Provinz-Davids mit Marktmacht

Südwestdeutsche Medien-Holding kauft Süddeutsche Zeitung

Es war eines der schöneren Weihnachtsfeste für den Verleger in der Pfalz und die Verleger in Württemberg. Am 22. Dezember 2007 verkündeten Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten in ihren Samstagausgaben: Das Bundeskartellamt hat die Übernahme des Münchner Zeitungskonzerns durch die Stuttgarter Südwestdeutsche Medien-Holding (SWMH) genehmigt!

Die SWMH ist Besitzer der baden-württembergischen Hauptstadt-Blätter. Jetzt gehört auch die Süddeutsche Zeitung (SZ) oder genauer: der Süddeutsche Zeitungsverlag mit Sitz in München dazu. 62,5 % Aktienanteil übernimmt die SWMH zum Verkaufsstichtag 29. Februar 2008 von den bisherigen SZ-Besitzerfamilien Goldschagg, von Seidlein, Schwingenstein und Dürrmeier. Insider vermuten 1 Milliarde Euro Verkaufspreis. Seit 2002 besaß die SWMH bereits rd. 19 % an der Süddeutschen Zeitung, jetzt hält sie 81,25 % des Aktienkapitals. Die Provinz-Davids haben dem überregionalen Metropolen-Goliath gezeigt, was mit gemeinsamen Kräften, Finanzen und Strategien möglich ist. Einzig die SZ-Besitzerfamilie Friedmann verkaufte ihren Anteil nicht.
Die Besitzerliste der SWMH ist die Auflistung aller „kleinen Provinzverlage“, die Württemberg und die Pfalz zu bieten haben. Mit jeweils 44,358 % am Aktien­kapital sowie je 44,671 % der Stimmrechte sind die „Gruppe Württembergischer Verleger“ und die Medien Union aus Ludwigshafen Eigentümer der SWMH. Die „Gruppe“ steht für 18 Verleger, die Regional- und Lokal-Zeitungen von Bad Mergentheim im Norden bis Villingen-Schwenningen im Südwesten des Ländle betreiben. Zusammen macht das eine verkaufte Gesamtauflage von rund 320.000 Exem­plaren. „Gruppen“-Sprecher ist Eberhard Ebner. Er ist über die Neue Pressegesellschaft GMBH und „seine“ Südwest Presse in Ulm einer der 16, hält selbst noch Anteile an der SWMH und ist der Lebenspartner von Anneliese aus der SZ-Besitzerfamilie Friedmann.
Die Medien Union Ludwigshafen steht für die urpfälzische Verlegerfamilie Schaub. Ihr Aushängeschild ist die in Ludwigshafen erscheinende Zeitung Rheinpfalz. Mit täglich 250.000 Exemplaren zählt diese zur TOP 4 der größten deutschen Zeitungen (siehe auch S. 9). 19 Regionalredaktionen erarbeiten täglich zwei Haupt- und zehn Regionalausgaben. Das Verbreitungsgebiet reicht vom Saarland, dem Elsass bis vor die Tore des rheinland-pfälzischen Mainz.
Wie passt nun die SZ in diese südwestdeutsche-pfälzische Zeitungsmacht? Die Strategie der Pfälzer und Schwaben wird deutlich, wenn man sich die bisherigen Tätigkeitsgebiete der Medien Union und der „Gruppe“ näher anschaut. „With a little help of a great friend“ kaufte die Medien Union 1990 überraschend die Freie Presse im sächsischen Chemnitz. Dieter Schaub war der erste westdeutsche Verleger, der eine Zeitung in Ostdeutschland aufkaufte. Nach Meinung vieler Berichterstatter war die enge Bekanntschaft des Ludwigshafener Verlegers zum Ludwigshafener Helmut Kohl dabei nicht gerade abträglich. Eberhard Ebner ist ebenfalls in Ostdeutschland tätig. Ihm gehört das Märkische Verlags- und Druckhaus und damit die Märkische Oderzeitung. Pfälzer und Württemberger sind in den Bereichen Radio, TV , Online crossmedial tätig. Vor diesem Hintergrund konnte eigentlich nur die SWMH Stuttgart die SZ aufkaufen, als das Münchner Zeitungsimperium in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Der SV Medienkonzern passt bestens in die Strategie süd(west)deutscher Verleger. Die Münchner besitzen unter anderem die Verlagsgruppe Hof / Coburg / Suhl. Zur ihr gehört die Frankenpost und in Thüringen das Freie Wort in Suhl. Die SPD-nahe ­Deutsche Druck- und Verlags­gesellschaft Hamburg ist übrigens Verlagsgruppen-Mitinhaber. Der SZ Konzern gibt zusätzlich die Bayerische Staatszeitung heraus, druckt im Druckzentrum München-Steinhausen Teile von Bild, Welt und Die Zeit, sendet mit Süddeutsche Zeitung TV auf N24, Vox, DMAX und sogar im öffentlich-rechtlichen Deutschschweizer Fernsehen SF. Die SZ ist im Internet vertreten, hat über die eigene Tochterfirma SV Teleradio Besitztümer an Radio Gong, Amperwelle 106.4, MFF / RTL München und an Antenne Bayern. Durch den SZ Aufkauf erwirbt die „Provinzmedienmacht“ nun auch den 12,5 %igen SZ-Anteil am Münchner Merkur und den 49 %igen Anteil an der öster­reichischen Zeitung Standard.
Zukünftig reicht das „SWMH Besitzer-Medienreich“ vom Saarland über Stuttgart und Württemberg bis hin nach München, Österreich und Ostdeutschland.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Fußball-EM: Zu Gast bei Freunden?

