Milchmädchenrechnung

dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn über neue Module und Content-Klau

Wilm Herlyn ist seit 1991 Chefredakteur der dpa. Der 64jährige Bielefelder arbeitete nach dem Volontariat von 1971 bis 1986 bei der Welt und bekleidete später leitende Funktionen bei Rheinische Post und Bunte. Ende dieses Jahres geht Herlyn in den Ruhestand, sein Nachfolger als dpa-Chef wird der jetzige Leiter von Spiegel Online, Wolfgang Büchner.

M | dpa prüft die redaktionellen Prozesse und die Frage, die Redaktionen in Frankfurt/Main und Hamburg nach Berlin zu verlagern. Vor drei Jahren argumentierten Sie noch, der Standort sei für eine Agentur nicht so wichtig, notfalls könne dpa auch von der Zugspitze arbeiten. Was hat sich denn in den drei Jahren so dramatisch verändert?

WILM HERLYN | Die Multimedialität auf dem Markt ist dramatisch gewachsen. Wir als Agentur wollen nicht als bi- oder trimediales Haus in multimediale Medienhäuser liefern. Das ist eine Forderung des Marktes.

M | Der deutsche Agenturmarkt ist besonders umkämpft. Wie beurteilen Sie die aktuelle Wettbewerbssituation?

HERLYN | Der Wettbewerb ist sehr viel schärfer geworden. Er wird nicht über den Journalismus ausgetragen, sondern über die Preise. Als einzige Vollagentur machen wir unseren Kunden ein regionales, nationales und internationales Angebot. Unsere Mitbewerber, die den Kunden ein kleineres Angebot machen, sind demgegenüber wesentlich billiger. Wie diese Preise zustande kommen, kann ich nur raten. Wir alle wissen, dass die französische Agence France Presse vom Staat subventioniert wird. 40 Prozent des Etats von AFP wird von Paris bezahlt.

M | ddp hat in den vergangenen Jahren seinen Marktanteil ständig vergrößert. Woran liegt das nach Ihrer Einschätzung?

HERLYN | Der ddp hat einen großen Vorteil. Anders als wir unterliegt er nicht der Chronistenpflicht, muss also vor allem in den Regionen kein stabiles Netz vorhalten. Er kann „Rosinen picken“, sich also nur die Sachen heraus nehmen, die ihm schön, richtig und wichtig erscheinen.

M | Mit der WAZ-Gruppe verzichtet seit Jahresbeginn eines der größten deutschen Medienhäuser auf die Dienste von dpa. Auch die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine aus dem Hause Ippen versucht derzeit, probeweise für sechs Wochen ohne dpa auszukommen. Was bedeutet das für Ihre Agentur?

HERLYN | Wir sehen einen großen Unterschied zwischen beiden Häusern. Die WAZ-Gruppe hat den Vertrag auslaufen lassen. Die HNA in Kassel macht einen Test, über den wir ausdrücklich vorher von Geschäftsführung und Chefredaktion informiert worden sind. Wir sind übereingekommen, die gewonnenen Erkenntnisse danach gemeinsam auswerten.

M | Das Agenturprinzip – so äußerten Sie unlängst in einem Interview – sei „beinahe überholt“. Wenn das so ist, was tritt an dessen Stelle?

HERLYN | Wir haben unseren nationalen Basisdienst bereits in Module portioniert. Diese kann der Kunde auch einzeln beziehen , etwa das Modul Nachrichten, das Modul Zusammenfassung, das Modul Korrespondentenberichte oder nur das Modul Wissen. Wir geben also dem Kunden jetzt schon die Möglichkeit, sich ein eigenes Profil aus dem Basisdienst herauszuschneiden. Wir werden immer die allgemeine breite und vertiefende Nachricht mit allen Bylinern für unsere Kunden bereitstellen, praktizieren aber auch Reporting on Demand. Das heißt, Kunden bitten uns, dieses oder jenes Stück für ihre Medium zusätzlich zu liefern. Die Inhalte integrieren wir aber auch in den allgemeinen Dienst.

M | Sind der WAZ-Ausstieg und der HNA-Test Einzelerscheinungen oder fürchten Sie eine Erosion?

HERLYN | Natürlich schaut jedes Medienhaus auf diese Entwicklungen. Das muss jeder verantwortungsvolle Chefredakteur und Verlagsleiter machen. Aber es gibt keine Anzeichen für uns, dass weitere Kunden konkrete ähnliche Gedanken haben wie etwa die WAZ-Gruppe. Alle wissen aber auch, welche Stoffe einfach fehlen, wenn sie dpa nicht haben.

