Auch im Sommer eher auf Nummer sicher

Mit im Voting-Event zum 50-jährigen Tatort-Jubiläum: "Angezählt", Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) beruhigt seine Kriminalistenkollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Der "Wiener" Tatort lief 2013 im Ersten. Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg

In den Sommermonaten läuft das Fernsehen traditionell auf Sparflamme; Premieren eigenproduzierter Filme und Serien sind echte Mangelware. Das liegt nicht nur an der Ferienzeit: ARD und ZDF könnten es sich gar nicht leisten, auf den Sendeplätzen für Fernsehfilme jede Woche Erstausstrahlungen zu präsentieren. Doch anspruchsvolle deutsche Kinokoproduktionen schon um 20.15 Uhr zu zeigen, trauen sie sich nicht.

Bei der Auswahl der Wiederholungen, sagt Florian Kumb, Leiter der ZDF-Programmplanung, spielten viele Faktoren eine Rolle. „Ganz wichtig ist gerade im Sommer die Frage: Was passt zur Jahreszeit? Unser Ziel ist eine gute Mischung. Dazu zählen einerseits Produktionen, die bei ihrer Premiere noch nicht ihr volles Potenzial ausgeschöpft haben. Kaum jemand hat alle Filme eines Jahres gesehen. Andererseits zeigen wir auch Publikumserfolge, von denen wir überzeugt sind, dass sie bei der Wiederholung ebenfalls gut funktionieren werden.“ Als Beispiel nennt er „Mein Freund, das Ekel“ (2019): „Die Komödie mit Dieter Hallervorden lebt von ihrer Situationskomik; solche Filme haben das Zeug zum Evergreen, weil man sie sich immer wieder anschauen kann.“ Andrea Wich, Leiterin der Programmplanung für das „Erste“, spricht ebenfalls von „ausgesuchten Produktionen, die bei der Erstausstrahlung besonders erfolgreich waren.“ Sonntagskrimis zum Beispiel erreichten auf diese Weise mitunter mehr als sechs Millionen Zuschauer.

Nicht ausschließlich Wiederholungen

Allerdings besteht das Sommerprogramm keineswegs nur aus Wiederholungen. Das „Erste“ ersetzt die Werktags-Talkshows durch Dokumentarfilme und zeigt außerdem zwei Spielfilmreihen: Am 29. Juni eröffnet die sehenswerte Ehekomödie „Und wer nimmt den Hund?“ mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur das diesjährige Sommerkino. Im August folgt zum zwanzigsten Mal „Filmdebüt im Ersten“; den Auftakt macht am 18. August das vielfach ausgezeichnete Drama „Alles ist gut“. Die deutschen Kinokoproduktionen beginnen allerdings erst um 22.45 Uhr. Das ist noch etwas früher als die Sendetermine der ZDF-Reihe „Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten“ ab 16. Juli; den Auftakt macht: „Glück ist was für Weicheier“, 23.15 Uhr.
Dabei könnten ARD und ZDF den Sommer doch nutzen, um anspruchsvollen Werken um 20.15 Uhr ein größeres Publikum zu bescheren. Den „Shooting Star“-Film „Der Mann aus dem Eis“, ein Steinzeit-Western mit Jürgen Vogel, zeigt das ZDF gar erst um 23.45 Uhr. Kumb sagt dazu: „Als Programmplaner ist man eine Mischung aus kühlem Rechner, Spürnase und Orakel, und in diesem Punkt prallen Wunsch und Wirklichkeit aufeinander. Wir haben kein Interesse daran, einen Film zu verstecken, sondern versuchen im Gegenteil, jedem die bestmöglichen Startbedingungen zu geben und ihm so zum größtmöglichen Erfolg zu verhelfen. Einen ‚kleinen’ Film montags um 20.15 Uhr zu zeigen, hieße jedoch, ihn ungeschützt einem starken Konkurrenzprogramm auszusetzen; er hätte keine Chance.“ Gerade jüngere Nutzer würden solche Angebote ohnehin unabhängig von der Sendezeit in der Mediathek nutzen.

Niemanden „verschrecken“: Archive werden nicht bemüht

Ältere Zuschauer fragen sich allerdings, warum ARD und ZDF nicht auch mal Klassiker aus ihrer Kindheit und Jugend wiederholen, etwa Rainer Werner Fassbinders Arbeiterserie „Acht Stunden sind kein Tag“ (1972/73, WDR) oder die spannenden ZDF-Mehrteiler „Die Schatzinsel“ (1966) und „Der Seewolf“ (1971). Laut Kumb liegen die entsprechenden Rechte jedoch gar nicht mehr bei den Sendern. Für das „Erste“ kämen solche Produktionen laut Andrea Wich nicht infrage, weil sie sich „an eine sehr überschaubare Zielgruppe richten“. Im Hauptprogramm habe man zudem den Anspruch, zeitgemäße Produktionen anzubieten; „Archivschätze“ seien in den „Dritten“, in den Spartenprogrammen One (ARD) und ZDF Neo sowie bei den Kulturkanälen 3sat und Arte besser aufgehoben. Tatsächlich zeigt 3sat im Rahmen des Programmschwerpunkts „Krimisommer“ neun alte Edgar-Wallace-Filme. Der BR wiederholt regelmäßig bayerische Kultserien, aktuell zum Beispiel „Die Hausmeisterin“ (1987 bis 1992) mit Veronika Fitz und Helmut Fischer. MDR und ORB würdigen wöchentlich die „Polizeiruf“-Tradition des Fernsehens der DDR, und Arte bringt ohnehin immer wieder Schwarzweißklassiker.
Immerhin hat sich die ARD für das diesjährige „Tatort“-Jubiläum etwas Besonderes einfallen lassen: Bis Ende August können die Zuschauer selbst bestimmen, welche Krimis sonntags um 20.15 Uhr im „Ersten“ wiederholt werden; die Abstimmung startet nach jeder Ausstrahlung wieder neu. Auch hier wird jedoch enttäuscht, wer auf Frühwerke aus der fünfzigjährigen Geschichte der Traditionsreihe hofft. Zur Auswahl stehen zwar die jeweils erfolgreichsten Episoden der einzelnen ARD-Sender, aber die ältesten Filme stammen aus dem Jahr 1999. Man habe auf frühere Produktionen verzichtet, erläutert ein Sprecher der ARD-Programmdirektion, um jüngere Zuschauer nicht zu verschrecken. Tatsächlich dürften Menschen unter dreißig den Mythos Schimanski (Götz George) allenfalls vom Hörensagen kennen; die Erzählweise der Filme aus den Achtzigerjahren würden sie höchstwahrscheinlich als altbacken empfinden. Am ersten Septemberwochenende endet die Sommerpause, dann zeigen ARD und ZDF wieder neue Samstags- und Sonntagskrimis.

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