Vier Wochen vor EM-Start überraschte der Deutsche Fussballbund (DFB) mit einer originellen Kaderpräsentation. Anstelle einer drögen Pressekonferenz setzte man auf eine teils witzige Salami-Taktik: Mal durfte ein TV-Sender einen Namen verkünden, dann wieder druckte eine Bäckerei den Namen Chris Führich auf ihre Tüten. Das Bespielen sozialer Netzwerke wie X oder Instagram dagegen funktionierte nicht optimal – da hat der Verband noch Nachholbedarf.
mehr »

Mit Zeitschriften gegen Spaltung

Die deutschen Zeitschriftenverleger sehen die freie Presse und die Demokratie durch die zunehmende Marktmacht der Tech-Giganten Google, TikTok & Co. tendenziell in Gefahr. Auf dem Kongress des Medienverbandes der freien Presse in Berlin appellierte MVFP-Vorstandsvorsitzender Philipp Welte an die Politik, Maßnahmen für den Erhalt einer vielfältigen und unabhängigen Verlags- und Medienlandschaft in Deutschland zu treffen.
mehr »

Demokratiepass zur Medienförderung

Mit einer staatlichen Zustellförderung wollte die Ampel-Regierung das drohende Zeitungssterben stoppen. Doch das im Koalitionsvertrag angekündigte Vorhaben wurde aufgrund knapper Haushaltsmittel gecancelt. Jetzt gibt es einen neuen Vorschlag, wie gegen die Ausdünnung der Medienvielfalt vorgegangen werden könnte. Über einen „Demokratiepass zur Medienförderung“ diskutierten am letzten Tag der Digitalkonferenz re:publica Expert*innen aus Wissenschaft und Politik.
mehr »

Freier Sender Radio Z in Gefahr?

Radio Z fürchtet um Zuschüsse von der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Bei den Geldern geht es um die Verbreitungskosten. Es droht die Gefahr, dass der freie Sender in Nürnberg finanziell austrocknet. Damit das nach fast 40 Jahren nicht passiert, haben die Mitarbeitenden eine Spendenkampagne initiiert. Auch andere freie Radios in Bayern haben ähnliche Probleme.
mehr »