der Zeitpunkt erschien günstig. Kurz vor der Fußball-EM und einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio ging das bundesweite Sportradio Deutschland (SRD) auf Sendung. Trotz fehlender Live-Rechte soll es sich als Spartensender beweisen. Unter dem Motto: „Sport ist alles. Alles ist Sport“, wird seit Ende Mai rund um die Uhr gesendet. Ob der Slogan beim potentiellen Publikum des neuen Privatsenders ankommt ist zweifelhaft.
mehr »