Existenziell für Freie

Westdeutscher Rundfunk (WDR) ringt auch um bessere Unternehmenskultur

Für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) war es bisher ein bewegtes Jahr. Vor allem die „#MeToo”-Debatte brachte in der größten ARD-Anstalt einiges in Bewegung. Nicht nur die Belästigung von Frauen durch Vorgesetzte, sondern auch das Führungssystem insgesamt sorgt bis heute für Diskussionen im Sender. Viele Mitarbeiter_­innen sehen sich außerdem einem immer höheren Arbeitsdruck ausgesetzt. Davon sind vor allem auch die Freien betroffen, die als schwächstes Glied in der Hierarchie gelten, die aber für die Programmproduktion unverzichtbar sind.

Sind die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den mittlerweile entlassenen Gebhard Henke nur Symptom eines Systemfehlers im öffentlichen Rundfunk? Jenseits der Frage möglicher Schuld gilt der ehema­lige Fernsehspiel-Chef des WDR, der zudem ARD-Tatort-Koordinator, Gremienmitglied der Filmförderung und Hochschullehrer war, manchem in der Branche als Beispiel dafür, dass sich die Entscheidungsmacht beim WDR immer mehr in den Händen weniger konzentriert. Einer, der den WDR schon lange kennt und mit dem Sender über Jahrzehnte zu­sammengearbeitet hat, ist der Produzent Gerhard Schmidt. Auch er sieht die Entwicklung kritisch: „Die Macht in der Hierarchie hat sich verlagert: aus Vielfalt wurde Einfalt. Der WDR war früher ein Sender der Redakteure mit Fokus auf Inhalt und Qualität, heute ist er ein Sender der Direktoren mit Fokus auf Quote und Kosteneinsparung.”

Millionenkürzungen bei Sachetats

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Fotos: ARD/WDR

Vor allem der seit einiger Zeit verordnete Sparkurs sorgt für Unruhe im WDR: Ab 2014 begann für die damals über 4.600 Festangestellten ein Stellenabbau, der bis 2020 abgeschlossen sein soll: Dann werden 500 Planstellen nicht mehr existieren. Dazu kommen zahlreiche Leiharbeiter, die nicht mehr beschäftigt werden. Laut eigener Mitteilung hat die Sendeanstalt in den vergangenen Jahren „enorme Anstrengungen“ für einen stabilen Haushalt unternommen. Neben dem Stellenabbau betraf das auch die dauerhafte Kürzung aller Sachetats. Insgesamt sollen die Einsparungen 100 Millionen Euro pro Jahr betragen. Zusätzliche Ausgabenkürzungen erwarten die Verantwortlichen aus dem neuen, kostengünstigeren Tarifvertrag zur ­Altersversorgung, der im vergangenen Jahr zwischen der ARD und ver.di abgeschlossen wurde.

Große Hoffnungen sind auch an die ARD-Struktur­reform geknüpft. Das Ziel: Mehr Effizienz durch bessere Zusammenarbeit der ARD-Sender bei Programmproduktion sowie Technologie. Die Projekte „Prozessstandardisierung Produktion Großereignisse“ und „Korrespondentennetz – Infrastruktur Crossmediale Korrespondentenplätze“ werden dabei federführend vom WDR betreut. Außerdem haben die Kölner den Hut auf bei der Entwicklung des „MediaDataHubs“, Teil des Projekts „Archivinfrastruktur“. Das alles wird vom WDR Rundfunkrat ausdrücklich begrüßt, der zudem unter anderem anregte, „über die Limitierung der Spitzenhonorare im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nachzudenken.“

Unterdessen kündigte Intendant Tom Buhrow Ende August die nächste Phase des WDR-Umbaus an. Sie beinhaltet eine Neuordnung der Programmdirek­tionen und die Entstehung weiterer crossmedialer Ressorts. Grünes Licht gibt es auch für einen Interims-Newsroom. In seinen Aufbau, die Entwicklung der Strukturen und Arbeitsabläufe waren 170 Kolleg_innen über Monate involviert. Zudem werde ein Innovationslabor entwickelt, dass 2020 seine Arbeit aufnehmen soll. Dessen Team werde nötige Freiräume bekommen, um im Sinne eines Start-Ups Produkte und Ideen zu entwickeln, heißt es in einer WDR-Mitteilung. Genaue Details über die crossmedialen Zukunftsprojekte und den neuen Zuschnitt der Programmdirektionen sollen auf einer Betriebsversammlung am 18. September vorgestellt werden.

