Flurbereinigung

Traditionsblatt Buersche Zeitung und Meinungsvielfalt geopfert

Der hohe Besuch hatte sich höflich angekündigt: Mit der Schließung dreier Lokalredaktionen der Ruhr Nachrichten (Bottrop / Gladbeck / Gelsenkirchen) beginne für die Buersche Zeitung (BZ) eine „neue Zeitrechnung“, über die man reden müsse. Als Verleger Kurt Bauer, Besitzer des gleichnamigen Zeitungshauses in Marl, dann am 30. März in der Gelsenkirchener Hagenstraße erschien, waren die Beschäftigten sprachlos. Sie erhielten pünktlich zum Quartalsende ihre Kündigung.


19 Journalisten, 20 Pauschalisten und rund 80 Zusteller sind davon betroffen. Der Schock saß tief. Immerhin schrieb und schreibt das Lokalblatt schwarze Zahlen. Rund 3,5 Millionen Euro sollen es in den letzten zehn Jahren gewesen sein. Mehr noch: Die Buersche Zeitung hatte allein in den letzten Wochen fast 1.000 neue Abonnenten geworben. Dennoch soll das Blatt, das bereits Vorbereitungen für eine umfangreiche Sonderausgabe zum 125-jährigen Jubiläum traf, am 31. September eingestellt werden. Angeblich droht die Gefahr „tiefroter Zahlen“. Grund: Die eingestellte Lokalausgabe der Ruhr Nachrichten (RN) war bisher von der BZ geliefert worden. Der finanzielle Verlust würde jedoch, so ein Redaktionsmitglied, „durch die Neuabonnenten zu einem Großteil wieder ausgeglichen“. Außerdem sind bisher keinerlei Sparangebote (etwa kostenlose Mehrarbeit oder prozentualer Lohnverzicht des Verlegers) an seine Mitarbeiter bekannt. Von Abfindungen oder Übernahmeangeboten ist bis zum Redaktionsschluss dieser M-Ausgabe ebenfalls nichts zu hören gewesen.
Tatsächlich geht es wohl um etwas ganz anderes: „Flurbereinigung“ im Zeitungswesen vermuten Mitarbeiter des Blattes. Das Bundeskartellamt hatte im vergangenen Jahr der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und den Ruhr Nachrichten die Genehmigung für eine Druckkooperation erteilt. Im Januar 2006 gab das Dortmunder Verlagshaus Lensing-Wolff die Schließung der RN-Lokalredaktionen Bottrop, Gladbeck und Gelsenkirchen bekannt. Damit hat die WAZ in den Nachbarstädten eine unangefochtene Monopolstellung. Nicht so in Gelsenkirchen. Hier stand noch die Buersche Zeitung mit ihren rund 8.000 Abonnenten im Wege. Sie garantierte mit ihrer Konkurrenz nicht nur Meinungsvielfalt, sondern auch monopolfreie Anzeigenpreise. Das ist jetzt vorbei. In der 250.000-Einwohnerstadt wird es ab Herbst nur noch eine publizistische Meinung geben: Die der WAZ.
Das will der ver.di-Bezirk Emscher-Lippe-Süd nicht stillschweigend hinnehmen. Er hat als erste Aktion eine Protest- und Solidaritätsveranstaltung mit einer öffentlichen Diskussion organisiert. Motto: „Rettet die Buersche Zeitung“. Neben dem Gelsenkirchener SPD-Oberbürgermeister Frank Baranowski werden dort der dju-Landesvorsitzende Udo Milbret, der Medienwissenschaftler Horst Röper (Formatt Institut) und der Journalistik-Professor Karl-Martin Obermeier Stellung zu dem Schließungshandstreich beziehen. Ob auch ein Vertreter der Zeitung anwesend ist, bleibt fraglich. Nach anfänglichem Widerstandsgeist scheint jetzt die Angst in der Redaktion vorzuherrschen.

nach oben

weiterlesen

Kinogeschichte(n) aus Bielefeld

Wenn es um eine „Filmstadt“ geht, denkt man an Berlin, München, Hamburg, vielleicht noch Köln. Aber Bielefeld? Jene Stadt, die Berühmtheit erlangte, weil es sie angeblich gar nicht gibt? Eine Sonderausstellung im Historischen Museum der ostwestfälischen Metropole hält nun diesbezüglich unter dem Titel „Die große Illusion“ bis zum 25. April 2021 einige Überraschungen bereit.
mehr »

Aktiengeschenk: Döpfners Steuercoup

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass Springer-Erbin Friede Springer dem Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner einen großen Teil ihrer Aktien geschenkt hat. Steuern entrichten will dieser dafür aber wohl nicht. Das wäre mal eine Bild-Schlagzeile gewesen: »Springer-Chef prellt den Staat um eine halbe Milliarde«. Schöner Traum. Ist ja wohl auch alles legal. Dabei ragt der Steuercoup an der Spitze des Axel-Springer-Konzerns auch im skandalreichen Deutschland weit hervor.
mehr »

Was bleibt vom Hörspiel?

Was Hörspiele einst bewirken konnten, belegt der Fall „Krieg der Welten“ von Orson Welles. Die Fiktion, ein Angriff der Außerirdischen, wurde am Abend des 30. Oktober 1938 im amerikanischen Radiosender CBS ausgestrahlt und soll von nicht wenigen Hörer*innen als authentische Live-Reportage empfunden worden sein. Was würde wohl heute passieren – und was bleibt übrig von der „Krönung des Funks“?
mehr »

Der Spielfilm auf Instagram

Spielfilme in Instagram-Formate verpackt, internationale Serien nur online und neue Podcast-Angebote. Auf den Medientagen Österreich (ÖMT) legten die Intendanten von ZDF, ORF und SRG auf den Tisch, wie sie künftig junge Menschen zu erreichen gedenken. Im linearen Radio und TV haben sie junge Menschen schon aufgegeben. Nun geht es darum, möglichst viele von ihnen in die eigenen Mediatheken zu locken. Doch auch dafür könnte es schon zu spät sein, ist auf den diesjährigen Medientagen in Wien zu erfahren.
mehr »