Wem gehört das Lied?

Internationales Frauenfilmfestival mit dem Fokus auf Musik

Seit die beiden unabhängigen Veranstalter „Femme totale“ (Dortmund) und „Feminale“ (Köln) 2006 fusionierten, ist das Inter­nationale Frauenfilmfestival Dortmund / Köln mehr als nur ein Publikumsmagnet. Für Regisseurinnen, Schauspielerinnen, Kamerafrauen und Filmmusik-Komponistinnen ist das jährlich stattfindende Festival wichtiger Treffpunkt zum Netzwerken und zur Nachwuchsförderung.

Rhythmus, Experimentierfreude und politisch brisante Filme: Beim Internationalen Frauenfilmfestival (IFFF) zum Fokus Musik waren 99 Filme zu sehen. Rund 8.500 Filmliebhaberinnen und Cineasten bewunderten fünf Tage im April in Dortmund, was die Frauenfilmkunst zum Fokus Musik aus über 20 Ländern zu bieten hat.
Mit der Musik ist es wie mit allen anderen Kunstformen auch: Sie ist niemals politisch wertfrei, und vor allen Dingen setzt sie Gefühle frei. So auch die Quint­essenz des Festivals. Der Dokumentarfilm „Whose is this song“ (Wem gehört das Lied?) von der bulgarischen Autorin Adela Peeva nahm sich nahezu als Motto des Fes­tivals aus. Peeva recherchiert in ihrem tragikkomischen kleinen Streifen dem ­Ursprung eines vermeintlich kleinen harmlosen Volkslieds hinterher, das mal als Liebesballade, mal als religiöse Hymne, mal als revolutionäres Kampflied oder ­militärischer Marsch gestaltet ist. Wo sie auch bei ihrer Reise durch die Türkei, Griechenland, Makedonien, Albanien, Bosnien, Serbien und Bulgarien hinkommt, es wird exakt dieselbe Melodie gesummt – mit jeweils unterschiedlichem Text. An Kneipentischen, bei Proben kleiner Orches­ter oder auf dem Dorfplatz kennt ein jeder dieses Lied. Behauptet wird jedoch stets unnachgiebig, das Lied stamme aus der eigenen Region und keiner anderen. Der Film belustigt sich über unreflektierte Nationalgefühle. Er zeigt, wie Menschen, die im Grunde ganz ähnlich denken und fühlen wie ihre Nachbarvölker, dennoch versuchen, sich auf absurde Weise von diesen abzugrenzen. Fazit: Ein Lied kann für Frieden stehen, aber auch kriegerische Tendenzen verstärken. Der Dokumentarfilm „East of Havanna“ von Jauretsi Saizarbitoria und Emilia Menocal zeigt indes, wie der Freiheitsgedanke durch die kubanische Hiphop-Bewegung in die Bevölkerung getragen wird.
Beim Festival galten hohe Qualitätsmaßstäbe. Denn so die Festivalleiterin Silke Räbiger: „Nun hören Sie mal gut zu, da hat ‘ne Frau Musik gemacht – so gehen wir hier nicht an die Sache heran“. Bestes Beispiel für gelungenen Musikeinsatz, passend zur Filmhandlung, ist der für den Wettbewerb nominierte Spielfilm „Lady Chatterley“, der ab 22. Juni in einer Fernsehfassung zweiteilig auf arte läuft. Wenn die Lady im Film erwartungsvoll durch eine Waldlichtung streift, auf unbestimmter Suche nach einem besseren Leben und einem Ausweg aus ihrer Depression, erklingt erwartungsfreudige Musik. Das verleiht dem Weg der Lady Chatterley, die im Film zur sexuellen und politischen Selbstbestimmung als Frau aufbricht und mit dem Wildhüter eine leidenschaftliche Affäre beginnt, eine ganz neue energie­geladene Note.

Komponistin aus Leidenschaft

Die französische Komponistin Beatrice Thiriet, die mit ihrer Handschrift die Musik des Films prägt, ist aus Leidenschaft Komponistin geworden. Sie benennt einen der Gründe, warum es für Frauen mutmaßlich so schwer ist, in diesen Beruf vorzudringen: Der Beruf sei umweht vom Nimbus des Elitären. Sie macht allerdings auch deutlich, dass Frauen etwas gegen diese Entwicklung unternehmen können. Gefördert vom ehemaligen französischen Kulturminister Jacques Lang versuchte sie, dem Elitegedanken entgegenzuwirken. Die klassische Musik und deren steife Präsentation vom Sockel zu stürzen, war ihr Anliegen. In speziellen Projekten präsentierte sie ihre Musik im Supermarkt oder im Friseursalon. Heutzutage ist sie vielfach auf ein Autorenkino angewiesen. Somit weiß sie, was Low-Budget bedeutet. Und doch stürzt sie sich immer wieder in die Arbeit: „Dann kämpfe ich mich durch einen langen, dunklen Tunnel hindurch – was am Ende wartet, weiß ich nie“.
Auch Christine Aufderhaar, Filmkomponistin und Dozentin für Komposition für Filmmusik an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Babelsberg, wünscht sich mehr Frauen im Metier. Nach Schätzungen des Deutschen Musikrats sind es hierzulande nur neun Prozent. Von 80 Bewerbern an der HFF in diesem Jahr seien nur zwei weiblich, konstatiert sie. Allerdings sieht sie auch einen Aufwärtstrend. Bei einer weltweiten Ausschreibung des ASCAP Film Scoring Workshop in Los Angeles konnten sich zwölf Komponisten für die Teilnahme an einer Kontaktbörse der Filmindustrie durchsetzen – darunter immerhin zwei Frauen.
Der Beruf der Komponistin für Filmmusik sei ein Dienstleistungsberuf, meint Aufderhaar. Schnelles aktuelles Arbeiten werde erwartet. Meist entspreche die Planung einer Filmproduktion nicht der tatsächlichen Durchführung. Der letzte in der Kette der Filmschaffenden sei die Komponistin. Wenn sie an die Reihe kommt, seien mitunter Zeit- und Geldbudget bereits weitgehend aufgebraucht. Dann brauche es starke Nerven und die Fähigkeit unter Zeitdruck zu arbeiten.
In Pausengesprächen wird unter Komponistinnen Klartext geredet: Will ein männlicher Kollege etwa einen Assistenten haben, bekomme er ihn meist zugestanden. Eine Frau hingegen stoße häufig auf Widerstände. Da werde etwa gemutmaßt: Ob sie es allein wohl nicht schafft? Ähnlich sei es auch Kamerafrauen ergangen: „Ja, wenn Ihnen die Kamera zu schwer ist, nehmen wir doch lieber gleich einen Mann“, heiße es dann. Käme jedoch der Kollege mit dem gleichen Anliegen, habe die Besorgnis um dessen Gesundheitszustand Priorität. Einen Assistenten zur Seite zu stellen – mitunter plötzlich gar kein Problem.

 

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