Unheimliche Mächte

Die fünfte Gewalt – Lobbyismus in Deutschland

Heimlich, still und leise haben sie sich etabliert im neudeutschen Politsystem: die Lobbyisten. Zunehmend beeinflussen sie nicht nur Politiker, sondern auch die Journaille. Man erhält Einladungen zu Events, Partys, Hintergrundgesprächen – flugs ist man umgarnt und hält für objektive Informationen, was bloße Propaganda ist.

Jemand, der das lieber kritisch durchleuchtet, statt sich manipulieren zu lassen, ist Thomas Leif, Vorsitzender vom Journalistenverbund „netzwerk recherche“ und Chefreporter beim Fernsehen des SWR. Zusammen mit dem Politologen Rudolf Speth gibt Leif Bücher heraus – eines, „Die stille Macht“, prägte bereits ein zur Redewendung gewordenes Synonym für den neuen Berliner Lobbyismus. Das jüngste Werk der beiden geht noch einen Schritt weiter: „Die fünfte Gewalt – Lobbyismus in Deutschland“ vereint Essays von 19 Autoren zu einer aufrüttelnden Zustandsbeschreibung nebst Trendprognosen. Aus verschiedensten Bereichen wird rapportiert, mit welchen Methoden sich die diversen Industrien durchsetzen. Wie unheimliche Mächte wirken sie hinter den Kulissen. Da locken Zigarettenhersteller mit „Blauen Stunden“ zum Qualmen und Kontakteknüpfen, während sie Studien sponsern, die Passivrauchen als unschädlich darstellen.

Den Nebel der Noblesse verströmen auch jene neoliberalen Zirkel, die sich als Teil der Schickeria ganz mondän geben. So wird Berlins Prachtboulevard Unter den Linden scherzhaft „Unter den Lobbyisten“ genannt – dort bearbeiten die hoch bezahlten Schönredner ihre Opfer nämlich vorzugsweise: in feinen Cafés und Restaurants, in schnieken Kanzleien und Agenturen. Es ist also kein Wunder, wenn Stromkonzerne mit angeblich guten Nachrichten auftrumpfen können, obwohl sie bei Übernahmen Stellen streichen und die Verbraucher mit überhöhten Preisen quälen. Die ZDF-Reporterin und Publizistin Ulrike Hinrichs weist zudem präzise bis ins Detail eines Tagesablaufes nach, wie fest Politiker im Griff der Lobbyisten stecken – manche wechseln denn auch die Seite, als wäre nichts dabei. So Wolf-Dieter Zumpfort, früher Bundes- und Landtagsabgeordneter, heute Chef der TUI. Ein Interview mit ihm von Leif zeigt, wie Lobbyisten ihre Möglichkeiten potenzieren: Entscheidungen werden immer häufiger  in vor- und außerparlamentarischen Grauzonen getroffen. Die grundlegende Idee der Demokratie, dass die vom Volk gewählten Vertreter transparent und ohne Fremdeinfluss regieren sollten, hat da keine Chance. So kam es zu Hartz IV – und so werden  weitere, auch mehrheitsfeindliche Gesetze ausgetüftelt. Hoffnung setzt das Buch auf die Pressefreiheit, die zu kritischer Berichterstattung verpflichtet; doch auch für Journalisten werden die Dinge immer komplizierter. Das gilt fürs Gesundheitswesen mit all den Pharma-Gruppierungen ebenso wie für positiv besetzte Lobbys, die der Umwelt etwa. Den Gewerkschaften ist hier ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Laut Autorin Anke Hassel besteht die Chance des DGB darin, ein Lobbyverband wie jeder andere zu werden – um dort Einfluss anzustreben, wo es die Gegner tun: an der Lobby-Front Berlin.

 

Thomas Leif /  Rudolf Speth (Hrsg.): Die fünfte Gewalt – Lobbyismus in Deutschland

VS  Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006
368 Seiten, 19,90 Euro

ISBN 3-531-15033-2

 
nach oben

weiterlesen

Dreh- und Angelpunkt ist die Staatsferne

Nach dem Scheitern der Bundes-Presseförderung: Wie lassen sich künftig Medienvielfalt erhalten und Qualitätsjournalismus unterstützen? Ein Gutachten von Wissenschaftlern der Universität Mainz liefert interessante Vorschläge zur Hilfe für die Medienbranche. Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen ist dabei die gebotene Staatsferne.
mehr »

WDR: Kein Platz für Rückwärtsgewandte

Seit Jahren erlebe ich den WDR als einen Arbeitgeber, in dem Vielfalt als Stärke gesehen wird. Als schwuler Mitarbeiter musste ich mir nie Sorgen machen, in irgendeiner Form diskriminiert zu werden. So geht es vielen Mitarbeiter*innen beim WDR. Deswegen bin ich sehr besorgt, wenn der „Verein kinderreicher Familien Deutschland“ in den künftigen Rundfunkrat einzieht, vorgeschlagen vom Kabinett Laschet in NRW.
mehr »

Lokaler Rundfunk als Mutmacher

Die lokalen Radio- und Fernsehsender Bayerns haben sich trotz wirtschaftlicher Einbußen infolge der Corona-Pandemie behauptet. Tatsächlich führte die Krise in vielen Häusern zu einem regelrechten Innovationsschub. Dies ist eine der Haupterkenntnisse auf dem Lokalrundfunktag 2021, bei dem Programmmacher*innen und Medienpolitiker*innen Bilanz zogen. Pandemiebedingt fand der Rundfunktag in hybrider Form statt, also mit begrenzter Teilnehmerzahl im Saal und per Live-Stream.
mehr »

WDR: Rundfunkräte debattieren über Programmauftrag

Unruhe im WDR: Ein Drittel der Mitglieder des Rundfunkrates wollte auf einer Sondersitzung des Gremiums grundsätzlich über den Programmauftrag des Senders diskutieren. Befürchtet werden Qualitätsverluste bei der Umschichtung von „linear“ zu „online“, vor allem bei Kulturformaten. Zur Unterfütterung ihrer Positionen hatte die Gruppe ein Diskussionspapier mit zehn Punkten zur „Zukunft der Gestaltung des Programmauftrags im WDR“ vorgelegt. Das Echo auf diesen Vorstoß fiel allerdings gemischt aus.
mehr »