„In den Zeiten, in denen mehr Geld und Personal vorhanden war, gab es mehr Möglichkeiten, sich in seiner Arbeit auszuleben“, erinnert sich die WDR-Personalratsvorsitzende Christiane Seitz, „da wurde eine Filmszene so oft gedreht bis alle zufrieden waren.“ Dass es heute strengere wirtschaftliche Vorgaben gibt, akzeptiert sie, aber der Wandel stellt das Selbstverständnis und den Stolz auf die geleistete Arbeit auf den Prüfstand.

Existenziell ist diese Entwicklung für viele der zahl­reichen freien Mitarbeiter_innen im Kölner Sender geworden, von denen etwa 2.200 in arbeitnehmer­ähnlichen Verhältnissen tätig sind. „Sie sind essenziell, es gibt Programmbereiche, bei denen 80 Prozent der Inhalte von ihnen zugeliefert werden“, betont die Personalrätin. „Große Probleme entstehen, wenn beispielsweise Sendeplätze wegbrechen, dann sind Existenzen bedroht, selbst in einer Medienstadt wie Köln werden die Ausweichmöglichkeiten immer weniger.“ Das sagt Anja Arp. Sie ist selbst freie Journalistin und die Ansprechpartnerin für freie Kolleginnen und Kollegen beim WDR. Für sie ist auch ganz offensichtlich, dass in dem klaren Machtgefüge der Rundfunkanstalt, Freie „gepresst“ werden, etwa wenn es um Honorare geht: „Und wenn man dann aufbegehrt, dann wird man nicht mehr beauftragt, weil es einfach genug andere gibt, die den Job sofort machen würden.“ Und Seitz ergänzt, dass die Fernsehdirektion mit Rückendeckung des Intendanten ein Pauschalhonorar einführte, der vom Tarifvertrag nicht gedeckt ist. Der WDR sei die einzige öffentlich-rechtliche Anstalt, die ihre Freien per Prognosevertrag beschäftigt. Das heißt, es gibt eine Vorgabe für die Anzahl der Tage, die sie tätig sein dürfen. „Alle anderen Sender haben Zeitverträge oder Aushilfsverträge. Aber beim WDR kollidiert jetzt das Honorarprinzip, das auf Einzelwerken beruht, mit dem zunehmenden Bedarf an Tagesdiensten – quasi Redakteurstätigkeiten.“

Aktuell würden die verschiedensten Tätigkeiten, darunter neue crossmediale Aufgaben, pauschal abgerechnet. Überhaupt weckt die Digitalisierung, der natürlich auch innerhalb der Strukturreform besonderes Augenmerk gilt, Diskussionsbedarf: „Es darf nach unserer Auffassung nicht sein, dass die Freien ihr Material in einen Archivspeicher schütten und jede Redaktion sich daraus nach Bedarf bedient, ohne dass die Autoren honoriert werden. Das ist ein Verstoß gegen das Urheberrecht.“

Doch nicht nur die Freien bekommen den härteren Wind zu spüren. „Der Spardruck sorgte für einen rauen Führungsstil“, analysiert David ­Jacobs, Vorstand von ver.di im WDR, die Situation. Für ihn ist die „#MeToo“-Debatte nur ein Aspekt von Machtmissbrauch, der jetzt verstärkt innerbetrieblich in den Mittelpunkt rückt: „Selbst als ich noch beim Bundeswehr-Radiosender tätig war, habe ich nicht solch einen Tonfall erlebt wie den von manchen Führungskräften beim WDR. Von Kollegialität ist da nicht mehr viel zu spüren, sondern es geht nur noch darum, dass bestimmte Ziele erreicht werden.“ Und das kann sich in Herabsetzung, Beleidigung oder mangelnder Wertschätzung äußern – alles Faktoren, die demotivieren, verunsichern und die Krankenstände erhöhen.

