Drohender Gedächtnisverlust

In den Archiven der Zeitungsverlage wird an der Kostenschraube gedreht

Von der grassierende Rotstiftpolitik der Verlage bleiben auch die Archive der Zeitungen nicht verschont. Die Einsparungen gehen nicht nur zu Lasten der Beschäftigten, beim Axel Springer Verlag steht sogar das komplette „Gedächtnis“ des Hauses zur Disposition.

Seit Jahrzehnten gilt das Archiv des „Spiegel“ als Nonplusultra bei Journalisten. Nicht nur der Umfang, auch die Qualität der Dokumentation ist legendär. Nach Verlagsangaben sind dort mehr als 50 Jahre politisches Zeitgeschehen in 35 Millionen Textdokumenten und fünf Millionen Bildern dokumentiert. Eine Datenbank, die allein auf die Bedürfnisse des „Spiegel“ zugeschnitten ist, enthält derzeit 17 Millionen Dokumente. Jährlich wächst sie um zwei Millionen. In dem „Digitalen Archivsystem“, DIGAS genannt, sind sämtliche Dokumente als strukturierte Volltexte erfasst. Gespeichert werden auch Dossiers zu bestimmten Stichwörtern oder Themen. Stolz verkündet „Der Spiegel“ auf seiner Internetseite, dass jeder Redakteur online von seinem Arbeitsplatz – egal ob in Hamburg oder Peking – auf das gesamte Archiv zugreifen kann. Zudem werden alle „Spiegel“-Artikel vor Drucklegung von den rund 70 Dokumentationsjournalisten auf Plausibilität geprüft, Fakten, Daten, Namen, Bilder und Grafiken verifiziert.

Mit diesen Arbeitsverhältnissen kann der Axel Springer Verlag (ASV) nicht aufwarten. Springer dreht im eigenen Haus an der Kostenschraube, der Betriebsrat befürchtet, dass der Infopool Text, also die Dokumentation, verkauft wird. Dem widersprach der Vorstand in einer Mitarbeiterinformation vehement. Es sei der Auftrag erteilt worden, „sämtliche Prozesse und Leistungen auf den Prüfstand zu stellen. Ziel ist, eine weitere qualitative Verbesserung der Archivleistungen für die Redaktion zu realisieren und gleichzeitig die Kosten zu senken.“ Mit den Redaktionen werde jetzt eine Bedarfsanalyse vorgenommen. Doch in welche Richtung die Reise geht, ist noch nicht absehbar. Von Kooperationen und Partnerschaften bis zur teilweisen Auslagerung von Aufgaben an Dienstleister reichen die Überlegungen. Gedacht ist auch an die Integration von Dokumentaren in die Redaktionen. Sie könnten dort die Redakteure bei der Recherche unterstützen. Der Betriebsrat befürchtet als Resultat der Gedankenspiele den Verlust von 85 Arbeitsplätzen, davon 18 in Berlin.

Im Trend: Digitalisierung und Partnersuche

Während im hohen Norden noch über Lösungen gegrübelt wird, hatten sich im Süden der Republik bereits zwei Partner gefunden. Der Süddeutsche Verlag und der Bayerische Rundfunk gründeten 1998 die Firma Dokumentations- und Informations-Zentrum München GmbH, DIZ abgekürzt. Doch in der Ehe kriselt es, die Scheidung ist beschlossen. „Der Bayerische Rundfunk steigt zum Jahresende beim DIZ aus“, sagt Helmuth Poll, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der DIZ-München GmbH. Der Süddeutsche Verlag wird ab 2004 das DIZ-München GmbH als einhundertprozentige Tochter weiterführen. Ob der Bayerische Rundfunk künftig für sein Zeitungsarchiv eine Kooperation mit den anderen ARD-Anstalten eingeht oder eine Partnerschaft mit dem ZDF anstrebt, ist bisher noch nicht bekannt. Von den noch verbliebenen knapp 60 Mitarbeitern des DIZ arbeiten zur Zeit neun im Zeitungsarchiv des Bayerischen Rundfunks, die übrigen Mitarbeiter am Standort des Süddeutschen Verlages. „Bisher gibt es kein Übernahmeangebot vom Bayerischen Rundfunk für diese neun Beschäftigten“, erzählt Helmuth Poll. Stellt der Sender sich weiter stur, bedeutet dies rechtlich eine Teilbetriebsschließung und Kündigungen.

Einen nicht unerheblichen Stellenabbau haben die Mitarbeiter in der Dokumentation bei Gruner + Jahr (G+J) bereits erfahren müssen. „Noch im vergangenen Jahr arbeiteten bei uns 60 Beschäftigte in der Textdokumentation“ , sagt Peter Reuter, Betriebsratsvorsitzender des G+J Verlages Hamburg. Fünfzehn von ihnen sind seitdem im Rahmen von Vorruhestandregelungen bzw. anderen einzelvertraglichen Vereinbarungen gegangen oder werden in den kommenden Monaten ausscheiden. Die Dokumentation entstand 1968 aus den Archiven des „Stern“, der „Zeit“ und der „Brigitte“. Seit 1972 wird eine Pressedatenbank geführt, die rund sieben Millionen Artikel umfasst, zwei Millionen aus der Zeit von 1949 bis 1972 lagern im historischen Archiv. Durch den technischen Fortschritt erlebte auch das „Gedächtnis“ von G+J einen starken Wandel. Bereits seit 1984 wurde das Papierarchiv digitalisiert, seit 1998 ist der Zugriff online möglich. „Einfache Recherchen erledigen die Redakteurinnen und Redakteure selbst“, erklärt Peter Reuter. Die Folge ist ein Rückgang der Offline-Anfragen an die Dokumentation. Recherchen im Internet oder anderen Datenbanken tragen zu einem Rückgang des gesamten Anfragevolumens bei. Eine verbesserte Technik, mit der die Texte erfasst werden, hat den Arbeitsaufwand ebenfalls wesentlich reduziert. Die Dokumentation bietet ihre Dienstleistung auch Verlagsfremden an. Zu den externen Kunden zählen zum Beispiel „Die Zeit“ und das RTL Nachtjournal, zu den internen unter anderem „Stern“, „GEO“, „Brigitte“ und „Gala“.

Spezialisten für die Yellowpress

Einen eigenen Weg geht der Heinrich Bauer Verlag, er trennte sich im März von einem externen Dienstleister. „Bauer hat gegen den Trend Aufgaben ins eigene Haus zurückgeholt“, stellt Silke Dornbusch vom Betriebsrat der BRT Reprotechnik KG fest. Doch für die Beschäftigten kein Grund zum Jubeln: Die 16 Angestellten bekamen neue Arbeitsverträge, der Haustarifvertrag gilt für sie nicht mehr, dafür arbeiten sie jetzt statt 35 wieder 40 Stunden in der Woche – ohne finanziellen Ausgleich. Dass die Dokumentation bei Bauer eine Zukunft hat, davon ist Silke Dornbusch fest überzeugt. „Wir sind Spezialisten für Yellowpress“, betont sie. Von den 120 Zeitschriften, die Bauer weltweit verlegt, ist vieles dieser Sparte zuzurechnen. Auch bei Bauer sind jedoch die Anfragen an die Dokumentation geringer, aber die Technik der automatischen Indizierung besser geworden. Etliche der Zeitschriften bieten sich für die Dokumentation allerdings nicht an. Bauers Sexpostillen haben traditionell einen eher geringen Textanteil.

 

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