Viel Parteienfunk, wenig Transparenz

Der Rundfunkrat des HR hat im März beschlossen, seine Sitzungen künftig öffentlich abzuhalten. „Mit einem Livestream soll die Öffentlichkeit einen transparenten Einblick in die Arbeit des Rundfunkrats bekommen und sich einen Eindruck verschaffen, wie er seine Aufgabe wahrnimmt, die Allgemeinheit zu vertreten“, erklärten der im Februar neu gewählte Vorsitzende Harald Freiling und die stellvertretende Vorsitzende Dr. Miriam Dangel. Foto: HR/Ben Knabe

Im Gefolge des Skandals beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) werden auch die öffentlich-rechtlichen Kontrollgremien verstärkt kritisch beäugt. Geht es nach dem Urteil des Journalisten und Medienbloggers Peter Stawowy, dann ist das trotz einiger Reformbemühungen nach wie vor mehr als berechtigt. Zu starker Parteieneinfluss, mangelnde Transparenz, ineffiziente Strukturen –  dies nur einige der Defizite, die der Autor in seiner im Auftrag der Otto Brenner verfassten Studie ermittelt hat.

Quelle: OBS

Maximal ein Drittel der Mitglieder in öffentlich-rechtlichen Rundfunkgremien dürfen staatlich oder staatsnah sein. So hatte das Bundesverfassungsgericht im „ZDF-Urteil“ 2014 in der Causa des Ex-Chefredakteurs Brender entschieden. Eine Bestimmung, die von den Sendern laut Studie offenbar trickreich unterlaufen wird. Demnach lassen sich 41 Prozent der Ratsmitglieder der untersuchten zwölf Anstalten eindeutig politischen Parteien zuordnen. Bei den Verwaltungsräten liegt die Quote mit 53 Prozent sogar noch höher. Stawowys Verdikt: Es könne nicht sein, „dass ehemalige Minister die Plätze zivilgesellschaftlicher Organisationen füllen und am Ende die alte Parteipolitik und das klassische Machtdenken in die Gremien tragen“.

Reformfähigkeit des Rundfunkrats

Mit § 31 des neuen Medienstaatsvertrags (MStV) wurden Zuständigkeiten und Kompetenzen der Gremien der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten deutlich konkretisiert und gestärkt. Das ist für Stawowy nach den zuletzt in einigen Senden gemachten Erfahrungen auch bitter nötig. Betrachte man etwa „klägliche Rolle“ des RBB-Rundfunkrates bei den Skandalen um die 2022 gefeuerte Intendantin Patricia Schlesinger, „muss die Frage nach der Effektivität der Institution insgesamt gestellt werden“.

Nach Mutmaßungen des Autors scheint auch bei den Medienpolitiker*innen der Länder der Glaube an die Reformfähigkeit der Institution Rundfunkrat zu schwinden. Anders lasse sich „die Idee, einen Medienrat zu konstituieren, der die Leistungsberichte der Anstalten miteinander vergleicht und die bestehenden Gremien in dieser zentralen Funktion entmachtet, nicht deuten“.

Bemühen um mehr Öffentlichkeit

Fortschritte attestiert die Studie den Sendern beim Bemühen um mehr Öffentlichkeit. Noch vor zehn Jahren habe der Eindruck überwogen, in den Gremien würden Entscheidungen der Geschäftsleitungen unter Ausschluss des Publikums nur abgenickt. Heute tagten – mit Ausnahme der Deutschen Welle – alle Rundfunkgremien öffentlich, die meisten streamten die Sitzungen sogar live.

Um die Akzeptanz des ÖRR zu stärken, empfiehlt Stawowy deutlich mehr Öffentlichkeitsarbeit der Gremien und mehr Kostentransparenz. Die Ergebnisse sämtlicher Programmbeobachtungen sollten öffentlich mit dem Publikum rückgekoppelt werden. Gleiches wünscht er sich auch im Hinblick auf eine Vereinheitlichung und Publikation der Beschwerdeverfahren. Darüber hinaus sollten die Rundfunkräte der Sender kontinuierlich Public-Value-Berichte vorlegen, in denen die Aufgabenerfüllung der jeweiligen Anstalt bewertet wird.

Fazit: Ein sehr nützlicher Diskussionsbeitrag zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.  Bleibt zu hoffen, dass die Medienpolitik einige der berechtigten Vorschläge bei ihren Reformbemühungen aufgreift.

Peter Stawowy. Im öffentlichen Auftrag. Zusammensetzung und Arbeitsweisen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgremien. OBS-Arbeitspapier 76, Frankfurt/M. 2/2025

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Big Tech verändert TV und Streaming

Bei den Video-Streaming-Plattformen verteidigte YouTube im Jahr 2025 erfolgreich seine Führungsposition und erreicht 72 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren. Die öffentlich-rechtlichen Streaming-Netzwerke von ARD, ZDF, Arte und 3sat kommen auf über 60 Prozent, dicht gefolgt von Netflix und Amazon Prime Video. Doch auch die Sender des ÖRR nutzen YouTube als Ausspielweg ihrer Inhalte. 
mehr »

Smartphones endlich sicherer machen

Als Journalist*innen sind wir verpflichtet, unsere Quellen zu schützen. Wir treffen sie an vertraulichen Orten, anonymisieren Namen, schreddern Unterlagen. Aber was ist mit unseren Smartphones? Während niemand die eigene Haus- oder Bürotür über Nacht offenstehen lassen würde, öffnen wir digital oft ungewollt Tür und Tor zu den sensibelsten Bereichen: Acht Tipps für Datensicherheit bei Smartphones
mehr »

Trauer um Franz Kotteder

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di trauert um Franz Kotteder. „Kotti" oder „der Franz", wie ihn Freunde und Kollegen wahlweise nannten, starb am 30. Dezember nach schwerer Krankheit viel zu früh im Alter von 62 Jahren. Seine Kolleginnen und Kollegen in der dju und im Süddeutschen Verlag verlieren mit Franz einen ebenso engagierten wie geistreichen, humorvollen und liebenswürdigen Streiter für Pressefreiheit, Qualitätsjournalismus und vor allem für die Interessen von Journalistinnen und Journalisten sowie aller Beschäftigten in der Zeitungsbranche.
mehr »

Guatemala: Eine ernüchternde Bilanz

Knapp zwei Jahre ist Guatemalas Präsident Bernardo Arévalo im Amt und erklärtes Ziel seiner Regierung ist es einen Schutzmechanismus für Journalist*innen einzuführen. Doch das innovative Projekt kommt nicht vom Fleck, moniert die Medienanalystin Silvia Trujillo gemeinsam mit zahlreichen bekannten Berichterstatter*innen. Dafür machen sie nicht nur den omnipräsenten „Pakt der Korrupten“ verantwortlich, sondern auch das Zögern der Regierung. Die verharre im Stand-By.
mehr »