Redakteure besuchen ihre Leserschaft

Unter dem Slogan „Wenn aus Ideen Lösungen werden“ wurden unlängst in Nürnberg auf dem 24. Forum Lokaljournalismus, organisiert von der Bundeszentrale für politische Bildung und den Nürnberger Nachrichten (NN), gelungene lokaljournalistische Ansätze und Projekte präsentiert. So besucht die Redaktion der Nürnberger Nachrichten in diesen Sommerferien ihre Leserschaft. Und zwar im Wortsinne. Zehn Redakteurinnen und Redakteure des mittelfränkischen Blatts durchwandern ihr Verbreitungsgebiet auf der Suche nach interessanten lokalen Geschichten.

„Das Schöne ist, dass die Kollegen, die unterwegs sind, alle Kanäle bedienen müssen“, erzählt Chefredakteur Michael Husarek, „angefangen bei Facebook live über klassische Tweets und Posts bis hin zum Videoproduzieren“.  Nicht zu vergessen die Texte für die Tageszeitung – zweigeteilt für die jeweilige Lokalausgabe im Gebiet, das durchwandert werde, und für den Mantelteil. Husarek macht selbst mit bei diesem Wanderreporter-Projekt und freut sich über die positiven Reaktionen des Publikums. „Ich wander durch eine Region, die ich nicht kenn, einen Teil des Verbreitungsgebietes im Landkreis Neustadt-Aisch, und bin schon gespannt, welche Menschen mir da begegnen werden.“

Zu Hause kooperieren die Nürnberger Nachrichten mit dem ortsansässigen Fraunhofer-Institut. In einem offenen Innovationslabor entwickelte man diverse Projekte. Etwa die Idee einer personalisierten Zeitungs-App. Die aber stieß bei der Leserschaft nur auf geringes Interesse. Auch die angepeilte digitale Abendausgabe kam über den Status eines Prototyps nicht hinaus. Ein e-Paper als geschlossenes journalistisches Produkt erschien den befragten Testlesern am Ende zu statisch. Ganz zu schweigen von der Kostenfrage. Bei einer Abo-Gebühr von etwa 25 Euro monatlich winkten die meisten ab. „Uns wurde ganz klar gespiegelt, die Benchmark liegt bei 10 Euro, die setzen Spotify, Netflix & Co“, sagt Husarek, „alles, was drüber ist, ist schwer bis gar nicht vermarktbar“.

Noch ein „zartes Pflänzchen“ sind die Audio-Produkte des Hauses. Es begann mit einem gemeinsamen Podcast von Chefredakteur und dem Onlinechef der Nürnberger Nachrichten über lokale Themen. Schwerpunkte: Der in der kommenden Saison wieder erstklassige Fußball-Bundesligist 1. FC Nürnberg und die Politik des aus Franken stammenden CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder. Inzwischen hat sich die Angebotspalette verbreitert. So bieten die NN einen Dialekt-Podcast, „bei dem eine fränkische Kollegin sich mit einer, die aus Oberbayern stammt, ein Duell liefert“. Daneben gibt es auch einen medizinischen Podcast, bei dem es um Gesundheitsthemen geht. Husarek glaubt, „dass Audio für Verlage ´ne gewisse Perspektive hat und ich find’s wichtig und gut, dass wir dabei sind“.

Die Wettbewerbssituation auf dem lokalen Zeitungsmarkt ist seit dem Aus der traditionsreichen „Abendzeitung“ vor sechs Jahren recht überschaubar. Das Boulevardblatt verkaufte zuletzt nur noch an die 14.000 Exemplare. Platzhirsch und Fast-Monopolist vor Ort ist der Verlag Nürnberger Presse mit den beiden Titeln Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung. Die IVW weist im 2. Quartal 2018 für beide zusammen eine verkaufte Auflage von gut 238.000 Exemplaren aus. Davon entfallen allerdings mehr als 200.000 allein auf die „Nachrichten“.

Der neue Integrierte Newsdesk ist das Schaltzentrum von Nürnberger Nachrichten, Nürnberger Zeitung und dem Online-Portal nordbayern.de. 48 Arbeitsplätze, an denen Mitarbeiter_innen aus drei Häusern im Schichtdienst von 6 – 23 Uhr die Nachrichten und Geschichten des Tages journalistisch aufbereiten. Maria Lis Schiavone, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt untersuchte unlängst im Rahmen einer Vorher-Nachher-Analyse, welche Auswirkungen die Zusammenführung der Redaktionen auf die Arbeitsabläufe hat. Ihr Fazit fällt rundum positiv aus: „Der Cockpit ist das crossmediale Herz der Redaktion“, sagt sie. Die Mitglieder der verschiedenen Redaktionen würden jetzt selbst sehen, „ wie es bei den anderen Kolleg_innen läuft. Man wachse „nicht nur räumlich zusammen, sondern auch mental“.

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