Straßenmagazine – Lesestoff und Jobs

Susanne und Bastian in der "Bodo"-Redaktion Foto: Sebastian Sellhorst

In Dortmund heißt es „Bodo“. In Hamburg „Hinz und Kunzt“. Steigt die Obdachlosigkeit an, steigt der Bedarf an Straßenmagazinen. Denn diese bieten nicht nur Lesestoff. Vielmehr schaffen sie Jobs für jene, die nichts mehr haben, aber dringend etwas ändern wollen an ihrer Situation. Das Modell, das in New York ins Leben gerufen und später in Hamburg übernommen wurde, gibt es 112 Mal in 35 Ländern mit einer Auflage von 23,5 Millionen Exemplaren pro Jahr. Seit einiger Zeit wird die griechische Version der „Bodo“ auch in Athen verkauft. „Schedía“ (griech. Floß) bietet der verarmten griechischen Mittelschicht ein wenig Hoffnung.

In Dortmund bei „Bodo“ findet einmal im Monat eine große Redaktionssitzung statt. Das Besondere daran ist, dass hier nicht nur festangestellte Redaktionsmitglieder mit den freien Autor_innen und Fotograf_innen über mögliche Themen für die nächste Ausgabe sprechen. Das Besondere an dieser Konferenz ist, dass auch alle Straßenverkäufer_innen zu Wort kommen. Also jene Männer und Frauen, die mittellos sind, keine Wohnung mehr haben und die durch den Verkauf der Straßenzeitung erstmalig wieder Geld verdienen. „Sie alle haben das Ohr am Kunden. Sie alle spüren, welcher Titel geht und welcher nicht“, begründet Chefredakteur Bastian Pütter die ungewöhnliche Vorgehensweise. Die Straßenverkäufer, die in der Ausgabestelle der „Bodo“ Magazine für 1,25 kaufen, sie später für 2,50 Euro verkaufen und den Überschuss für sich behalten dürfen, haben ein großes eigenes Interesse daran, dass ein interessantes, lesenswertes Straßenmagazin gemacht wird. „Den Typen auf dem Titel kennt doch hier keiner. Den verkaufen wir nicht“, lautet ein typischer Einwand. Häufig werden die Verkäufer_innen auf Kommentare im Magazin angesprochen. Kritik und Lob geben sie an die Redakteure weiter, „für uns sind das wertvolle Hinweise“, sagt Pütter.

Verkauf des Straßenmagazins "Bodo" in der Dortmunder Innenstadt Foto: Bodo
Verkauf des Straßenmagazins „Bodo“ in der Dortmunder Innenstadt
Foto: Sebastian Sellhorst

„Wir machen ein journalistisches Produkt, das sich nach seinen Kunden richten muss“, erzählt er. In Wien sei das Magazin beinahe schon linksradikal, in Hamburg werde die Kaufmannschaft bedient, in Dortmund müsse man eher die Student_innen ansprechen. Die Inhalte der Magazine richten sich also ganz nach den Mentalitäten der einzelnen Städte und nach den Menschen, die bereit sind die Armut in ihrer Stadt durch den Kauf eines Straßenmagazins sichtbar zu machen. „Der Käufer weiß, etwas Gutes getan zu haben. Unsere Aufgabe ist es zu erreichen, dass er den zweiten Schritt auch geht – das Magazin zu lesen“, sagt Pütter.
Er bzw. die vierköpfige Redaktionsmannschaft bringen einmal im Monat ein 48-seitiges Heft heraus, dessen Ziel ganz klar ist: keine 48 Seiten Elend. „Bodo“ (Auflage 20.000) will unterhalten, informieren und auch den Finger in die Wunde legen. „Die Mischung macht’s“, so der leitende Redakteur. Das Magazin, das auf hochwertige Bilderstrecken setzt, ist auch bei vielen Autor_innen wohl gelitten. Nicht wegen der Honorare, „wir können nicht viel zahlen“. Vielmehr wegen der guten Absicht, die hinter „Bodo“ steckt. Das Straßenmagazin, das sich auch durch Anzeigen und Spenden finanziert, geht Hand in Hand mit einem Buch- und einem Umzugsladen – hier kann der Verein „Bodo e.V.“ auch ausbilden. „Bei uns machen Menschen häufig nach langer Zeit das erste Mal die Erfahrung, dass sie etwas können und wahrgenommen werden. Vorher haben sie nur Niederlagen erlebt“, sagt Pütter. Meistens sind das Menschen, die alles verloren haben, häufig aus bildungsfernen Schichten kommen und deren Probleme häufig mit einer Sucht einhergingen.

In Griechenland machen die Macher der Straßenzeitung eine andere Erfahrung. Seit der Krise ist dort die Mittelschicht weggebrochen und verarmt. Bastian Pütter, der gerade vom internationalen Kongress der Straßenzeitungen des INSP (International Network of Street Papers) aus Athen zurückgekehrt ist, berichtet unter anderem von einem arbeitslos gewordenen Zeitungsredakteur, der im Flüchtlingsheim übernachtet. „Viele können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten. Die staatliche Unterstützung läuft nach sechs Monaten aus. Das bedeutet für viele Menschen, dass sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können.“ Der Redakteur oder der arbeitslos gewordene Lehrer und Menschen, die noch ihre gute Kleidung aus besseren Zeiten auftragen und die Obdachlosigkeit verbergen möchten, eint eines: die gemeinsame Arbeit beim Straßenmagazin. Denn auch in Athen, dürfen sie den Großteil des Verkaufserlöses für sich behalten. „Ein gutes Zubrot, wenn sonst nichts mehr geht“, so Pütter. Ohnehin sei die Obdachlosigkeit dort in jeder Straße sichtbar. „Es gibt in der Athener Innenstadt wohl keinen Platz, der nachts nichts bewohnt wird von Wohnungslosen.“

Laut Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) hatten 2014 in Deutschland 335.000 Menschen keine Wohnung. Die BAWG erwartet bis 2018 einen Anstieg der Wohnungslosen incl. Asylbewerbern in Auffangheimen um 61 Prozent auf knapp 540.000 Menschen. In NRW werden 20.000 Wohnungslose gezählt.

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