Interniert in einem Verlagsgebäude

Der Hamburger Bauer Konzern verspricht die Aufarbeitung seiner Nazi-Vergangenheit

Am 8. September fand vor der Bauer Media Group im Hamburger Kontorhausviertel eine Kundgebung mit 80 Teilnehmer*innen statt. Sie erinnerte an die italienischen Zwangsarbeiter, die im damaligen Heinrich-Bauer-Haus untergebracht waren. In einem Grußwort des Kultursenators und in Redebeiträgen unter anderem aus der Hamburgischen Bürgerschaft, des Italienischen Generalkonsuls und von ver.di wie auch von einem Mitglied der Bauer-Konzernleitung wurde deutlich, dass es ein gemeinsames Anliegen ist, die Geschichte der Menschenrechtsverbrechen an diesem Ort sichtbar zu machen: Im Februar 2021 wird eine Stolperschwelle vor dem Verlagsgebäude verlegt. Die Bauer Media Group hat erneut bekräftigt, dass sie die Geschichte historisch unabhängig aufarbeiten lassen will.

In diesem Gebäude druckte Heinrich Bauer Zeitschriften. Entstanden ist das Foto Mitte der Zwanzigerjahre. Später waren hier die italienischen Zwangsarbeiter untergebracht.
Foto: Bauer Media Group

Auf der Unternehmensseite der Bauer Media Group unter dem Button „Historie“ erfahren Leser*innen, dass Ludolph Bauer 1875 mit gerade mal 23 Jahren eine Druckerei für Visitenkarten in Hamburg gegründet habe. Sie war der Beginn des heute „größten Zeitschriftenverlags Europas“. Die Rede ist noch vom Anzeigenblatt Rothenburgsorter Zeitung, dem Extrablatt am Montag und 1926 schließlich der Rundfunk-Kritik. Weiter geht es nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Erfolgsgeschichte des Konzerns. Kein Wort über die Zeit des Nazi-Regimes, in der Alfred Bauer Mitglied der NSDAP wurde, in der er Menschen jüdischer Abstammung Immobilien und Grundstücke zu niedrigen Preisen abkaufte. Keine Zeile über die Programmzeitschrift Funk-Wacht, in der Nazismus und Kriegsvorbereitung verherrlicht, Menschenrechtsverletzungen ausgeblendet worden sind. Und nachdem die Funk Wacht nicht mehr rentabel herausgegeben werden konnte, diente ein Teil des Verlagsgebäudes im Hamburger Meßberghof (im Kontorhausviertel) von 1943 bis 1945 der Internierung italienischer Zwangsarbeiter. Deren Miete kassierte Bauer, wie die Wochenzeitung Die Zeit in ihrer Ausgabe Ende August 2020 berichtete.

Der Zeit-Artikel basiert auf den Recherchen der langjährigen Betriebsrätin der Bauer Media Group Kersten Artus und ihres Ehemanns Holger Artus. Sie initiierten auch die Gedenkkundgebung am 8. September, dem Jahrestag des Waffenstillstands zwischen Italien und den Alliierten nach dem Sturz Benito Mussolinis 1943. Es folgte die deutsche Besetzung Norditaliens, Massenverhaftungen hunderttausender italienischer Soldaten und ihre Deportation. Über 12.000 von ihnen seien nach Hamburg verschleppt und in Zwangsarbeitslagern inhaftiert worden.

Bis heute tut sich das Unternehmen schwer mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Gegenüber der Zeit erklärt Imke Weiland, Sprecherin des Unternehmens: „Unser Plan war, im laufenden Jahr einen Historiker mit Recherchen zur NS-Zeit zu beauftragen.“ Durch die Corona-Pandemie habe sich alles ein wenig verzögert, „es gab andere Prioritäten.“ Jetzt sei der Verlag allerdings wieder in Gesprächen mit Experten, die Arbeit solle noch dieses Jahr beginnen. Eine Bewertung des Verhaltens „von Heinrich und Alfred Bauer in der NS-Zeit“ solle jedoch erst erfolgen, wenn die Untersuchungen abgeschlossen seien. Wann das sein könnte, ist offen.

Mehr Informationen

 

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Bald Wirtschaft vor Politik beim „Stern“?

Der Verlag Gruner und Jahr (G+J) sieht sich als Bollwerk des Qualitätsjournalismus. Die Einsendefrist für den prestigeträchtigen Nannen-Preis läuft gerade, der Mutterkonzern Bertelsmann ruft 2021 als “JAhr zur Wahrheit” aus. In der Qualitätsoffensive sollen auch G+J-Titel kräftig mitspielen. Dazu passt es schlecht, dass das G+J-Flaggschiff „Stern” und die Wirtschaftstitel „Capital” und „Business Punk” eine gemeinsame Politikredaktion bilden sollen – unter Führung des „Capital”-Chefredakteur Horst von Buttlar.
mehr »

Diamant „Süddeutsche“ mutiert zum Kiesel

In der Belegschaft der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) wächst die Wut. Der Sparkurs der Südwestdeutschen Medienholding geht allmählich an die Substanz, finden viele. Nach pandemiebedingter Kurzarbeit wurden jetzt 50 redaktionelle Arbeitsplätze gestrichen. Die neue Digitalstrategie des Konzerns gefährdet nach Auffassung vieler die Position der „Süddeutschen“ als Marktführerin im deutschsprachigen Qualitätsjournalismus.
mehr »

Durchschaubarer Versuch

Das in der „Welt“ veröffentlichte Schreiben von Matthias Döpfner an EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gegen die Daten-Allmacht amerikanischer und chinesischer Tech-Giganten ist „wohlfeil“ und „durchschaubar“. Es sei vor allem der Versuch, einen Teil vom Kuchen der Konkurrenz auf dem Teller des eigenen Medienunternehmens landen zu lassen, heißt es in einem Offenen Brief des stellvertretenden dju-Vorsitzenden Peter Freitag an den Vorstandschef von Axel Springer.
mehr »

Globale Allianz für Arbeitnehmerrechte bei Alphabet

Die erst kürzlich von Mitarbeiter*innen des Google-Konzerns in den USA gegründete „Alphabet Workers Union“ hat sich zur weltweiten Allianz“ Alpha Global“ zusammengeschlossen. Beteiligt sind 13 Gewerkschaften aus zehn Ländern, darunter Großbritannien, die Schweiz und mit ver.di auch Deutschland. Ziel sei es, gemeinsam Alphabet so zu verändern, dass es „die Menschen- und Arbeitnehmerrechte in all seinen Niederlassungen und in seiner Lieferkette weltweit achtet und respektiert“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.
mehr »