Krise und Geiz: Qualität ist geil!

Journalisten mit Verlegern und Rundfunkmanagern in einem Boot

Medienkrise und kein Ende: Nach wie vor entlassen Verlage und Privatsender Mitarbeiter, regiert der Rotstift bei Honorarbudgets, herrscht Stellenstopp auch in öffentlich-rechtlichen Anstalten. Die von der Bundesregierung angepeilte Lockerung der Pressefusionskontrolle könnte in eine neue Konzentrationswelle münden. Eine Erholung des Werbemarktes ist nicht in Sicht. Gerade angesichts dieser Tendenzen erscheint eine Diskussion über Qualitätssicherung im Journalismus nötiger denn je. Denn die Krise bedroht die berufsethischen Grundlagen der Profession.

„Journalismus braucht gute Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit. Neben einer zeitgemäßen Infrastruktur ist der umfassende Zugang zu allen Informationsquellen zu gewährleisten. Tarifverträge müssen verbessert, die zusätzliche Altersversorgung gesichert werden (…) Diese Standards tragen zu Unabhängigkeit der Journalistinnen und Journalisten bei.“ Ein rührend anmutender Wunschzettel aus der Boom-Phase der Medienbranche, als Verlage und Sender in Rekordeinnahmen badeten und hinter derlei Anspruchsdenken eine realistische Hoffnung auf Einlösung steckte? Weit gefehlt. Es handelt sich um einen Auszug aus der „Charta zur Sicherung von Qualität im Journalismus“, verabschiedet von der Bundesfachgruppenkonferenz der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) Anfang März dieses Jahres in Halle.

Vision und Realität

Gemessen an der darin ausgebreiteten Vision sieht die Realität der Profession eher krude aus: Redaktionsetats werden zusammengestrichen, an die 10.000 Journalisten sind ohne Job. Das von den Mediengewerkschaften seit Jahr und Tag geforderte Informationsfreiheitsgesetz wird von der rot-grünen Bundesregierung nach wie vor verweigert. Tarifverträge werden nicht verbessert, sondern ausgehöhlt. Der Flächentarif ist in Gefahr. Tausenden von freien Journalisten droht die Altersarmut. Lauter Entwicklungen, die nicht gerade zur „Unabhängigkeit“ der Journalisten beitragen. Eine Umkehrung dieser Tendenzen ist vorerst nicht zu erwarten. Eher droht die Gefahr einer weiteren Verschärfung. Ein Katastrophenszenario? Mal sehen.

„Der Wettbewerb zwischen Zeitungen und Verlagen ist eine zentrale Voraussetzung für den Erhalt der Meinungsvielfalt.“ Ein schöner und wahrer Satz, geäußert von Präsidenten des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) Helmut Heinen zum Auftakt des letzten Verlegerkongresses Ende September in Berlin. Schade nur, dass Heinen sich von dieser Erkenntnis sofort wieder abwandte, als er im gleichen Atemzug die Abschaffung der pressespezifischen Fusionskontrolle forderte. Und damit beim „Medienkanzler“ Schröder durchaus Gehör fand. Die Großverleger wittern ihre historische Chance, die seit 1976 existierenden kartellrechtlichen Fesseln endlich abzustreifen, um in der Region zu expandieren. Sollte ihrem Drängen nachgegeben werden, prognostizieren Branchenexperten bereits eine neue Welle der Pressekonzentration. Dass einzelne Verlage gelegentlich auch das noch geltende Kartellrecht geschickt auszuhebeln verstehen, belegt die Farce um den Verkauf des „Tagesspiegel“ in Berlin (siehe Beitrag Seite 16 / 17). „Synergien nutzen“ – dieser sprachliche Euphemismus läuft in der Verlagsbranche mehr denn je auf massive Einsparungen, folglich auf Konzentration hinaus. Den Anfang machte Springer im vergangenen Jahr, als er die Redaktionen von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ fusionierte. Die konkreten Folgen bemerken – abgesehen von den entlassenen Kollegen – nur die Leser beider Blätter: Doppelungen, Redundanz, auf jeden Fall Verminderung von Vielfalt. Der „Tabubruch“ hat inzwischen in bei den „Aachener Nachrichten“ und der „Aachener Volkszeitung“ Nachahmer gefunden. Ein Blatt wie der „Nordkurier“ in Neubrandenburg warf auf der einen Seite einen Teil der Redaktion heraus und versorgt sich andererseits lieber mit Lieferungen kompletter Seiten durch die Agentur ddp. Qualitätsverlust statt Vielfalt.

