Sonntag Aktuell dezimiert

Partner verlassen Stuttgarter Presseunion – weniger Ausgaben

Das endgültige Aus für die Sonntag Aktuell, die bis dato zweitgrößte deutsche Sonntagszeitung, ist abgewendet. Jedoch: Auflagenstarke Partner brechen weg, drei der vier Regionalausgaben stehen weiterhin auf der Kippe. Überdies hat sich die Informationspolitik des stimmgewaltigsten Partnerverlags als fragwürdig entpuppt. Die Stuttgarter Presseunion GmbH bleibt in Erklärungsnot.

Zum 1. Januar 2007 werden drei gewichtige Partner das Gemeinschaftsprojekt Sonntag Aktuell (SoAk) verlassen: der Mantelverlag Südwestpresse, der Mannheimer Morgen und die Rheinpfalz der Medien-Union in Ludwigshafen. Diese Nachricht mischt im März / April die Redaktion der SoAk auf, zusammen mit einer noch weiter reichenden Schreckensmeldung. Mit dem Ausstieg der Partner stünden „nicht nur“ die Ausgaben Ulm, Pfalz und Rhein-Neckar und mithin über die Hälfte der Gesamtauflage vor dem Aus. Auch die Stuttgarter Ausgabe stehe zur Disposition. Zumindest müssten die Personalkosten der SoAk Stuttgart um jährlich 400.000 Euro sinken, ein Drittel der 17 Vollzeitstellen müsse gestrichen werden.
Ein lautstarkes Aufbegehren der Mitarbeiter bleibt aus. Die SoAk besitzt keinen Betriebsrat, Chefredakteur Andreas Braun hofft auf einen Kompromiss mit der Geschäftsführung. Man gibt sich zugeknöpft und hält still. Betriebsräte der Stuttgarter Zeitung (StZ), die zu den Stuttgarter SoAk-Partnern gehört, übergeben der Verlagsleitung mehr als 100 Unterschriften, mit denen sie vor der Zerschlagung der SoAk warnen. Die dju in ver.di informiert Presse und Rundfunk. Regionale und überregionale Medien berichten über den drohenden Kahlschlag – und stoßen bei der Stuttgarter Verlagsleitung auf eine Mauer des Schweigens. Jürgen Dannenmann, der Geschäftsführer der Stuttgarter Presseunion GmbH und Vorsitzende des SoAk-Verbunds im Großraum Stuttgart, lässt lediglich verlauten, die Belegschaft der StZ verkenne „die Zeichen der Zeit“. Darüber hinaus: „Kein Kommentar.“

Wirksamer Widerstand

Bis zum 4. Mai. An diesem Tag treffen die Stuttgarter SoAk-Partner zusammen und informieren schließlich über ihre Pläne. Die Stuttgart-Ausgabe bleibe erhalten – jedoch wolle man sie bis zum Jahreswechsel „maßvoll umkonzeptionieren“, so Dannenmann. Der Umfang werde von in der Regel 32 auf 28 Seiten sinken, die Stellenkürzung liege „im unteren einstelligen Bereich“. Für die verbleibenden Mitarbeiter blieben die bisherigen Verträge bestehen. Die Qualität des Blatts solle gehalten und der Reiseteil „eher noch besser“ werden. Die übrigen Rubriken würden aufgrund des reduzierten Seitenumfangs zum Teil zusammengefasst.
Chefredakteur Braun zeigt sich erleichtert: „Die jetzt genannten Kürzungen lassen zu, dass wir an der Qualität des redaktionellen Teils keine Abstriche machen müssen.“ Bleibt die Frage: Warum hat Dannenmann die Spekulationen nicht beendet, die zuvor im Raum stehenden Zahlen („keine Ahnung, woher sie stammen!“) nicht gleich dementiert? Um die Belegschaft zu zermürben? Um die nun kommunizierten Einsparungen als Erfolg zu verbuchen?
„Der Widerstand hat gewirkt“, meint indessen Gerhard Manthey, ver.di-Landesfachbereichsleiter Medien (FB 8). Mit Blick auf die Abo-Preise und den wachsenden Markt der Sonntagszeitungen rate die dju aber nach wie vor zu einem Kurswechsel: „Ziel der Stuttgarter Partner sollte nicht sein, die Zeitung lediglich zu erhalten oder, wie nun geplant, sogar zu dezimieren. Im Gegenteil: Die beteiligten Verlage sollten die Chance nutzen, die SoAk jetzt weiter auszubauen.“
Weshalb die drei bisherigen Partner aus dem Projekt aussteigen und warum dieser Ausstieg zu Sparmaßnahmen zwingen soll, bleibt unklar. Bei der Kündigung der alten Verträge (zwei Partner haben selbst, dem dritten wurde gekündigt) hat laut Dannenmann der Konflikt über die Verteilung der Anzeigenerlöse eine Rolle gespielt. Denn der Großteil der Anzeigen wird inzwischen im Großraum Stuttgart akquiriert, und dortige Partner wollten sich nicht mehr mit dem aus ihrer Sicht zu kleinen Anteil am Kuchen abspeisen lassen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Diese Partner dürften von ihrer Beteiligung an der SoAk ab 2007, wenn die „Rendite-Absahner“ nicht mehr (oder zumindest nicht mehr zu denselben Konditionen) mit im Boot sitzen, stärker profitieren als bisher.
Mit den aus der SoAk ausscherenden Verlagen wolle man dennoch weiter zusammenarbeiten. Dannenmann: „Eine Kooperation, in welcher Form auch immer, ist weiterhin möglich.“ Die SoAk gilt bereits in ihrer jetzigen Form als rentabel, der Sonntagszeitungsmarkt allgemein als lukrativ. Wen wundert also, wenn die drei Aussteiger ihren Abonnenten auch künftig eine siebente Ausgabe liefern wollen – mit oder ohne ihre ehemaligen Partner bei Sonntag Aktuell.

