IFFF: Power pur für die Filmemacherinnen

Internationales Frauen*Film Fest 2022: Still aus dem Gewinnerfilm "Freda". Foto: IFFF

„Nach zwei Jahren Pandemie war dieses Festival Power pur“, konstatierte Maxa Zoller, Leiterin des Internationalen Frauen* Film Fest (IFFF) Dortmund+Köln, das vom 29. März bis 3. April stattfand. Der Wert solcher Treffen ist gerade für Filmemacherinnen unermesslich, die wie in Brasilien oder einigen afrikanischen Staaten von Autokraten missachtet werden. Kritisch ins Auge gefasst wurden dagegen die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiterinnen des Festivals im Zusammenhang mit der Pandemie.

Das Kino sei mit dem IFFF wieder zum „lebendigen Ort des Austauschs über Film“ geworden, begeisterte sich Kinoleiter Martin Rölly des Kölner „Odeon“. Träfen die Kunstschaffenden des Festivals auf ein nach Lockdowns zunehmend ausgehungertes Publikum, steige „die Energie im Raum und wundervolle Begegnungen kommen zustande“, resümierte Maxa Zoller. In Hochzeiten der Pandemie habe überall der Kommerz die Regie übernommen; Plattformen wie Netflix und Streamings prägten die  Standards, monierte sie im Gespräch mit „Menschen machen Medien“. Mainstream-Klischees müssten in den Köpfen wieder aufgebrochen werden. Die Frauen der Branche seien in diesem Jahr mit „enormem Kampfwillen“ zusammengekommen, weil sie realisierten, „wie stark die Arthouse-Kultur durch die Pandemie unter Druck gekommen ist“.

Filmemacherinnen und Festival unter Druck

Zwei Filmemacherinnen redeten sich ihren Frust von der Seele: Nach wie vor seien in der Branche vorrangig die Männer präsent und besser bezahlt. Das müsse sich ändern. Außerdem: „Wir müssen den Ökofeminismus weiter vorantreiben“, so Friederike Kersten vom in Berlin und Dresden aktiven Künstlerinnenkollektiv Neozoon. Dort beschäftigt man sich seit Jahren mit dem gestörten Verhältnis zwischen Mensch und Tier, neuerlich auch im Zusammenhang mit der Verbreitung des Virus. Das Festival sei Kultur und Kunst, könne aber auch politisch viel bewegen, so Betty Schiel vom Festivalteam. Organisiert den Austausch miteinander voranzubringen, auch das sei dessen Aufgabe.

Die Festivalmitarbeiterinnen seien während der Pandemie stark gefordert gewesen. Zwar erhalte das Film Fest öffentliche Förderung, unter anderem von der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Anne Spiegel, vom Land NRW, den Städten Dortmund und Köln. Dennoch sei das IFFF wie andere Festivals zunehmend unter Druck, nicht erst seit Beginn der Coronakrise, sondern bereits seit der Bankenkrise 2008, so Maxa Zoller. Weil Unternehmen sich aus der Finanzierung der Filmpreise zurückgezogen hätten und sie aus öffentlichen Geldern finanziert werden müsste, bleibe nun für die Organisatorinnen des IFFF insgesamt weniger Geld. Zugleich aber seien die Anforderungen an die Arbeit gestiegen, etwa durch vermehrtes Erstellen digitaler Angebote oder das Bespielen sozialer Netzwerke wie Instagram. Im Team befänden sich zwar alle im Kampfmodus, aber auch an der Belastungsgrenze. Wegen Erkrankung ausgefallene Kolleginnen müssten flexibel ersetzt, zugleich aber private Herausforderungen bewältigt werden. Sie selber komme aus dem Ahrtal, dort habe man wegen der Klimakrise Schlamm schippen müssen. Krieg und Flucht führten dazu, dass Mitarbeiterinnen Geflüchtete aus der Ukraine bei sich aufnahmen. So beschreibt die Festivalleiterin die Lage.