Quote, Quote, Quote

In den elektronischen Medien das nämliche Bild. Der Privatfunk dominiert vom Duopol zweier Senderfamilien, die ihre jeweiligen Stars gegenseitig in endlose Cross-Promotion-Schleifen schicken. ARD und ZDF zwar als nach wie vor wichtige Alternativen zum Kommerzfunk, aber mit zunehmender Tendenz zur Anpassung. „Die Quote“, so Norbert Schneider, der frühere Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, unlängst auf einem Forum der „Initiative Qualität im Journalismus“ der Journalistengewerkschaften, „ist inzwischen für das gesamte duale System die einzig verbindliche Währung“. Die „Instrumentalisierung des Publikums“ als Quotenvieh nivelliere nicht nur Menschen und Sachen, sondern sei auch der „Aufbruch in die Deprofessionalisierung“. Denn in der „Abgabe von Sendekompetenz an die Empfängerkompetenz“ vollziehe sich ein „partieller Verzicht auf Berufsausübung“. Der Verweis auf den Willen des Zuschauer ist nach Auffassung Schneiders aber nichts anderes als ein „Mangel an öffentlich wahrgenommener …, also auch kritisierbarer Verantwortung“. In die gleiche Kerbe hieb der Vorsitzende des Verbandes der Schriftsteller und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer auf der (seit Jahren) ersten medienpolitischen Konferenz des DGB am 30. September in Berlin, als er ein dramatisches Bild der Produktionsbedingungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zeichnete. Die Programmmacher würden immer mehr von der Quotenfixierung der Programmverantwortlichen unter Druck gesetzt. Die Qualität von TV-Fiktionsprogrammen könne aber nicht ausschließlich über quantitative Aspekte definiert werden.

„Quote ist nicht automatisch Qualität“, sagte Breinersdorfer. Der öffentlich-rechtliche Programmauftrag schließe auch Innovation und Experimente ein. Das Risiko eines Scheitern von Experimenten werde aber wegen der Gefahr eines „Quotenknicks“ von den Verantwortlichen kaum noch in Kauf genommen. Die immer unverhohlenere Quotenjagd werde mit wohlklingenden Begriffen wie „zuschauerzentriertes Fernsehen“ beschönigt. Politische Zeitthemen wie Arbeitslosigkeit oder gewerkschaftliche Themen hätten kaum noch eine Chance. „Wenn die Quotenmessung einmal ausfallen sollte, wären die Redaktionen hilflos, da sie kaum mehr über echte Qualitätskriterien verfügen“, polemisierte Breinersdorfer. Auch wenn die Situation in Verlagen und Anstalten nur schwer vergleichbar ist: Der Trend zum Abbau journalistischer Standards ist in den meisten Medien unübersehbar.

Papier ist geduldig

Noch ein Blick in die eingangs zitierte dju-„Charta“: „Journalismus lebt von Unabhängigkeit. Der Kampf um den Markt und die Marktanteile darf weder die Grenzen von Information und Werbung verwischen noch durch Sponsoring oder Public Relations die journalistische Arbeit beeinträchtigen.“ Natürlich ist auch dieser kategorische Imperativ korrekt. Aber er erinnert ein wenig an das Grundgesetz: Die Menschenwürde ist unantastbar, heißt es darin. Und doch wird sie bekanntlich tagtäglich tausendfach verletzt.

