Schon entdeckt? Wolfsiehtfern.de

Eine mächtige Lobby hat der Dokumentarfilm im deutschen Fernsehen nicht gerade. In der Regel wird er spät, gelegentlich sogar sehr spät ausgestrahlt. Im Mitternachtsghetto. „Das ist Fernsehen für Nachtwächter und für Leute, die nicht schlafen können”, sagt Medienjournalist und TV-Kritiker Fritz Wolf. Wer weder zu der einen noch der anderen Spezies zähle und sich dennoch für dieses Genre interessiere, habe ein Problem.

Vermeintlich schwere Kost wird von den öffentlich-rechtlichen Anstalten gern in die Spartenkanäle 3sat und Arte abgeschoben. Um auf solche Schätze aufmerksam zu machen, betreibt Wolf seit einem Jahr ein Webtagebuch unter der Adresse „wolfsiehtfern.de”. Mit Programmhinweisen, Vor- und Nachkritiken, Kommentaren. Der Düsseldorfer Journalist begreift seinen Blog als „Plattform für Leute, die solche Filme gerne sehen würden, wenn sie wüssten, wo es sie gibt und wenn sie – manchmal – wüssten, ob es sie überhaupt gibt”.

Die Sendeplatzierung von Dokus im TV, so beobachtet Wolf, folge keinem erkennbaren System. Manche Filme würden oft wiederholt, mal hier, mal da, nicht selten auch lieblos in Digitalkanälen versenkt, ohne Chance auf relevante öffentliche Wahrnehmung. Zu besonderen historischen Anlässen, wie kürzlich beim 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, nimmt das Genre ausnahmsweise sehr viel Platz ein, in der Regel allerdings auch hier zu später Stunde. Diese Art von Erinnerungskultur stoße jedoch allmählich an Grenzen. Schon weil es kaum noch Zeitzeugen dieser Epoche gibt.

Die Sendezeit sollte für echte Doku-Fans mittlerweile kein Problem mehr sein. Schließlich gibt es Festplattenrekorder und die Mediatheken der Sender. Die Einbindung von Links und Filmtrailern steckt auf der Seite noch in den Anfängen. Im letzten Quartal registrierte Wolf monatlich an die 3.500 Zugriffe auf seine Seite. Angesichts der kurzen Existenz des Blogs ein ermutigender Wert, findet er. Auch erste Gastautoren wie Barbara Sichtermann und Thomas Gehringer hatten schon ihren Einsatz. Jüngste Neuerung ist eine Kooperation mit dem „Haus des Dokumentarfilms” beim Europäischen Medienforum Stuttgart. Wolf schwebt vor, die Seite als Debattenorgan zur Erörterung von politischen und ästhetischen Fragen rund um den Dokumentarfilm weiter aufzuwerten.

Anders als tittelbach.tv, das schon länger existierende Portal für Film- und Fernsehkritiken, verteilt Wolf keine Noten. Auch Werbung wird es bei wolfsiehtfern nicht geben. Aber ganz ohne materielle Unterstützung von außen ist die zeitintensive Arbeit auf Dauer nicht zu leisten. Wenn der Blog erst mal etabliert ist, könnte sich Fritz Wolf sowas wie eine Kulturförderung für die bedrohte Art Dokumentarfilm vorstellen: „Stiftungen gibt es ja viele in diesem Lande.”

nach oben

weiterlesen

Schon entdeckt? femMit

„Gleichberechtigung wartet nicht, bis sich die Pandemie ausgetobt hat“, sagt Romina Stawowy. Ziel der Medienfrau ist es, weibliche Vorbilder sichtbar zu machen. Weil das auf einer von ihr geplanten Konferenz in diesem Jahr nicht ging, startete sie das Magazin femMit. Die Schwerpunkte in der ersten Ausgabe: die Folgen der Corona-Krise für Frauen und Hass im Netz. Großen Wert legt die Redakteurin auf persönliche Geschichten und Porträts.
mehr »

Schon entdeckt? Reportagen

In dem Schweizer Magazin „Reportagen“ gibt es Reportagen zu lesen, und zwar nur Reportagen. Das funktioniert, besonders bei den Jüngeren. „Reportagen“ ist das einzige deutschsprachige Magazin, das sich ausschließlich auf diese Königsdisziplin des Journalismus fokussiert. Es fühlt sich an wie ein Buch – es sieht auch ein bisschen so aus – griffiges Hardcover im DIN-A-5-Format. Auf dem Cover ist kein großformatiges Foto, sondern Text, das Inhaltsverzeichnis. Auch im Inneren gibt es keine Fotos, sondern nur Zeichnungen und Illustrationen.
mehr »

Engagierter Gewerkschafter und Philosoph

Dieter Brumm, geboren 1929 in Wentorf als Sohn einer bayerischen Beamtentochter und eines Hamburger Kaufmanns, ist am 21. August 2020 nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. 
mehr »

Wortbruch bei Verhandlungen

Bei der Deutschen Welle (DW) stehen die Zeichen nach gescheiterten Tarifverhandlungen auf Sturm. Anfang September prangerten insgesamt 140 Beschäftigte der DW in Berlin und Bonn jeweils in einer aktiven Mittagspause den „Wortbruch“ der Geschäftsleitung an.
mehr »