Verhandlungen sind keine Selbstbedienung

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Leider funktionieren Tarifverhandlungen nicht nach dem Supermarktprinzip, man kann nicht einfach ins Regal greifen und sich herausholen, was man sich wünscht. Am ehesten stimmt der hinkende Vergleich noch, wenn es ans Zahlen geht: Umsonst bekommt man nämlich auch bei Tarifverhandlungen nichts. Was auf der anderen Seite allerdings auch bedeutet: Hängt man sich richtig rein, dann lohnt sich das meistens.

Zu erleben war das jetzt wieder bei den elend langen Verhandlungen von mehr als einem Jahr zum Gehaltstarifvertrag für die Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen. Auf der einen Seite stand die Deutsche Journalistinnen und Journalisten Union (dju) in Verdi zusammen mit der Spartengewerkschaft Deutscher Journalistenverband (DJV) in einer Verhandlungsgemeinschaft, die sich mit dem Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) auseinandersetzen musste. Und mit zum Teil bizarren Wendungen und Rückziehern der Verlegerseite.

So sollte künftig nach zehn Jahren Schluss sein mit Gehaltssprüngen nach Berufsjahren (lustige Begründung: „Da lernen Journalisten eh nichts mehr dazu!“). Das konnte jedoch abgewehrt werden. Eine weitere Forderung: Berufsanfänger sollen von 2026 an ihr Urlaubsgeld nur noch ohne Zulagen erhalten. So kommt es nun auch, denn das war für die Verleger eine Bedingung, ohne die es keinen Abschluss gegeben hätte. Viel sparen werden sie damit aber wohl nicht einmal dann, wenn sie sämtliche Redaktionen mit Berufsanfängern neu besetzen. Denn Zulagen werden bei der Zeitung häufig eher nach dem Armenrecht bemessen.

Streik zahlt sich aus

In der zehnten Runde konnte aber nun endlich ein Abschluss erreicht werden, und ein guter noch dazu: 10,5 Prozent im Schnitt für alle. Wegen insgesamt drei Festbeträgen von 100, 190 und 110 Euro fallen die Steigerungen für Volontär*innen sowie jene, die noch am Anfang ihres Berufslebens stehen, noch deutlich besser aus. Zu verdanken ist dieses Ergebnis vor allem auch den Streiks vor der letzten Verhandlungsrunde am 18. Juli – die enorme Beteiligung hat selbst jene überrascht, die von Berufs wegen Optimisten sein sollten, also Verdianer*innen . Geholfen hat aber auch, dass die Streikenden ebenso wie die Verhandlungskommission sich diesmal nicht auseinanderdividieren ließen. In den Jahrzehnten zuvor war es immer wieder vorgekommen, dass der DJV ausgeschert war, mal vorzeitig abschloss oder sich zuletzt gar zu einem einseitigen Abschluss über die Zahlung eines Inflationsausgleichs hatte hinreißen lassen.

Frieden noch bis 2027

Diesmal blieb er bei der Stange, und das zahlt sich jetzt für alle aus. Ebenso wie die gewaltige Streikbewegung, die noch einmal mächtig angeschoben hat. Nach mehr als 20 Jahren, in denen die deutschen Tageszeitungsjournalist*innen  deutliche Reallohnverluste hinzunehmen hatten, konnte nun zumindest ein wenig aufgeholt werden. Denn auch wenn 10,5 Prozent nach viel klingt: Der letzte Gehaltstarifvertrag wurde Anfang 2022 abgeschlossen, danach folgte Russlands Überfall auf die Ukraine und damit eine hohe Inflation.

Die zuvor vereinbarten Prozenterhöhungen waren danach kaum mehr als ein Witz. Wegen dieser Erfahrung kann man den jetzigen Abschluss auch nicht uneingeschränkt bejubeln. Denn die Verleger bestanden auf der langen Laufzeit von 36 Monaten. Weil der Tarifvertrag rückwirkend zum Januar geschlossen wurde, endet die Friedenspflicht also erst zum Jahresende 2027. Vielleicht hofft der BDZV darauf, dass die Journalist*innen  bis dahin das Streiken wieder verlernt haben? Man muss kein Berufsoptimist sein, um mit einem leicht abgewandelten Zitat der Rocklegende Frank Zappa zu antworten: „Das ist wie Fahrradfahren und Gitarrespielen – wenn man’s einmal gelernt hat, vergisst man’s nie mehr wieder.“

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