Als die Intendanz kurzfristig Zusammenkünfte anlässlich der „#MeToo“-Vorfälle einberufen hatte, kam es dann auch zu Eruptionen, weil Mitarbeiter_innen diese ­Missstände zur Sprache brachten. Im Juli erfolgte die Entlassung eines hochrangigen WDR-Mitarbeiters unterhalb der Direktorenebene wegen „Machtmissbrauchs“. Mehr gab die WDR-Pressestelle zu diesem Fall nicht bekannt, auch nicht, wie dieser „Machtmissbrauch“ konkret ausgesehen habe, weil man sich noch in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen befinde. Nicht nur für den ver.di-Mann ist das lediglich die Spitze eines Eisbergs: „Jetzt geht es erstmal um die krassesten Fälle, aber das Problem liegt tiefer und wird auch morgen nicht beendet sein.“ Mindestens fünf bis zehn Jahre, so seine Schätzung, wird dieser Aufarbeitungsprozess dauern.

Angesichts dieser Situation liegt es auf der Hand, dass der WDR in der Außenwahrnehmung ebenfalls ver­loren hat. Auch wenn konservative Kreise früher den Sender als „Rotfunk“ diskreditieren wollten, genoss er in weiten Teilen der Bevölkerung hohes Ansehen für eine unabhängige, hochwertige Berichterstattung, die Missstände kompromisslos aufdeckte. Während damals etwa Fernsehjournalisten ­alle Türen offen standen, werden sie heute manchmal mit Skepsis, wenn nicht gar offener Ablehnung betrachtet. Das hat allerdings in Zeiten von Gebührendiskussion, Fake News und einem generell gewandelten Bild von Journalismus auch mit einem Identitätsverlust des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt zu tun.

Eine Zeitenwende hatte bereits der Start der privaten Sender in den 80ern eingeläutet. Seitdem wurde auch bei den Öffentlich-Rechtlichen die Einschaltquote immer mehr zum Maß aller Dinge. Das glaubt Axel Beyer. Er war mal Unterhaltungschef bei den ­Kölnern: „Der WDR hat sich als Sender verstanden, der sich für das Gute und die Schwachen einsetzt. Und dann hat man im Zuge der Privaten beispiels­weise Unterhaltung so definiert, dass sie von einer größtmöglichen Masse gesehen werden muss. Das kritisiere ich, denn Unterhaltung hat viele Facetten und darf auch auf kleinere Zielgruppen zugeschnitten sein.“ Viele Diskussionen, so Beyer, seien Stellvertreter-Diskussionen: „Es müsste eine Auseinandersetzung um das Selbstverständnis geführt werden – wofür steht der WDR heute? Wie soll die Zukunft aus­sehen?“

Vertrauensvolles Miteinander

Dass eine Diskussion über die Unternehmenskultur geführt wird, bestätigt WDR-Sprecherin Ingrid Schmitz: „Ich weiß nicht, ob es dabei nur um die Führungskultur geht, aber im Rahmen der #MeToo-Debatte ist deutlich geworden, dass eine Reihe von Mitarbeitern unzufrieden ist.“ Die Geschäftsführung nehme das sehr ernst und Intendant Tom Buhrow habe die Verwaltungsdirektoren beauftragt, die Kultur des vertrauensvollen Miteinanders zu verbessern. Dafür sollen, gemeinsam mit dem Personalrat, Instrumente entwickelt werden.

Für Seitz schließlich ist Hierarchie alleine noch nicht das Problem: „Es muss klare Entscheidungsstrukturen von oben nach unten geben, aber gleichzeitig das Recht, die Hierarchien von unten zu hinterfragen und zu bewerten.“ Um nicht nur die fachliche, sondern auch die soziale Qualifikation der Führungskräfte festzustellen, sollte es aus ihrer Sicht Kriterien geben, nach denen die Leistung bewertet wird. Denn: „Es ist sehr ungewöhnlich und nicht zukunftsträchtig, dass wir keine Unternehmensinstrumente wie etwa ein konkretes Konfliktmanagement haben.“ Die Personalratsvorsitzende geht jedenfalls davon aus, dass die Geschäftsleitung es ernst meint, wenn es um den Kulturwandel geht. Allen an der Spitze sei klar, dass sich etwas ändern muss: „Wir können auch 2020 nicht den ARD-Vorsitz übernehmen, wenn wir hier nicht im Umgang miteinander neue Wege finden.“

 

 

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