M | WAZ-Chef Ulrich Reitz sagt, der Agenturanteil bei den Blättern seiner Gruppe sei unter zehn Prozent gesunken. Warum also drei Millionen zahlen, wenn man mit diesen Mitteln 25 Arbeitsplätze sichern kann. Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

HERLYN | Das ist eine Milchmädchenrechnung: Denn wir halten für Herrn Reitz für seinen Beitrag eben nicht nur 25, sondern mehr als 400 Redakteure vor. Er profitierte bislang von der Arbeit jedes Einzelnen – jetzt wären das etwa der Korrespondent in Mexiko oder die Fachredakteure im Wissenschaftsressort. Und unsere Kunden brauchen auch die Vorausmeldungen etwa von Bundestagsdebatten oder für die fortlaufende Berichterstattung von großen Ereignissen. Der Rundfunk nimmt die jeweils aktuelle Fassung – die Zeitung druckt natürlich nur die Zusammenfassung. Herr Reitz vergisst auch, dass in seinen Eigenberichten Agenturwissen steckt, da die WAZ-Autoren im Netz dieses Wissen finden.

M | Die WAZ-Gruppe ist ja auch Mitgesellschafter von dpa. Auf den Vorwurf, sie handle unsolidarisch gegenüber der Genossenschaft erwiderte Reitz, man sei zuvorderst zur Solidarität mit den eigenen Blättern verpflichtet. Ein schlüssiges Argument?

HERLYN | Ich kann über das Gesellschafterverhalten der WAZ-Gruppe nicht urteilen. Jeder muss mit sich ausmachen, ob man Gesellschafter bei einer Gesellschaft sein kann, wenn man deren Dienste gar nicht nutzt.

M | Ulrich Reitz hat unlängst im NDR-Medienmagazin „Zapp“ von der Möglichkeit gesprochen, dpa-Inhalte zu nutzen, ohne dafür zu zahlen. Ist das nicht ganz gewöhnlicher Content-Klau, der da propagiert wird?

HERLYN | Herr Reitz hat ganz deutlich gesagt, dass man Informationen aus dem Web herausnehmen kann, auch die von Agenturen, ohne diese Informationen zu bezahlen. Diese Frage beschäftigt die Medienverantwortlichen zurzeit sehr. Ich erinnere etwa an Matthias Döpfner, den Vorstandschef des Axel Springer Verlags, der die Idee des Copyrights und des Kopierschutzes auch für das Internet aufgebracht hat.

M | Döpfner fordert ein Leistungsschutzrecht für Online-Inhalte. Aber wie lässt sich so etwas erreichen? Von AP war zu hören, dass die Agentur rechtlich gegen Content-Trittbrettfahrer vorgehen will …

HERLYN | Es gibt den Dienstleister Attributor, der automatisch Meldungen der dpa mit anderen Artikeln vergleichen und identifizieren kann. Inwieweit sich die Agenturen, insbesondere hier in Deutschland, entschließen, gegen den Nachrichtenklau juristisch vorzugehen, kann ich im Moment noch nicht sagen.

M | Auch Döpfner hat sich bislang eher allgemein geäußert. Wie steht es mit der Rolle von Google, die ja von anderen teuer hergestellten Content systematisch vermarkten? Die meisten Agenturen arbeiten ja sogar mit Google zusammen …

HERLYN | Ich kann dazu nur sagen, dass wir mit Google sprechen. Aber über laufende Gespräche werden wir keine Äußerungen machen. Wir unternehmen aber nichts gegen die Interessen unserer Gesellschafter.

M | Fast alle Printmedien haben inzwischen in ihre Online-Auftritte auch Bewegtbilder integriert. Wie weit ist hier die dpa? Hat die Agentur die Entwicklung verschlafen?

HERLYN | Wir haben die Entwicklung nicht verschlafen, sind aber zugegebenermaßen etwas später gestartet. Wir sind jetzt im zweiten Jahr eines Tests, und ich denke, dass wir noch in diesem Jahr den Markt weiter überraschen werden.

M | Wann kommt das schon seit geraumer Zeit angekündigte multimediale Redaktionssystem?

HERLYN | Unser neues Redaktionssystem wird etappenweise eingeführt. Start ist noch in diesem Jahr – zuerst bei Bild.

M | dpa wartet neuerdings mit einem deutsch-türkischen Dienst auf. Was wollen Sie damit erreichen?