Die AG Festivalarbeit in ver.di habe das IFFF im Juli 2021 mit dem Fair Festival Award ausgezeichnet, der die Fairness deutscher Filmfestivals bewerte. Mittels einer Umfrage in Kategorien wie Vertrag, Arbeitsbedingungen, Kommunikation, Führung, Arbeitsklima, Mitbestimmung, Chancengleichheit, Gleichbehandlung und Entlohnung sei das Festivalteam gebeten worden, seine Einschätzung dazu abzugeben. Letztere wurde 2020 von Prof. Dr. Skadi Loist und Sarah Herbst als Kooperationsprojekt der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und der AG Festivalarbeit in ver.di durchgeführt. Um die Kunst vom Niveau her zu erhalten, legten alle noch eine Schicht drauf, so Maxa Zoller. Die gesellschaftliche Wertschätzung dafür dürfe allerdings nicht neoliberal gesteuert weiter abnehmen. Dem will der im Herbst 2021 neu gegründete Verein Netzwerk Filmkultur NRW, in dessen Vorstand sie ist, entgegenwirken und die Filmkultur stärken.

Glücksfall für Zusammenschluss und Inspiration

Vor allem für junge Dokumentarfilmerinnen, Regisseurinnen, Kamerafrauen und Skriptschreiberinnen ist das Festival eine Chance, ihre Debütspielfilme einem cineastisch interessierten Publikum vorzuführen und sich gegenseitig zu inspirieren. Geradezu unentbehrlich ist dies für Filmemacherinnen, die aus autokratisch regierten Staaten kommen, wo eine Förderung von der Kultur kaum mehr stattfindet.

Davon sprach gegenüber „M“ die Brasilianerin Joana Oliveira, deren Dokumentarfilm „Kevin“ sowohl beim IFFF als auch beim brasilianischen Festival Mostra de Cinema de Tiradentes lief. Der Film handelt von einer Frauenfreundschaft rund um den Erdball: der zwischen ihr selber, einer Brasilianerin, und der Uganderin Kevin. In Lebenskrisen haben beide füreinander ein offenes Ohr. Joana Oliveira sieht in der Zukunft kaum mehr eine Perspektive für solch fortschrittliche Filme, sollte der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro bei der nächsten Wahl nicht abgewählt werden. Aktuell werde Kulturförderung vom Ministerium für Tourismus „miterledigt“, Independent-Filme würden somit kaum mehr finanziert. Bürokratische Antragsverfahren erstickten alles im Keim, was nicht Mainstream sei. Ihren 2017 begonnenen Film habe noch „Ancine“, Agencia Nacional do Cinema, gefördert. Dessen Filmdirektorin Debora Ivanov, die von 2015 bis 2017 feministische Filme unterstützte, sei durch einen konservativen Leiter ersetzt worden. Das Frauenfilmfestival „Femina“ in Rio de Janeiro habe schließen müssen.

Ähnliches berichtete Tsitsi Dangarembga aus Zimbabwe über das 2003 in Harare von ihr mitbegründete International Images Filmfestival for Women. Auch das hatte einst bessere Zeiten und musste schließen. Anfang der 2000er Jahre förderte die deutsche Botschafterin Karin Blumberger-Sauerteig dort Filmkunst von Frauen. Mit der Diktatur des Präsidenten Emmerson Mnangagwa sackten nun hauptsächlich Männer die durch Steuergelder mitfinanzierten Budgets ein. Förderung gebe es meist für regierungsfreundliche Propaganda oder Hollywood-Schinken. Die afrikanische Jurorin des Festivals meint: „Für Filmemacherinnen aus autoritär regierten Ländern ist das IFFF ein Glücksfall, denn wir müssen uns international zusammenschließen. Und das wird uns hier ermöglicht.“

Während der 39. Ausgabe des IFFF Dortmund+Köln wurden rund 100 Filme aus 35 Ländern in verschiedenen Kölner Kinos gezeigt; 60 Filmemacher*innen waren vor Ort und präsentierten ihre Streifen endlich wieder vor Publikum. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis im Internationalen Debüt-Spielfilmwettbewerb ging an „Freda“ von Gessica Généus. Die internationale Jury war in diesem Jahr mit der Autorin, Dramatikerin und Regisseurin Tsitsi Dangarembga, der Bildgestalterin Christine A. Maier und der Regisseurin Ula Stöckl prominent besetzt.
Den Publikumspreis erhielt „Nico“ von Eline Gehring, die eine Altenpflegerin porträtiert. Dieser Streifen und ein Querschnitt aus dem Festivalprogramm sind noch bis einschließlich 10. April auf der Video-on-Demand Plattform des Film Fests verfügbar.

 

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