Was bleibt vom Hörspiel?

Im SWR2-Hörspiel-Studio: Corinna Harfouch wirkt am von Klaus Buhlert inszenierten Hörspiel "Die Enden der Parabel / Gravitys Rainbow" nach dem 1973 erschienen Roman von Thomas Pynchon über die V2 mit.
Bild: SWR/Alexander Kluge

Was Hörspiele einst bewirken konnten, belegt der Fall „Krieg der Welten“ von Orson Welles. Die Fiktion, ein Angriff der Außerirdischen, wurde am Abend des 30. Oktober 1938 im amerikanischen Radiosender CBS ausgestrahlt und soll von nicht wenigen Hörer*innen als authentische Live-Reportage empfunden worden sein. Was würde wohl heute passieren – und was bleibt übrig von der „Krönung des Funks“?

Schauspieler und Comedian Bastian Pastewka gilt in der Branche als großer Hörspiel-Fan. Titel, Sprecher*innen, Musik, er soll sie alle kennen. Doch er macht sich Sorgen um das deutschsprachige Hörspiel und findet deutliche Worte. „Ich bedaure, dass dieses Segment aus den öffentlich-rechtlichen Sendern immer stärker verschwindet“, so Pastewka im Interview auf der ARD-Welle Bremen Zwei. Dabei geht es im Gespräch mit Moderatorin Katrin Krämer gerade darum, das neue Hörspielprogramm von Radio Bremen zu promoten. „Es ist tatsächlich so, dass die regelmäßigen Termine (für das Hörspiel; Anmerk. der Red.) in den ARD- Kulturwellen immer kleiner werden.“ Es gäbe schlicht zu wenig Platz für das Unterhaltungshörspiel. Gerade jetzt, wo alle wieder Lust auf das gesprochene Wort und Podcasts hätten, täten die Öffentlich-Rechtlichen aus seiner Sicht hier doch etwas zu wenig, so der wohl prominenteste Hörspielfan.

Zeit, um Qualität zu senden

Das Hörspiel im Jahre 2020, man muss es suchen. Im klassischen Hörfunk wird man inzwischen eher selten fündig. Und wenn, dann zu mitternächtlicher Stunde auf einer der ARD-Kulturwellen oder im Deutschlandfunk. Viel mehr ist von der „Krönung des Funks“, wie die alten Hörfunker zu qualifizieren wissen, derzeit im linearen Radio kaum geblieben.

Dabei ist das Potential durchaus vorhanden, sagt Hans-Jürgen Krug, Medienwissenschaftler aus Hamburg und Autor der jüngst erschienenen dritten Auflage des Titels „Kleine Geschichte des Hörspiels“ im Gespräch mit M. „Es wird immer noch viel Geld ins Hörspiel gesteckt, noch immer gibt es den Zugriff auf professionelle und große Studios und gute Stimmen mit guten Schauspielern“. Das Hörspiel sei aber eben ein langsames Medium im Hörfunk, das sich Zeit lasse, so Krug. Auch die Zeit, die es braucht, um Qualität zu senden.

Verlagerung des Qualitätsbegriffs

Qualität, die in den meisten Radiowellen schon lange keinen Platz mehr findet. Von wenigen Versuchen abgesehen, haben es Hörspiele faktisch nie ins Privatradio geschafft. In den Öffentlich-Rechtlichen wurden sie Anfang der 2000er Jahre Opfer einer exzessiven Formatierungswelle. Mit der Aufteilung der Massenprogramme in Jugend, Info, Pop u.s.w. wurden sie in die Kulturprogramme abgeschoben. Doch, so findet der Medienwissenschaftler, die meisten der dort gesendeten Hörspiele gehörten dort gar nicht hin.

Beispiel: Kriminalhörspiele, die inzwischen den allergrößten Teil der produzierten Hörspiele ausmachen. Dies sei ein Unterhaltungsgenre, das früher in den Massenwellen gelaufen sei, so Krug. „Das waren mal Straßenfeger“. Heute laufen sie in den Kultursendern. Das sei eine Verlagerung des Qualitätsbegriffs. Der Widerspruch zwischen tatsächlich kultureller Ausrichtung und Orientierung am Massengeschmack sei bei den Sendern bisher nie ausdiskutiert worden, kritisiert Krug gegenüber M. Den Erfolg des „Tatorts“, neben der Tagesschau die inzwischen wichtigste Marke der ARD, hat man aus Gründen des Marketings 2008 auch den Radiokrimis übergestülpt.

