Filmförderung nach Diversity Checkliste

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Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) bezieht seit diesem Sommer erstmals Diversitätskriterien in die Bewertung von Förderanträgen ein. Wer im Norden Filmförderung beantragt, muss nun zusammen mit dem Fördermittelantrag eine Diversity Checkliste einreichen. Inzwischen liegen erste Entscheidungen für künftige Projekte vor. M hat mit zwei geförderten Produktionen über ihren „Diversity Check“ gesprochen.

Als die FFHSH Ende Juni bekannt gab, dass sie zukünftig ihren Förderanträgen eine Diversity Checklist beilegen würde, gab es ein großes Medienecho. Die Reaktionen auf die Initiative #VielfaltFilmen waren durchaus unterschiedlich. Neben großer Zustimmung und populistischer Rhetorik gab es auch die Befürchtung, dass mit dem Verfahren künstlerische Freiheiten unter Druck kämen. „Funktioniert Vielfalt per Formular?” fragte etwa der Deutschlandfunk.

Die ersten Entscheidungen bieten eine gute Gelegenheit zum „Reality Check“: Wie gehen Produzent*innen mit der Checkliste um? Passt das Verfahren? Ist es geeignet, um Diversität bei der erzählten Geschichte und in der Teamzusammensetzung zu erfassen?

Emely Christians, Geschäftsführerin und Produzentin der Hamburger Ulysses Film hat eine Förderzusage für ihr Animationsfilm-Projekt „Butterfly Tale“ erhalten. Die Koproduktion für ein junges Publikum wird mit einer Firma aus Kanada umgesetzt. Da gerade in der Tagespresse wieder verstärkt über die Darstellung von Geschlecht und Herkunft in Kindermarken wie „Die drei ???“, „TKKG“ oder „Yakari“ diskutiert wird, ist das ein interessanter Anwendungsfall für die Diversity Checkliste.

Checklisten gibt es für die Bereiche Development Spielfilm, Produktion Spielfilm und Verleih Spielfilm. Da Christians den Verleih über Partner macht und bei ihrem aktuellen Projekt keine Development-Förderung eingereicht hatte, arbeitete sie mit dem Fragebogen zur Produktion.

Gefragt wird nach der Diversität bei der erzählten Geschichte, bei der Rollenbesetzung, beim Team und bei der Herausbringung. „Wir erzählen von einem gehandicapten Schmetterling und berücksichtigen so das Thema Leben mit Behinderung. Zudem, und das habe ich auch erst gelernt, decken wir das Thema Migration ab, weil die Schmetterlinge in der Story von Kanada nach Mexiko migrieren”, berichtet Emely Christians,

Die Frage nach „People of Colour“ in der Geschichte hat Christians bejahen können, denn unter den virtuellen Schmetterlings-Charakteren geht es divers zu. Auch die „ausgeglichene Repräsentation der Geschlechter” ist bei „Butterfly Tale“ gegeben – die Schmetterlinge werden von einem weiblichen Charakter angeführt. „Aber gerade starke weibliche Hauptfiguren haben wir bereits seit Längerem in unseren Geschichten. Darauf haben wir immer Wert gelegt”, sagt die Produzentin.

Generell böte die Spezialisierung auf Animationsfilme eine Art Genre-Vorteil. „Von der Herkunft und vom Geschlecht her sind wir als Team sehr divers aufgestellt. In der Leitung und im administrativen Bereich sowie bei Drehbuch, Regie und Produktion arbeiten viele Frauen”, sagt Christians.

Allerdings würde man in der Technik und im Bereich Animation gern noch mehr Frauen einstellen. Hier müsse dringend mehr getan werden. „Das ist nicht über Quote zu besetzen, denn tatsächlich gibt es kaum Bewerberinnen”, beklagt die Firmenchefin die Situation.

