Stress in der Thüringer Allgemeinen

Redakteure beschweren sich mit einem Brief bei ihrem Chefredakteur

Die meisten Leser der Thüringer Allgemeinen (TA) wissen nichts von dem Konflikt, der hinter den Kulissen schwelt: 75 der 130 Redakteure fordern in einem Brief an den Chefredakteur mehr Respekt, bessere Arbeitsbedingungen und eine Korrektur bei der Ausrichtung der Zeitung.

Die Unzufriedenheit in der TA-Redaktion begann vor mehr als zwei Jahren: Im November 2009 löste der WAZ-Konzern, zu dem die TA gehört, den langjährigen Chefredakteur Sergej Lochthofen ab und setzte der Belegschaft Paul-Josef Raue vor die Nase. Raue hat radikal umgebaut: einen Thüringen-Tisch für die 14 Lokalredaktionen eingeführt und einen Nachrichten-Tisch für den überregionalen Mantelteil, die Mantelressorts für Politik und Unterhaltung aufgelöst, Blattmacher und Reporter getrennt und die tägliche Redaktionskonferenz in der bisherigen Form abgeschafft. Die Folgen für die Redaktion waren gravierend. Vor allem Jüngere haben gekündigt, ihre Stellen wurden nicht neu vergeben. Einige Lokalredaktionen sind inzwischen chronisch unterbesetzt. Von „stetigem Personalrückgang“ schreiben die Verfasser, „wachsender Arbeitsbelastung in Lokalredaktionen und an den Produktionstischen“ und Themen, die nur aufgrund des Engagements Einzelner ins Blatt finden. Die Chefs der Produktionstische müssten die Lücken schließen, „unzureichend geregelte Zuständigkeiten“ abfangen und zudem Blattproduktion, Qualitätssicherung, Personalplanung und Terminmanagement sicherstellen.
Die Zeitung sei nicht besser geworden. Die Autoren beklagen Relevanz- und Brisanzverlust sowie die Zunahme von Agenturbeiträgen und fordern „bei einer noch stärkeren Gewichtung auf das Lokale“ den „überregionalen Anspruch einer wichtigen Stimme in Ostdeutschland“ wieder herzustellen. Raue hat die TA strikt auf Regionales fokussiert. „Ich glaube, grundsätzlich kann eine solche Ausrichtung gut funktionieren“, sagt Steffi Dobmeier, bis 2011 Politik-Redakteurin bei der TA, heute Chefin vom Dienst bei der taz. Dobmeier fürchtete damals, die TA würde zu stark ins Provinzielle rutschen, und kündigte. Wenn sie die Zeitung heute betrachte, seien ihre Befürchtungen wahr geworden, sagt sie.
Raue gelingt es zudem nicht, die Mitarbeiter zu motivieren. Die 75 Redakteure kritisieren seine „Glaskasten-Mentalität“, mit der er „demonstrativ“ „die Kompetenz und Kreativität seiner Mitarbeiter geringschätzt“. Das Betriebsklima sei auf einen „bisher unerreichten Tiefpunkt“ gesunken. Immerhin laufen inzwischen Gespräche zwischen Redaktion und Chefetage. Der Betriebsrat hat eine Arbeitsgruppe gebildet, die neue Kommunikationsmodelle finden soll. „Wir haben uns darauf verständigt, keine Statements zu geben, um den Dialog nicht zu gefährden“, erläutert Betriebsrätin und Mitunterzeichnerin Britt Mandler.
Der Chefredakteur ist gesprächiger. Nach den sehr intensiven Veränderungen der letzten Jahre finde nun in der Redaktion eine „erfreuliche Debatte“ statt, kommentiert er. Schließlich sei die Trennung zwischen Blattmachern und Reportern gerade mal ein Jahr her. In einigen Köpfen seien die Umbauten noch nicht angekommen. „Jeder Chefredakteur ist glücklich, wenn die Redaktion kommt und debattieren will.“ Er verweist stolz auf Erfolge der Zeitung, die zweimal hintereinander einen der deutschen Lokaljournalistenpreise erhalten habe.
„Im Kern sehe ich keinen Konflikt“, so auch Geschäftsführer Klaus Schrotthofer. Befürchtungen, dass der TA in nie gekanntem Ausmaß die Leser weglaufen, widerspricht er energisch. „Wir haben den Auflagenrückgang der vergangenen drei Jahre erheblich bremsen können“, teilt er mit, räumt jedoch ein: „Wir sind nicht zufrieden mit der Entwicklung der ersten vier Monate des Jahres.“

 

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