Deutschland sucht die Supershow

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Jahrzehntelang traf sich samstagabends die Familie vor dem Fernseher. „TV-Light Entertainment“, also Shows, Comedy, Dating und Quizsendungen waren beliebt. Aber den deutschen Produktionen gehen die Ideen aus. Stattdessen werden seit Jahren Formate aus dem Ausland kopiert und wiederholt. Gerade ist die 20. Staffel der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) gestartet. Es soll die letzte Ausgabe eines Formats werden, das schon zwanzig Jahr auf dem Buckel hat.

Wirklich die letzte? „Wenn die Quoten gut sind, haben wir Chancen weiterzumachen“, räumt die verantwortliche Produzentin Ute Biernat und Geschäftsführerin der „UFA Show & Factual“ ein. Und damit die Quoten wieder gut werden, wurde eigens Musiker Dieter Bohlen reaktiviert, der zuvor wegen seines langjährigen brachialen Auftretens als Juror in die Kritik geraten und ersetzt worden war.

Immer wieder wurden ihm und der Jury von Aufsichtsbehörden herabwürdigendes Verhalten bescheinigt. Jetzt soll er in geläuterter Form zumindest für einen würdigen Abschluss, im besten Fall aber für ein Revival der Mutter aller Castingshows sorgen. „Man kann nicht mehr so kritisieren wie vor 20 Jahren, aber nur noch Gutmenschentum will keiner“, beschreibt die Medienmanagerin Biernat den neuen Ansatz.

Retrotrend statt frischer Wind

DSDS jenfalls gehört, wie das Dschungelcamp, „Germany’s Next Topmodel“, „Der Bachelor“ oder „Let’s Dance“ – zu einer Handvoll Unterhaltungsformate, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, die deutsche Fernsehunterhaltung dominieren. Die Ideen dafür kamen nicht aus Deutschland. DSDS beispielsweise ist die hiesige Version der britischen Sendung „Pop Idol“. Damit nicht genug, konnte sich in den letzten Jahren zusätzlich noch ein Retro-Trend etablieren, mit einstmals erfolgreichen Sendungen aus den 80er Jahren, die nochmal aus der Versenkung geholt wurden, etwa „Die 100.000 Mark Show“, „TV total“ und „Der Preis ist heiß“ – nicht zuletzt „Wetten dass..?“.

Fragt sich: Fällt den TV-Machern eigentlich nicht mal was Neues ein? Entstehen endlich einmal wirklich gute neue Ideen, müssen diese dann auch über Jahre als Beleg für die Qualität deutscher TV-Unterhaltung herhalten, so wie die Shows von Joko und Klaas oder von Jan Böhmermann, die bei den einschlägigen Fernsehpreisen regelmäßig abräumen.

Junges Publikum schaut kaum fern

„Die klassische non fiktionale Unterhaltung holen sich viele Menschen sowieso nicht mehr aus dem TV, sondern eher aus den Sozialen Netzwerken, dort entwickeln sich auch Comedians, die gar nicht mehr ins Fernsehen wollen“, ist sich Rene Jamm sicher. Der Geschäftsführer von Warner Bros. International TV Production Germany produziert unter anderem den ZDF-Quotenerfolg „Bares oder Rares“ sowie „Der Bachelor“. Er sagt: „Die großen Sender versuchen letztlich, die ältere, weibliche Zielgruppe anzusprechen, das junge spitze Publikum ist da nicht mehr erreichbar.“ Für die öffentlich-rechtlichen Sender ist das ein Problem, da sie sich mit einer im Schnitt über 60-jährigen Zuschauer*innen dringend verjüngen wollen und müssen.

Aber auch für die Streamingdienste ist Comedy das entscheidende Genre, wenn man das junge Publikum erreichen möchte. Das bekräftigt der Leiter Unterhaltung Deutsche Originals bei Amazon Studios, Volker Neuenhoff. Zu seinen Produktionen zählt unter anderem die aktuelle Erfolgs-Show „LOL – Last One Laughing“: „LOL war unser erster großer Schritt. Es steht für das, was wir strategisch planen. Es geht um Inhalte, die man so nicht findet und darum, ‚home of talent‘ zu sein.“ Aber selbst LOL ist eine Erfindung der japanischen Amazon-Kollegen, auch wenn die deutsche Version jetzt für den International Emmy nominiert war. Talente zu gewinnen und zu binden, ist für Amazon Prime eines der wichtigsten Ziele, und so freut sich Neuenhoff über die Verpflichtung von Teddy Teclebrhan, „einem der vielseitigsten deutschen Entertainer.“ Retro-Formate mit alternden Moderatoren, würden bei den Streaming-Anbietern jedenfalls nicht funktionieren. Innovation sind für sie lebensnotwendig, denn was im Free-TV zu sehen ist, wird das zahlende Publikum nicht interessieren.

Weniger Wettbewerb – weniger Innovation

Dass im Fernsehen wenig neue Unterhaltungsideen auftauchen, ist vor allem die Folge eines immer härteren Wettbewerbs. So sieht es zum Beispiel der israelische, in der Branche renommierte Entertainmentproduzent Avi Armoza: „Die Märkte konsolidieren sich, während die Konzentration weniger großer internationaler Mediengruppen voranschreitet. Das reduziere Wettbewerb sowie Innovation. „Also bleibt man auch bei dem, was man hat, und was funktioniert.“ Langfristig kann solch eine Strategie aber nicht funktionieren. Alle großen Shows haben über die Jahre deutlich an Zuschauer*innen verloren. Damit ist auch klar, dass die aktuelle Retro-Welle nur auf einem kurzen Nostalgie-Effekt basiert und sicher kein Langläufer wird. Oder wie es die „UFA Show & Factual“-Chefin ausdrückt: „Nein, keine Retro – Welle. Das ist wie zu Weihnachten alte Fotos gucken.“

Letztlich gehe es immer darum, Geschichten zu erzählen. Jedes Format sei eine Story, wie Armoza den Kern seines Business beschreibt: „Wir alle müssen essen, trinken, daten, heiraten, singen, tanzen – das sind die Schlüsselelemente, auch für die Zukunft.“ Die Herausforderung dabei immer neue Wege zu finden, um diese Geschichten neu zu erzählen. „Das kann auch über neue Technologien geschehen, die uns die Möglichkeit neuer Erzählformen geben.“ Sein Unternehmen beispielsweise hat in diesem Jahr das Format „Family Piggy Bank“ auf den Markt gebracht. Die Spielshow findet in einem Computer-generierten Set statt.

Deutschland soll witzig werden

Dabei sind Bedar fund Nachfrage nach Ablenkung in den aktuellen Krisenzeiten größer denn je, denn die Menschen brauchen Zerstreuung. Das bestätigt Jens Richter, Geschäftsführer von einem der weltgrößten Formatehändler „Fremantle International“ („Pop Idol“, „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ u.a.) mit Hauptsitz in London: „Schadensfreude-Formate sind in diesen Phasen allerdings eher out, die sind mehr in Boom-Zeiten gefragt.“

Jamm von Warner Bros. ist davon überzeugt, dass auch in Deutschland viel mehr Innovatives entstehen könnte, wenn Produzent*innen und Sender mutiger wären und mehr Durchhaltevermögen bewiesen: „Wir müssen bei Comedy endlich wieder aus der Deckung rauskommen, was die Political Correctness angeht, auch aus der Diskussion um Diversität. Ich wünsche mir überhaupt mehr anarchistische Sketchcomedy und gesellschaftlich relevantere Programme.“

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