Das Radio seit der Funk-Stunde Berlin

Sportreporter Bernhard Ernst und Franz Peter Brückner kommentieren in Köln 1929
Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Eine beeindruckende Ausstellung über 100 Jahre Hörfunk

Video killed the Radio Star?” Im Gegenteil. Das gute alte Dampfradio erlebt derzeit eine regelrechte Renaissance. Es liefert verlässliche Information, strukturiert unser Leben und begleitet uns durch den Tag – auch in Krisenzeiten. Das Berliner Museum für Kommunikation feiert derzeit mit einer Jubiläumsschau den 100. Geburtstag des Hörfunks in Deutschland.

„Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle im Vox-Haus“ – mit diesen Worten begann am 29. Oktober 1923 nach gängiger Überlieferung die Geschichte des Rundfunks in Deutschland, als in einer Dachkammer des Vox-Hauses am Potsdamer Platz die „Funk-Stunde Berlin“ den regelmäßigen Sendebetrieb auf Welle 400 Meter (= 749,5 kHz) aufnahm. Tatsächlich hatte das erste elektronische Massenmedium der Welt bereits drei Jahre früher erste Spuren im Äther hinterlassen. Am 22. Dezember 1920 schrieben Mitarbeitende der Hauptpoststelle Königs Wusterhausen sich in die Annalen des Rundfunks ein – mit einem Weihnachtskonzert und dem unvermeidlichen „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Die historische Aufnahme mit reichlich kratzigem Sound ist in der Ausstellung über Kopfhörer oder über den transportablen „On Air“ -Taschenempfänger abrufbar. Ein Foto zeigt die Techniker der Hauptfunkstelle, die damals höchstselbst zu Geige, Cello und Klarinette griffen. Zu sehen sind auch massive Teile des 10kW-Langwellensenders, der aus Königs Wu-sterhausen, der kleinen Gemeinde im Südosten Berlins, die denkwürdige Funkstunde übertrug. Bei Ausbruch der Novemberrevolution 1918 hatten sich kurzzeitig revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte der Funkanlagen bemächtigt. Die rasch steigende Reichweite machte den Rundfunk zu einem mächtigen Medium, dessen Kontrolle von Anfang an heftig umkämpft war. Bereits Ende 1925 gab es rund eine Million Hörer*innen in Deutschland, eine Zahl, die bis 1932 auf etwa vier Millionen stieg.

Die Ausstellung zeichnet 100 Jahre Radiogeschichte in Deutschland anhand von rund 250 Objekten nach, die größtenteils aus dem Fundus des „Museums für Kommunikation“ stammen. Als Kooperationspartner beteiligen sich neben dem Deutschen Rundfunkarchiv auch Deutschlandfunk Kultur und der Rundfunk Berlin-Brandenburg an der Schau.

Funkbastler mit Zigarrenkistenempfänger, 1930er Jahre
Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Auf Grund seiner vergleichsweise einfachen Technik galt der Hörfunk in seinen Anfängen vielen progressiven Zeitgenossen als Demokratisierungsinstrument. Dazu solle ein Funk geschaffen werden, der nicht nur sendet, sondern auch empfängt und die Hörer sollen sich bei Bedarf in ‚Sender‘ verwandeln können, forderte Bertolt Brecht in seiner berühmten „Rede über die Funktion des Rundfunks“ von 1932. Brecht: „Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.“

Radiozuhörerin 1964 Foto: WDR Digit/Ursula Eich

Der Radiobesitz war zunächst ein teures Hobby, das sich in den Zwanziger Jahren nur wenige leisten konnten. Als Gegenbewegung zur staatlichen Rundfunkpolitik formierten sich in der Weimarer Republik Arbeiter-Radio-Klubs, die Hilfestellung für den Selbstbau von Empfangsgeräten leisteten. Die Arbeiterradiobewegung grenzte sich von den „bürgerlichen“ Amateur- und Bastelvereinen ab. Sie sah den Rundfunk nicht als ein bloßes Unterhaltungsmedium an, sondern als Instrument zur kulturellen Weiterbildung der Arbeiterklasse.

Die Nazis hatten bekanntlich andere Pläne mit diesem Massenmedium. Den NS-Propagandisten erschien es als ideales Instrument zur ideologischen Gleichschaltung der Bevölkerung. Für ganze 65 bis 76 Reichsmark brachte das Propagandaministerium die sogenannten „Volksempfänger“ unter die Leute. Vom Volksmund wurde das vergleichsweise günstige Gerät mit dem dunklen Bakelit-Gehäuse und der einfachen Bedienung schnell als „Goebbels-Schnauze“ verspottet. Allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Andersdenkende und Anders-hörende wurden gnadenlos verfolgt. Der Kampf zwischen Diktatur und Gegenpropaganda wird in der Schau akustisch erfahrbar gemacht durch dumpfe Paukenschläge, mit denen das deutschsprachige BBC-Programm gegen fanatische Nazi-Rhetorik ansendete.

Musizierende Mitarbeitende der Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen um 1923 Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Rundfunklandschaft Deutschlands analog zur Aufteilung in Besatzungszonen gespalten. Die Westalliierten und die Sowjetunion setzten in ihren Einflussbereichen ihre jeweils unterschiedlichen Radiokonzepte um. Jetzt schlug die Stunde der „Störsender“, mit denen der Kalte Krieg zwischen Ost und West auch im Äther ausgetragen wurde.