Vier Hörspiel-Gruppen

Und auch innerhalb der ARD zeigt sich laut Krug ein unterschiedlicher Umgang. „Im WDR läuft an den Werktagen ein tägliches Hörspiel, in anderen Stationen laufen nur ein bis zwei Hörspiele pro Woche.“

Nach Krugs Einschätzung existieren heute vier Hörspiel-Typen. Die größte Gruppe seien populäre Krimis. Die Krimiwelt der ARD besteht nicht nur aus den Radiotatorten, hinzu kommen weitere Formate, auch im Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur. Wer zufällig beim Radiozappen auf ein Hörspiel stößt, kann in der Regel mit einem Krimi rechnen. Eine zweite Gruppe der Hörspiele sei durch eine Multimedialität entstanden. Große TV-Ausnahmewerke wie „Babylon Berlin“, die der ARD einen edlen Glanz verleihen, werden inzwischen multimedial produziert und in Print (Bücher und Zeitschriften), Hintergrundreportagen zu den 20er Jahren in den ARD-Radio- und Fernsehsendern oder anderen Formaten im Netz verlängert. Auch die Hörspielproduktion gehöre dazu. Neben diesen beiden Populär-Hörspielgruppen erkennt Krug noch die relevante Literatur unter den Hörspielen, etwa von Thomas Mann, Robert Musil, deren Werke ab und an als umgebaute Hörspiele zu finden sind. Die echte Hochkultur also, die teilweise bis zu 16 Stunden oder ganze Radiotage füllt. Und schließlich gäbe es dann noch jene vierte Kategorie, die der Hörspiel-Forscher Krug als „Original-Hörspiel“ kennzeichnet. Produktionen, die extra und ausschließlich für den Hörfunk geschrieben wurden (und nach der Ausstrahlung dann für lange Zeit wieder im Archiv verschwinden).

Mehr Internet, weniger Radio

Echte Straßenfeger sind sie alle nicht mehr. Wie auch, „versenkt“ (Krug) in den Nachtprogrammen der Kulturspartensender, die, wie das rbb kulturradio, auch tagsüber schon mal unter einen Marktanteil von zwei Prozent rutschen. Versuche des ehemaligen Deutschlandradio-Intendanten Willi Steul, unter dem Dach des Deutschlandfunks aber in Kooperation mit der ARD einen eigenen Hörspielsender ins Leben zu rufen („Wir haben so viele Hörspiel-Schätze im Archiv!“), scheiterten nicht nur an der Rechte-Frage und dem riesigen Prozedere, einen neuen öffentlich-rechtlichen Sender durch die 16 Länder-Parlamente zu peitschen, sondern schlicht auch am weitgehenden Desinteresse der ARD.

Ganz untätig sind die ARD-Anstalten und das Deutschlandradio aber nicht geblieben, sondern haben im Internet diverse Plattformen für das Hörspiel ins Leben gerufen, um die Produktionen auch jüngeren Nutzer*innen, die Medieninhalte ohnehin à la Netflix zeitunabhängig nutzen, zugänglich zu machen. „Hörspiel und Feature“ heißt die Plattform beim Deutschlandfunk, „Hörspiel“ die Rubrik in der „ARD Audiothek“. Eine schwierige Rechteproblematik älterer Produktionen (eine Verwertung für das Internet hatte bis Anfang der 90er Jahre noch kein Sender auf der Agenda) macht ein vollständiges Archiv derzeit unmöglich, doch es wächst.

„Zu einer akustischen Tonspur zusammengefahren“

Der Krimi und das hochwertige Kulturhörspiel sind hier in einer kuratierten Auswahl zu finden; einzelne Stücke der 50er Jahre ebenso wie Hörspiele von 2020. Eine Geschmacksfrage auch im Klang, die Hörspielfan Bastian Pastewka für sich schon beantwortet hat: Es habe eine Zeit gegeben, in der die Leute das Radio als einzige Empfangsquelle für Unterhaltung genutzt hätten. „Ich glaube, dass die Kraft einer Stimme damals noch etwas anderes war als später, als das Fernsehen da war und der Schauspieler mit einer Stimme verbunden wurde. Heute klingen Hörspiele meistens so, wie sie klingen, weil sie hochtechnisiert in Studios zusammengefahren werden, wie die akustische Spur eines Hollywoodfilms.“


„Kleine Geschichte des Hörspiels“ von Hans-Jürgen Krug ist 2020 in der dritten Auflage im Herbert von Halem Verlag Köln zum Preis von 19 EUR erschienen.

 

 

 


Aktuelle Ergänzung am 16. Oktober 2020

ARD Hörspieltage online

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Die Wettbewerbsstücke sind nun auf hoerspieltage.ard.de und ab 22. Oktober in der ARD-Audiothek zu hören und stehen teilweise zum Download bereit, wie der SWR mitteilte. Hörerinnen und Hörer können sie kommentieren und ihren Favoriten wählen. Über den Publikumspreis kann bis zum 6. November abgestimmt werden. Alle Hörspielpreise werden am 7. November bekanntgegeben. Red.

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