König Anzeigenkunde

So verhält es sich auch mit den publizistischen Grundsätzen des Deutschen Presserates. Als Verlagsmanager, so bekannte unlängst WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach auf einem Forum der „Initiative Qualität im Journalismus“, habe er nicht zur definieren, was Qualitätsjournalismus sei. Seine Aufgabe sei es, „diesen möglich zu machen“. Sein Wort in das Ohr der Verleger, die derzeit vielerorts eher nach dem Motto „Geiz ist geil“ agieren. Und en passant immer häufiger einer schleichenden Übernahme des Journalismus durch die PR den Boden bereiten. Das gilt längst auch für die Marketing-Strategen in den Rundfunkanstalten: Auch bei ARD und ZDF höhlt eine von Mal zu Mal unverschämtere Sponsoring-Politik die Grenzen zwischen Produktwerbung und Redaktionellem immer mehr aus. Die Möglichkeiten von Journalisten, sich solchen Praktiken entgegenzustemmen, sind gerade in Krisenzeiten durchaus begrenzt. Doch wenn ein Holtzbrinck-Manager wie Michael Grabner öffentlich äußert, er halte die Grenze zwischen Redaktion und Werbung für nicht mehr zeitgemäß, so sollte er ebenfalls öffentlichkeitswirksam auf Ziffer 7 des Pressekodex hingewiesen werden: „Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken.“ Auch die anhaltende Rezession legitimiert keinen Ausverkauf journalistischer Leistungen an die Interessen von Anzeigenkunden. Nicht immer geschieht dies unter verlegerischem Druck. Kleine und größere Geschenke an Journalisten erhalten Freundschaften und sorgen – vom Publikum meist unbemerkt – für positive publizistische Begleitmusik. Dass Bereiche wie Tourismus, Auto und Sport zu den besonders korruptionsanfälligen Bereichen gehören, ist auch den Mediengewerkschaften bekannt.

Die Botschaft hört man …

Umso erfreulicher, wenn ein Großverlag wie Axel Springer mit gutem Beispiel vorangeht und – wie unlängst geschehen – seinen Mitarbeitern „Leitlinien zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit“ verpasst. „Die Journalisten bei Axel Springer“, heißt es da unter anderem, „tragen dafür Sorgen, dass alle Kosten (Reisekosten, Bewirtungen), die im Zusammenhang mit Recherchen entstehen, grundsätzlich durch die Redaktion übernommen werden“. Sie „entziehen sich inhaltlichen Einflussversuchen von Anzeigenkunden oder interessierter Seite und treffen keine Absprachen, die ihre journalistische Unabhängigkeit beeinträchtigen. Merchandising-Aktionen und Medien-Partnerschaften sind erforderlichenfalls als solche zu kennzeichnen.“ Geradezu eine „Magna Charta für Qualitätsjournalismus“, merkte die „Süddeutsche Zeitung“ nicht ohne Skepsis an. Die erscheint auch angebracht.

Noch im Frühjahr beim Hamburger Dialog hatte Springers Zeitschriften-Vorstand Andreas Wiele ganz andere Töne angeschlagen: „In Frauen- und Jugendzeitschriften ist kaum die redaktionelle Unabhängigkeit gefährdet, wenn Kosmetikfirmen und Redaktionen enger kooperieren.“ Man könne die „intelligente Zusammenarbeit“ zwischen den Redaktionen von „Glamour“ oder „Vogue“ und der Werbein- dustrie fördern, das sei längst gängige Praxis, „alles andere wäre weltfremd“.

Gegen den Trend

Man wird also darauf achten müssen, inwieweit die Kluft zwischen Theorie und Praxis bei Springer künftig geschlossen wird. Als „Investition in unsere Glaubwürdigkeit“ und „antizyklisches Signal“ bezeichnete Verlagssprecherin Edda Fels die Initiative Springers. Klingt gut. Wir Journalisten sollten jetzt bundesweit in die Offensive gehen und unter Hinweis auf das Vorgehen Springers in den Verlagen und Sendern ähnliche Richtlinien zur Wahrung unserer journalistischen Unabhängigkeit einfordern. Welcher Verlag möchte schon weniger glaubwürdig sein als Springer?

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