Den DDR-Oberen war vor allem der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ (RIAS) ein Dorn im Auge und Ärgernis im Ohr. Auf Propagandaplakaten wie „Vorsicht RIAS!“ verwandeln sich US-ameri-kanische Stars & Stripes in ideologische Geschosse, die den Osten Deutschlands mit US-Propaganda überziehen. „Der RIAS lügt, die Wahrheit siegt“, stand auf DDR-Gebührenbescheinigungen. Die „RIAS-Ente“ wurde zum gängigen Begriff der DDR-Propaganda der 1950er Jahre. Die SED-Staatsführung ließ den RIAS mit hohem technischen Aufwand systematisch stören, wie die Ausstellung belegt.

Später revanchierte sich die DDR mit dem „Deutschen Freiheitssender 904“, ein Sender, der als Reaktion auf das Verbot der KPD in der Bundesrepublik von 1956 bis 1971 auf Mittelwelle 904 kHz betrieben wurde. Laut DDR-Diktion „der einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter der Kontrolle der Bundesregierung steht“. Nicht zu vergessen der „Deutsche Soldatensender 935“ – die Antwort der DDR auf den Sender des Rundfunkbataillons „990“ der Bundeswehr, der für die Soldaten der NVA sendete. Die Ausstellung liefert eindrucksvolle akustische Beispiele dieses Ätherkrieges. Eines Krieges, der sich bis in die Vorwendezeit fortsetzte, wie die zeitweiligen Störmanöver der DDR gegen den „Froschfunk“ des stramm antikommunistischen Privatsenders „Hundert,6“ des einstigen Filmemachers Ulrich Schamoni belegen.

Radio-Geschichte ist auch Design-Geschichte. In der Riesenvitrine „Tönende Objekte“ zeigt das Museum 37 besondere Radio-Exponate aus seinem Fundus, präsentiert im interaktiven Modus mit den Stimmen prominenter Medienakteure wie Frank Elstner, Oliver Kalkofe und Katrin Müller-Hohenstein. Darunter der berühm-te Phonosuper Braun SK 4, eine Radio-Phono-Kombination, wegen seiner Plexiglas-Abdeckung besser bekannt unter dem Spitznamen „Schneewittchensarg“. Auch der AEG-Trichterlautsprecher oder die HiFi-Stereobar von Wega machten zu ihrer Zeit Furore. Kurios das Küchenradio in Form einer Maggi-Flasche, das noch 1984 im Rahmen eines Gewinnspiels der Jugendzeitschrift „Bravo“ verlost wurde.

In der Produkt- und Designgeschichte spiegelt sich auch die Veränderung der Hör- und Nutzergewohnheiten. Neben den schweren repräsentativen Phono-Möbeln entstehen bald nach dem Zweiten Weltkrieg tragbare Modelle: Kofferradios wie der „Boy“ von Grundig aus dem Jahr 1951, oder der Taschenempfänger „Sternchen“ vom VEB Stern-Radio Sonneberg, 1959 das erste in der DDR gefertigte Transistorradio. Wie das Medium in seiner 100jährigen Existenz genutzt wurde, zeigt eine Fotogalerie mit Bildern von Hörer*innen – „privat, drinnen, draußen, spontan und inszeniert“.

Ivo Veit bei den Proben zu „Ausgerechnet Kintopp“ einer Funkrevue (1952)
Foto: Deutschlandradio

Auch die Produktionsseite kommt nicht zu kurz. Wer will, kann im „Radio Klub 100“, einem schallgedämpften Studio, sein eigenes Radioprogramm entwickeln, moderieren und im Ausstellungsäther „live on air“ gehen. Für Nostalgiker der analogen Produktionsweise haben die Profis vom Südwestrundfunk SWR einen mächtigen ausgedienten Magnetophon-Schneidetisch zur Verfügung gestellt. Einfacher produzieren lässt sich am Radiorekorder ein Mixtape mit der persönlichen Audio-Biografie.

Längst hat der Hörfunk seine Rolle als Leitmedium an das Fernsehen abgetreten. Für die „digital natives“ ist inzwischen das Internet zur Hauptinformations- und -Unterhaltungsquelle geworden. Aber noch immer schalten drei von vier Deutschen täglich das Radio ein, liegt die technische Reichweite bei 100 Prozent.

Wie sieht das Radio in 20 Jahren aus? Welche Rolle nimmt es in unserem Leben künftig ein? Wer bestimmt über seine Inhalte? Auf diese an die Besucher*innen gerichtete Fragen gibt die Ausstellung selbst keine Antwort. Zwar werden Phänomene wie „Fake News“ und seriöser Faktencheck, Privatfunk und öffentlich-recht-licher Rundfunk kurz angetippt. Die Entwicklung des Mediums im Internetzeitalter, die Konkurrenz zwischen UKW, DAB-Digitalradio und Webradio oder die wachsende Bedeutung von Streamingdiensten wie Spotify werden indes komplett ausgespart. Auch aktuelle medienpolitische Fragen spielen in der Schau keine Rolle.

Das Ausstellungspublikum gibt sich, was die Perspektive des Sendens angeht, unentschieden zwischen nostalgisch und defätistisch. Auf Umfrage-Zetteln wünscht sich einer „das gute alte Röhrenradio von Opa“ zurück. Ein anderer prophezeit dem Hörfunk eine Zukunft als „Vintage oder Medium für ein paar Untergrundkämpfer“. Einer resümiert eher lakonisch: „Radio ist cool!“

Jubiläumsausstellung

ON AIR. 100 Jahre Radio.
im Museum für Kommunikation Berlin noch bis zum 29. August 2021.

 

 

 

 

Sportreporter Bernhard Ernst und Franz Peter Brückner kommentieren in Köln 1929

 

 

Musizierende Mitarbeitende der Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen um 1923

 

 

Ehepaar mit Detektorempfänger und Regenschirm als Antenne, 1926

 

 

Funkbastler mit Zigarrenkistenempfänger 1930er Jahre

 

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