Billigsten Rausschmiss verhindert

Holtzbrinck-Anzeigenblatt Zweite Hand eingestellt

Am 25. Oktober ist die letzte Zweite Hand erschienen. „Regional. Schnell. Aktuell.“ – der Werbespruch des nach eigenem Bekunden zu den Marktführern zählenden Anzeigenmagazins ist für die gedruckte Kompaktausgabe Vergangenheit. „Online sind wir weiterhin für Sie erreichbar“, verspricht immerhin die Website. Zum 1. November stellt der zur Tagespiegel-Gruppe von Holtzbrinck gehörende Verlag aus „wirtschaftlichen Gründen“ seinen Printtitel ein.

Foto: Christian von Polentz / transitfoto.de
Foto: Christian von Polentz /
transitfoto.de

Den 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bot die Geschäftsführung statt Abfindung oder Beschäftigungsalternative im Tagesspiegel-Haus eine Transfergesellschaft an, weitgehend finanziert von der Arbeitsagentur. „Die billigste Rausschmisslösung auf Kosten der Steuerzahler“, kritisiert der zuständige ver.di-Gewerkschaftssekretär Jörg Reichel. „Dabei ist Geld da bei Holtzbrinck und Tagespiegel.“ Eine Abfindung jedoch für die zumeist mehr als zwei Jahrzehnte im Verlag Beschäftigten verwehrte der Arbeitgeber mit dem Argument, dass es darauf keinen Rechtsanspruch gäbe. An dieser Weigerung scheiterten die von ver.di vorab in die Wege geleiteten Sozialtarifverhandlungen.
Schon lange wurde die wirtschaftliche Situation der Zweiten Hand im Verlagshaus diskutiert. Allerdings gab es nach Auffassung von ver.di keine ernsthaften Bemühungen, neue Geschäftsmodelle und ernsthafte Online-Strategien zu entwickeln. Vor Verlagsschließung wurde „Hals über Kopf“ noch die Zeitschrift Bootshandel und ihre vier Beschäftigten per Betriebsübergang auf den Zitty-Verlag übertragen – unter Missachtung der Rechte der Betriebsräte.
Zu befürchten ist, dass seitens der Geschäftsführung solcherart Vorgehen als „Blaupause“, wie es Reichel nannte, für künftige Änderungen bei Tagesspiegel und Zitty erprobt werden sollte.
Nicht gewillt, sich so abservieren zu lassen, bescherten die Beschäftigten der Tagesspiegel-Gruppe die ersten Streiks seit 30 Jahren: Fünf Warnstreiks, eine Flugblattaktion vor dem Holtzbrinck-Forum Berlin, Ansprechen von Kunden und Werbepartnern, Planung von Protestaktionen rund um Kongresse und Tagungen, Facebook-Kommunikation, dazu die Solidarität von Beschäftigten des Tagesspiegel, die mit vor die Tür gingen. All das sorgte für „Umdenken“ in der Geschäftsführung: Sie sicherte jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter eine konzernübliche Abfindung von 80 Prozent des Gehaltes pro Beschäftigungsjahr zu.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Rundfunkbeitrag soll um 58 Cent steigen

Der finanzielle Spielraum von ARD, ZDF und Deutschlandradio schrumpft. Wie erwartet, empfiehlt die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) eine Erhöhung des monatlichen Rundfunkbeitrags ab 2025 um 58 Cent auf 18,94 Euro. Die von einigen Ministerpräsidenten geäußerten Forderungen nach Beitragsstabilität sieht die KEF angesichts der inflationären Entwicklung als übererfüllt an. Ver.di warnt vor weiterem Programmabbau und noch mehr Druck auf die Rundfunkbeschäftigen.
mehr »

Verbindliche Regeln zur KI erforderlich

Klare Regeln für den den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) fordern Schauspieler*innen, Schriftsteller*innen oder Journalisten*innen immer drängender. In der Reihe "DGB-Dialog Künstliche Intelligenz" ging es am 22. Februar um "Alles Fake?! KI in Medien und Kultur“. Mittlerweile werde die generative KI so mächtig, dass sie Teile menschlicher Arbeit tatsächlich ersetzen könne, hieß es in der Diskussion. 
mehr »

Neue Studie: Hass im Netz nimmt zu

„Der Hass ist laut, der Rückzug hingegen ist leise. Damit gefährdet Hass im Netz die Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum. Er bedroht unseren demokratischen Diskurs.“ So die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz, die im Wahljahr 2024 besonders aufrütteln. Denn es sind insbesondere Rechtsextreme, „die auf Social-Media-Plattformen massiv mobilisieren sowie Hass und Desinformation teils gezielt als Instrument der Einschüchterung verbreiten.“
mehr »

Für Pressefreiheit entschieden eintreten

In der Nacht vom Freitag zum Samstag blockierten etwa 70 Demonstranten die Zufahrten zum Presseverteilzentrum der Firma 4Press in Hamburg-Rahlstedt. Die Männer – offenbar aus der Querdenker-Szene – wollten die Auslieferung von Zeitungen verhindern, da ihnen deren Berichterstattung nicht passte. Nach zweieinhalb Stunden konnten die Fahrzeuge für die Zeitungsauslieferung wieder rollen. Es kam zu keinen nennenswerten Verspätungen. ver.di bewertet diese Aktion als Angriff auf die Pressefreiheit und ruft auf, sie zu verteidigen.
mehr »