HERLYN | Der bi-linguale deutsch-türkische Dienst ist gerade erst gestartet. Wir wollen Themen wie die Migrantenproblematik aufgreifen, das Verständnis beider Seiten füreinander fördern. Dies ist aber nicht der einzige neue Baustein, den wir den Kunden anbieten. Ich erinnere an unseren sehr erfolgreichen Nachrichtendienst für Kinder und unser schickes journalistisches Produkt Regiodata (vgl. s. 8 – 10).

M | Sie sind seit 18 Jahren dpa-Chefredakteur – welches sind die zentralen Veränderungen im Journalismus, die sich seitdem ergeben haben?

HERLYN | Der Journalismus ist wesentlich schneller geworden. Er ist manchmal quick und dirty wegen des Konkurrenzdrucks. Der Wettbewerb bewirkt, dass die Nachrichtenagenturen in Echtzeit produzieren müssen: Im Vergleich zu den früheren Schluss- und Druckzeiten der Zeitungen und den an feste Zeiten gebundenen Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender und der wenigen Privatradios, die es 1990 gab, eine dramatische Entwicklung. Wir haben jetzt immer Prime Time, immer Hauptproduktionszeit – egal, zu welcher Stunde. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied.

M | Die gatekeeper-Funktion, die auch Nachrichtenagenturen früher hatten, verschwindet im Zuge dieser Entwicklung immer mehr. Eine Agentur kann nicht mehr nur reines Transportmittel für Informationen sein. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

HERLYN | Die gatekeeper-Funktion existiert nach wie vor: Agenturen müssen weiter das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden und damit den Kunden helfen, eine Zeitung zu machen, ein Programm zu gestalten. Wir müssen aber heute wesentlich mehr Hintergründe, Erklärstücke, Analysen anbieten, also news to use: Was bedeutet das, was da gerade in den Nachrichten gelaufen ist, eigentlich für mich, den Leser, den Zuschauer, den Hörer? Wichtig ist zweitens die genaue Disposition, die wir für unsere Kunden leisten müssen. Zu wissen, was macht die Agentur, wie macht sie es, welche Stücke bietet sie auf welchen Kanälen an und wie sind diese Stücke miteinander in naher Zukunft verlinkt.

M | Könnte die dpa eines Tages eine Adresse für investigativen Journalismus sein?

HERLYN | Wir bieten jetzt schon investigativen Journalismus. Davon zeugen ganz viele Exklusivartikel, die wir aber nicht marktschreierisch verkaufen und drüber schreiben „dpa exklusiv“. Woher kommt es wohl, dass wir auf vielen Gebieten und mit vielen Sachthemen die ersten sind? Doch nicht, weil wir besser zuhören oder schneller schreiben, sondern weil unsere Korrespondenten am Ort sehr intensive und sehr gute Kontakte haben.

M | Stichwort User Generated Content – wie steht die dpa zur Einbindung von Bürgerjournalismus?

HERLYN | Wir verwenden doch seit langem Informationen und Material aus allen verfügbaren Quellen – aber wir bereiten diese unter handwerklichen Kriterien für unsere Kunden auf. Diese Regeln sind unumstößlich und werden auch bei dem so genannten Bürgerjournalismus angewandt.

M | Gilt eigentlich bei der dpa noch immer der Dreisatz: Korrektheit vor Schnelligkeit vor Schönheit?

HERLYN | Das ist und bleibt gültig, wobei wir in der Frage von „Schönheit“ immer mehr Fortschritte machen. Ich habe zwar gesagt, dass ich mich über die eine oder andere Nachricht immer noch ärgere, weil sie zu barock oder zu beamtisch über den Sender geht. Aber es gibt in dem selben Dienst wunderbare Beispiele von sehr gut geschriebenen Nachrichten oder Korrespondentenberichten. Das liegt auch daran, dass wir seit einigen Jahren zwei besonders ausgebildete Redakteure in der Frage von Sprachgefühl und Nachrichtenaufbau als Coacher beschäftigen.

M | In letzter Zeit verstärkt sich angesichts der sinkenden Zeitungsauflagen die Debatte über staatliche Medienhilfen. Könnten Sie sich – unter bestimmten Umständen – staatliche Subventionen für dpa vorstellen?

HERLYN | Nein. Wir gehören zu den ganz wenigen Nachrichtenagenturen auf der ganzen Welt, die keine staatlichen Subventionen bekommen. Wir wollen auch keine staatlichen Gelder, denn die bedeuten die Gefahr, dass der Staat Einfluss nehmen kann. Und das ist gegen unsere journalistischen Grundsätze und gegen unsere Gesellschaftsstatuten.

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