Prämiert wird, was niemanden kratzt

Für den regierungskritischen Report gab es keinen Grimme-Preis

Wie ein Staatsgeheimnis wurde der 38. Adolf-Grimme-Preis gehütet. Nichts, aber auch gar nichts durfte im Vorfeld verlautbart werden. Dann, endlich ist es raus. Mit Heinrich Breloeurs „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ wurde ein politisch spannender Film im Fiktions- und Unterhaltungsbereich mit Gold belohnt.

Solch wagemutiges Vorgehen beschränkt sich allerdings auf den Bereich „Fiktion“. Im Bereich „Information und Kultur“ sieht es anders aus: Politisch brisante Dokumentationen, im Verlauf des letzten Jahres heiß umstritten, wurden von der Nominierungskommission bereits abgeschmettert. So wirkt das Resultat ernüchternd, brav und angepasst. Als orientierten sich Fernsehkritiker, Medienwissenschaftler und Bildungsfachleute im Grimme-Gremium an ähnlichen Kriterien wie die Fernsehmacher: Was regt nicht auf, eckt nicht an, ist populär?

Was keine Chance hatte

Nicht etwa die kritischen Monitor-Berichte vom 20. September 2001, in denen sogenannte Kollateralschäden des Afghanistankrieges sichtbar und erstmals auch Zahlen genannt wurden, wurden prämiert. Statt solch einen regierungskritischen Report auszuzeichnen, in dem zivilcouragiert verschleiernde Informationspolitik in Kriegszeiten transparent gemacht wird, kam zum Thema 11. September der ARD-Populärstreifen „Die Todespiloten“ zu Ehren. In dieser Dokumentation werden in aller Ausführlichkeit die Täterprofile des Terroranschlags auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon geliefert.

Der RTL-Nachrichtensprecher Peter Kloeppel und Regisseur Volker Weicker wurden für die Moderation und die Bildregie am 11. September mit dem Spezialpreis prämiert. Einstürzende Türme haben eine gewisse Ästhetik, Katastrophensendungen stehen hoch im Kurs. Keiner wollte das bestreiten, der Moderator beherrschte sein Metier der Nachrichtenmoderation. Kein Stottern kein Stammeln, immer am aktuellen Geschehen dran. Eine hinreichende Begründung für eine Preisentscheidung?

Interessant ist jedoch vor allem, was keine Chance hatte: In einer Zeit, in der Dokumentarfilmer vermehrt klagen, in den Sendeanstalten werde ihnen zunehmend politisch artiges Abnicken bei aktuell brisanten Themen abverlangt, zeigt sich die Grimme-Jury enthaltsam, mutigen Fernsehautoren den Rücken zu stärken. Einst zitierte der Begründer des Grimme-Preises Bert Donepp anlässlich der 1. Verleihung den Soziologen Helmut Schelsky, um die Verantwortlichkeit der Jurys deutlich zu machen: „Notwendigkeit und Gefährlichkeit der Publizität sind ein strukturelles Dilemma unserer Gesellschaftsverfassung.“ Das war 1964. Heutzutage scheinen solcherlei Nachdenklichkeiten keine Rolle mehr zu spielen. Die gebotene Distanz von Kritikern zu Machern scheint zunehmend im Schwinden begriffen.

Klartext: Mit „Es war einmal in Tschechien“ (arte / France) ist ein zwar bemerkenswerter, aber weitgehend unverfänglicher Film mit Gold ausgezeichnet worden. Wie hässlich Krieg ist, wird im Film ausführlich gezeigt. Doch all dies ist weit weg, im fernen Osten. Indes wurde „Es begann mit einer Lüge“ (ARD / WDR), jener kritische Film über den Kosovo-Krieg, der im Bundesverteidigungsministerium erheblichen Wirbel verursachte, bereits in der Nominierungsrunde gekickt. Offenbar möchte sich auch der Kritiker, der Medienwissenschaftler und die Bildungsfachfrau gern da tummeln, wo sich bereits die Meinungsmacher des Fernsehens gemeinsam mit den politischen Köpfen drängeln. In der Mitte, irgendwo zwischen Sozialdemokratie und Christdemokratie – wo keiner keinem wehtut.

Im Vorfeld gefloppt

„Zuwanderung“ und „Antiglobalisierungsbewegung“, solch politisch brisante Sujets, die engagierte freie Fernsehautoren derzeit nur mühselig in Sendeanstalten unterbringen, sind auch bei Grimme kein Thema. Ein Film über Asylbewerber „Die Entscheider“ (WDR), in dem Autor Hansjürgen Hilgert entlarvend zeigt, was ausländische Menschen, die in der Bundesrepublik Asyl suchen, in diesen, unseren deutschen Amtsstuben erwartet, floppt auch im Vorfeld. Pech gehabt, keine schönen Bilder! Polemisch gefragt: Wollte man dem Gesetzgeber nicht in die Suppe spucken? Dessen Plan nicht madig machen, mit Gesetzesverschärfungen Flüchtlingen das Leben hierzulande schwerer zu machen?

Macher und Kritiker sind neuerdings erschreckend einig. Gelobt und prämiert wird, was niemanden kratzt. Mit solch einer Preispolitik unterstützt man allerdings keineswegs jene aufrechte Journalisten, die der Hofberichtsmanie trotzen.

Der Film über Globalisierungsgegner „David und Goliath“ (arte / ZDF) von Martin Keßler fand ebenfalls keinen Anklang. Kritikpunkt: Bauer Bov_ sei zwar mit seinen Schafen im Bild gewesen, nicht aber der Käse, den er produziert. Dass der Film die Zusammenhänge indischer und deutscher und französischer Ausbeutungsverhältnisse auf den Punkt bringt, hat die Nominierungskommission nicht interessiert. Dass – falls die letzten Idealisten unter den Fernsehautoren solche rechercheintensiven Geschichten nicht weiterhin leisten – Fernsehen zum Spielball selbstgefälliger Pragmatiker in der Politik wird, offenbar auch nicht. Auch solch grundsätzlichen Fragen sollten Grimme-Juroren stellen, und sich nicht haltlos dem Terror der schönen Bilder unterwerfen.


 

Die Autorin war als Mitglied der Nominierungskommission „Information und Kultur“ ins Marler Grimme-Institut berufen.

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