Glaubt sie, dass die Checkliste Druck auf Filmschaffende aufbaut, möglichst divers zu schreiben, zu entwickeln, zu besetzen, um die Fördermittel zu bekommen? Es komme vor allem auf die Geschichte an, die man erzählen möchte, sagt Christians. „Nachdem sich die Bevölkerung etwa zu je 50 Prozent aus den beiden Geschlechtern zusammensetzt, gibt es nur wenige Gründe, warum gute Geschichten nur mit Männern oder nur mit Frauen in den Hauptrollen zu erzählen sein sollten.“ Sie sei auch dagegen Geschichten „umzubiegen”. Wenn die Hauptrollen schlecht weiblich zu besetzen seien und es eine relevante Geschichte ist, dann sei es für sie auch in Ordnung, die mit Männern zu besetzen. „Mich als Produzentin, würde der Check nicht dazu verleiten, Geschichten oder Projekte zu verwerfen, die mich eigentlich interessieren, oder umgekehrt”, ist sich Christians sicher.

Diversität auch im Team

Ein Unternehmen, das Diversität deutlich auf seine Fahne geschrieben hat, ist das Kollektiv Jünglinge Film. Die jungen Filmemacher*innen haben mit „No hard feelings – Futur Drei“ großes Aufsehen bei Kritiker*innen und Publikum erregt, sammelten Preise und Nominierungen ein. Die FFHSH unterstützt ihr serielles Projekt „Schwarze Früchte“ mit einer Development-Förderung in Höhe von 50.000 Euro. Es handelt von Schwarzen Queeren Protagonist*innen, von denen eine*r ein autobiographisches Kunstprojekt startet. Jünglinge Film arbeitet dabei mit dem Headautor und Regisseur Lamin Leroy Gibba zusammen. „Für uns ist Diversität nicht ein Thema, sondern eine persönliche Perspektive, weil wir alle Queer und/oder Black, Indigenous, People of Color (BIPoC) sind”, stellt Raquel Dukpa von Jünglinge Film klar. Sie fügt hinzu: „Es geht bei uns nicht nur um die Geschichte, sondern auch um die Menschen, die an dem Projekt arbeiten. Unser Team ist da per se ganz anders aufgestellt als die Firmen, die von alten weißen Männern geleitet werden.”

So besteht der komplette Writer´s Room des Projekts – bis auf zwei Personen – aus Frauen und die Serie wird komplett von einem Schwarzen und queeren Autor*innenteam entwickelt. Jünglinge Film empfindet es als „super krassen Missstand”, dass in der deutschen Film- und Fernsehindustrie BIPoCs einerseits meist sehr einseitig besetzt werden und andererseits selten wirklich von ihnen erzählt wird. Stattdessen profitierten zumeist weiße Menschen von deren Inszenierung – auch wirtschaftlich.

Allerdings ist auch Jünglinge Film beim Ausfüllen des Fragebogens auf neue Bereiche von Diversität gestoßen. So fragt die Checkliste unter anderem, ob Menschen mit einer Behinderung eine tragende Rolle in der Geschichte spielten oder ob überhaupt solche Menschen auftauchen. „Bei uns taucht ein solcher Mensch nur ganz am Rande auf. Deshalb und obwohl wir aus einer ziemlich eindeutigen Perspektive sprechen, die für den deutschen Film- und Fernsehbetrieb ungewöhnlich ist, fanden wir den Fragebogen cool, weil er unsere Blicke darauf lenkt”, sagt Dukpa.

Setzt die Checkliste sie unter Druck beim Development jetzt alle Diversitätskriterien zu erfüllen? Dukpa dazu: „Bei uns hat das eher den Impuls ausgelöst, die Geschichte und die Figuren dahingehend nochmal zu hinterfragen. Viele weiße Medienschaffende glauben ja, dass sie universelle Geschichten erzählen könnten, unabhängig von der Besetzung. Genau so denken wir aber nicht. Wir glauben, dass Geschichten immer von der Perspektive derjenigen beeinflusst werden, die sie schreiben. Und deshalb sehen wir hier auch so viele eurozentrische weiße Geschichten.“

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