Die SoAk in Zahlen

Die Sonntag Aktuell, eine der ältesten Sonntagszeitungen Deutschlands (ihre erste Ausgabe kam vor 27 Jahren auf den Markt), ist eine reine Abo-Zeitung. Sie erscheint in weiten Teilen Nordwürttembergs und (noch) in Nordbaden, Südhessen, Rheinpfalz und Kurpfalz bis südlich von Ulm als siebte Ausgabe von 48 Tageszeitungen, die zu etwa zwei Dritteln die Regionalausgabe Stuttgart beziehen.
Diese Ausgabe, herausgegeben von der Stuttgarter Presseunion GmbH, besitzt eine Auflage von 456.000 Exemplaren. Zusammen mit den Ausgaben Ulm, Pfalz und Rhein-Neckar erreicht die verkaufte Auflage 938.000 Exemplare und macht die SoAk zur (nach Springers Bild am Sonntag) zweitgrößten Sonntagszeitung im Land. Die SoAk im Internet: www.sonntag-aktuell.de.

sw
 
nach oben

weiterlesen

Ohne Kino: „Ben Hur auf der Armbanduhr“

Im Rahmen der Ausstellung „Die große Illusion“, mit der die Stadt Bielefeld seit September die Geschichte des Kinos würdigt, diskutierten am 11. Mai einheimische Kinobetreiber*innen mit dem langjährigen Berlinale-Leiter Dieter Kosslick über die Frage „Stirbt das Kino?“. Hintergrund des Gesprächs waren nicht nur die Schließungen aufgrund der Corona-Pandemie, sondern auch der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der Streamingdienste. Das Fazit war eindeutig: Das Kino wird überleben. Aber klar wurde auch: Einfach wird es nicht.
mehr »

Journalismus jenseits von Profit

Liegt die Zukunft des Journalismus jenseits von Profit? Noch ist spendenfinanzierter Journalismus in Deutschland die Ausnahme. Ein wesentlicher Grund: Bislang fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen. Nicht nur Aktivisten wollen, dass sich das ändert. Lässt sich die Politik im Bundestagswahlkampf dahin bewegen? Diese und andere Fragen stellten wir Oliver Moldenhauer, einem der Vorsitzenden des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das Non-Profit-Organisationen im Medienbereich vereint.
mehr »

Hamburg: G+J beim Wort genommen

Gruner + Jahr führt das Neubauprojekt am Lohsepark in der Hafencity nicht fort. Es sei bereits drei Jahre hinter dem Zeitplan zurück und länger wolle man nicht warten, hieß es aus dem Unternehmen. Dennoch bekennt sich das Unternehmen zum Medienstandort Hamburg. Die Hansestadt mit ihren attraktiven Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen bleibe auch in Zukunft die Heimat für den Verlag und seine Mitarbeiter*innen, versichert G+J. Gemeinsam mit der Stadt werde nun nach geeigneten zeitgemäßen Flächen gesucht. Für ver.di sind das “gute Nachrichten“.
mehr »

Höhere Ausschüttung bei VG Bild-Kunst

Trotz der Pandemie konnte die VG Bild-Kunst im Geschäftsjahr 2020 ein außergewöhnlich positives Ergebnis erzielen. Auch die Ausschüttung an ihre Berechtigten im In- und Ausland konnte gegenüber dem Vorjahr deutlich gesteigert werden, teilte die Verwertungsgesellschaft mit. Die Gesamterlöse der VG Bild-Kunst beliefen sich im Geschäftsjahr 2020 auf 109,7 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2019 wurden 61,2 Millionen Euro und 2018 56,3 Millionen Euro erzielt.
mehr »