„Stuttgarter Zeitung“ übernimmt die „Esslinger Zeitung“

Pressehaus Stuttgart
Foto: SWMH

ver.di: Das angekündigte Ausschöpfen von Synergiepotenzialen darf nicht auf Kosten der Arbeitsplätze gehen

Die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) setzt ihren Expanisonskurs fort und verleibt sich die „Esslinger Zeitung“ ein. Wie die SWMH mitteilte, steigt die „Stuttgarter Zeitung“ bei der „Esslinger Zeitung“ ein. Die beiden Zeitungen sollen künftig eng zusammenarbeiten.

Die „Stuttgarter Zeitung“ übernimmt die Anteile von Verlegerin und Geschäftsführerin Christine Bechtle-Kobarg und hält somit die Mehrheit an der Regionalzeitung in Esslingen (Bechtle Verlag und Druck). Weitere Gesellschafterin an der „Esslinger Zeitung“ ist die GO Druck Media Verlag GmbH & Co. KG mit Sitz in Kirchheim Teck. Der Geschäftsführer der „Stuttgarter Zeitung“, Herbert Dachs, kündigte in der Mitteilung an: „Die Kooperation soll es uns ermöglichen, Kompetenzen zu bündeln, Marktchancen zu nutzen und gemeinsam strategische Ziele zu formulieren. In den nächsten Wochen und Monaten stehen der Erhalt und Ausbau von Know-how sowie die Ausschöpfung von Synergiepotenzialen, unter Berücksichtigung der Eigenständigkeit von Esslinger Zeitung und der Markstellung der Druckaktivitäten, im Zentrum der gemeinsamen Aktivitäten.“

Bechtle-Kobarg schreibt, die vorgesehene engere Verbindung zur Zeitungsgruppe Stuttgart gewährleiste die „wirtschaftlich starke nachhaltige Entwicklung von Bechtle Verlag und Druck“. Die „Eßlinger Zeitung“ hat (noch) eine Vollredaktion. Sie kommt zusammen mit den Schwestertiteln „Cannstatter Zeitung“ und „Untertürkheimer Zeitung“, die im Rotenberg Verlag erscheinen, der zum Haus Bechtle gehört, auf eine Auflage von knapp 40.000 verkauften Exemplaren. Außerdem gehören zur Unternehmensgruppe Anzeigenblätter (u.a. „Esslinger Echo“), Druckereien und Postdienstleistungen. Mit dem Verkauf der Mehrheit an die „Stuttgarter Zeitung“ endet in Esslingen eine fast 150-jährige Tradition: Die Familie Bechtle gibt die Zeitung seit 1868 heraus.

„Wir erwarten, dass die Stuttgarter Konzernführung die Arbeitsplätze bei der Esslinger Zeitung erhält, die Tarifbindung fortführt und die publizistische Vielfalt in der Region sichert“, kommentiert Siegfried Heim, Leiter des ver.di-Landesfachbereichs Medien, die bekannt gegebenen Absichten der bisherigen Inhaberin Dr. Christine Bechtle-Kobarg, ihre Geschäftsanteile an die SWMH zu verkaufen, die dadurch Mehrheitsgesellschafterin wird. Betroffen von dem Verkauf sind etwa 250 Beschäftigte in Redaktion, Verlag und Druckerei. Insbesondere die von der SWMH anlässlich des Verkaufs genannten Synergieeffekte zeigten, dass Arbeitsplätze bei der Esslinger Zeitung in hohem Maß gefährdet sind, betont Heim. Zudem habe der Stuttgarter Zeitungskonzern hinsichtlich der Tarifbindung eine gemischte Bilanz. Während etwa für die Gemeinschaftsredaktion der Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten Tarifbindung vereinbart werden konnte, benötigten die Beschäftigten des „Schwarzwälder Boten“ einen 96-tägigen Streik, um für sich nach der Aufspaltung des Unternehmens die Tarifgeltung zu sichern. Für Neueinstellungen gelten die Tarife dort aber nicht – und zudem weigert sich das Unternehmen im Schwarzwald sogar, die Geltung des allgemeinverbindlichen Altersversorgungs-Tarifvertrags für Redakteure anzuerkennen. Und auch an anderer Stelle gebe es, so Heim weiter, im Bereich der SWMH eine große Zahl von tariflosen Konzernunternehmen.

Der Stuttgarter ver.di-Sekretär und SWMH-Konzernbetreuer Uwe Kreft betont, dass die Gewerkschaft in engem Kontakt mit dem Betriebsrat steht. ver.di werde die Entwicklung gemeinsam mit dem Betriebsrat und den organisierten Kolleg_innen sehr genau verfolgen. Auch mit der Geschäftsführung stehe man in Kontakt. Bei einem Gespräch, an dem ver.di, der Betriebsrat und die Führungsebene beteiligt waren, habe die Geschäftsleitung einen Jourfix zugesagt. Im Moment sei kein Grund zur Panik vorhanden. Bislang hat das Kartellamt noch keine Stellunganhme abgegeben. Die Stuttgarter Zeitung werde das operative Geschäft wohl Anfang 2017 übernehmen. Zu erwarten sei, dass dann alles auf den Prüfstand komme und erst anschließend entsprechende Veränderungen erfolgen werden. Die spannende Frage sei, was langfristig an Synergieeffekten erreicht werden soll.

Im Juni 2016 schrieb „Focus“, dass die SWMH das Darlehen für den Kauf des Süddeutschen Verlags bis auf Weiteres nicht tilgen könne. Die Banken, hauptsächlich die Landesbank Baden-Württemberg, verlangten den Verkauf von Unternehmensteilen, um die SWMH wieder liquide zu machen. Zu den Anteilseignern der SWMH zählen mit je 47,54 Prozent die Ludwigshafener Medien-Union der Verlegerfamilie Schaub und die Gruppe Württembergischer Verleger, bei der Eberhard Ebner („Südwest-Presse“ Ulm) „Haupteigner“ ist. Sie müssen für die kommenden drei Jahre auf Dividenden verzichten, schrieb der „Focus“. Die SWMH und ihr Geschäftsführer Richard Rebmann dementierten die „Focus“-Meldung mit Vehemenz. Die finanzielle Situation der SWMH sei ausgezeichnet. Man habe sogar begonnen, Gesellschafterdarlehen zurückzuzahlen. Im Markt der Regionalzeitungen sei man nach wie vor daran interessiert, aus Minderheitsbeteiligungen Mehrheitsbeteiligungen zu machen. Wo und wenn sich die Möglichkeit biete, werde man zuschlagen. Die jüngsten Aktivitäten der SWMH scheinen dies zu belegen: Im Mai 2016 hat der Frankenpost-Verlag in Hof, eine Tochter der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) in Stuttgart, 65 Prozent des „Nordbayerischen Kuriers“ gekauft und nun die „Esslinger Zeitung“.

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