Corona verschlechtert Lage Freier drastisch

Arbeiten in Corona-Zeiten / Foto: Christian von Polentz

Die Situation vieler Selbstständiger hat sich im Gefolge der Pandemie beträchtlich verschlechtert. Dies gilt vor allem auch für die große Gruppe freiberuflicher Journalist*innen. Bei einer Zoom-Konferenz wurden jetzt die Ergebnisse einer entsprechenden Studie der Otto Brenner Stiftung diskutiert. Eine der wenig überraschenden Erkenntnisse: Vor allem die prekäre Existenz von freien Print-Journalist*innen ist während der Corona-Krise weiter ins Schlingern geraten.

Autoren der qualitativen, nicht repräsentativen Studie sind die Hochschullehrer Gerhard Syben (Forschungsinstitut BAQ) und Barbara Witte (Hochschule Bremen). Für ihre Untersuchung befragten sie siebzehn freie Journalist*innen aus Bremen. Mit dem öffentlich-rechtlichen Radio Bremen, mehreren Zeitungen und diversen privaten Rundfunksendern bilde die Hansestadt einen „Mikrokosmos“ der bundesweiten Medienlandschaft ab, begründeten die Wissenschaftler die eher schmale Datenbasis ihrer Studie. Befragt wurden haupt- und nebenberufliche Freie von lokalen Funkmedien und Tageszeitungen, nicht aber solche von Zeitschriften oder Online-Medien.

„Die Freien im Printbereich waren deutlich stärker betroffen als die Freien im elektronischen Medienbereich“, sagte Witte. Die teilweise dramatische Verschlechterung der Arbeits- und Einkommenssituation sei „eher privat als anders aufgefangen“ worden. Denn: Die Corona-Beihilfen seien „komplett an den Freien vorbei konstruiert“ worden. Eine erschreckende Erkenntnis: Ausnahmslos alle befragten freien Zeitungsjournalist*innen überlegten, „wie und wann sie ihren Absprung machen“. Dies korrespondiere auch mit Erwägungen einzelner Redaktionen, künftig ganz auf die Mitarbeit Freier zu verzichten. Absurderweise gelten etwa freiberuflich arbeitende Journalist*innen, die beispielsweise aus familiären Gründen das Volumen ihrer Tätigkeit reduzieren, in manchen Verlagen als „Hobbyjournalisten“, die man auch schlechter bezahlen könne. Dies führe dazu, dass an dieser Stelle „die Öffentlichkeit erodiert“ und „eine staatspolitisch wichtige Funktion nicht mehr wahrgenommen wird“.

Für Peter Freitag, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, haben sich die Arbeitsbedingungen für Freie in den Printmedien nicht erst durch Corona verschlechtert. „Wir erleben schon seit 15, 20 Jahren, dass vor allem die Freien in diesem Medienbereich von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abgehängt werden.“ Während der Pandemie sei der größte Teil der Terminberichterstattung weggefallen, den Freien entsprechend die Aufträge weggebrochen. Aufgrund der schrumpfenden Werbeerlöse der Verlage seien die Seitenumfänge eingedampft worden. Ihre soziale Verantwortung gegenüber Freien hätten die Verlage auch deshalb kaum wahrgenommen, weil sie in Sorge waren, auf diese Weise das Kurzarbeitergeld für Festangestellte zu gefährden.

Die Verlage seien in der Krise zu der Auffassung gelangt, die festangestellten „ausgebildeten“ Journalist*innen könnten ohnehin eine „viel bessere Zeitung machen als die vielen Hobby-Freien“, sagte Studien-Ko-Autor Gerhard Syben. Deshalb überlege man, künftig die Zeitung komplett von hauptberuflichen Profis produzieren zu lassen. Ein Argument, das nicht nur bei dju-Mann Peter Freitag auf Widerspruch stieß. Seit Jahren wachse die Arbeitsverdichtung in den Redaktionen, während Arbeitsplätze von Festen abgebaut würden. Aus Sicht eines Festangestellten habe man daher die „Unterstützung von Freien bei den Tageszeitungen unfassbar nötig“. Den Begriff „Hobby-Freie“ empfinde er darüber hinaus als „abwertend“.

Ausstieg als Ausweg?

Auch Pascale Müller, Investigativjournalistin und Vorstandsmitglied bei Netzwerk Recherche, kann mit dieser Charakterisierung freiberuflicher journalistischer Arbeit nichts anfangen. Sie hadert mit ihrer beruflichen Position und mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung. Gleichaltrige aus ihrer Schulzeit legten Aktienpakete an, redeten über Verbeamtung, so postete sie unlängst in einem verzweifelt zynischen Posting: „Ich verdiene um die 800 Euro im Monat, habe Migräne und überlege, ob ich vielleicht mit Opium anfangen sollte.“ Tatsächlich kenne sie viele Kolleg*innen, die sehr gut ausgebildet sind, für große deutsche Medien arbeiten und dafür sehr wenig Geld bekommen. Zugespitzt: „Wie gehen wir damit um, dass man selbst mit preisgekröntem Journalismus seine Miete nicht zahlen kann?“ Sie wünscht sich Redaktionen, die trotz kleinem Etat „versuchen, mit mir Dinge zu ermöglichen“. Sie selbst habe neben dem Journalismus inzwischen einen Zweitjob angenommen. Andere Ex-Kolleg*innen seien längst aus dem Beruf ausgestiegen.

Was also tun, um auch künftig Freiberuflern im Journalismus eine Perspektive zu geben? Das öffentlich-rechtliche Modell im Rundfunk habe sich bewährt, sagte Barbara Witte. Das gelte aber nicht für Print. „Ich glaube, dass wir für den Tageszeitungsbereich ein ähnliches Modell brauchen wie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“ Generell müssten Freie „beweglich“ sein, crossmedial arbeiten können, thematische und technische Kompetenzen in unterschiedlichen Medien erwerben. Angesichts des Marktversagens im Lokaljournalismus müsse die Gesellschaft aber auch Instrumente entwickeln, solche Leistungen zu finanzieren.

Politik und Verlage haben Verantwortung

Und wie steht es mit der Solidarität unter den Freien selbst? Punktuell ließen sich auch mit kollektivem Kampf Erfolge erzielen, insistierte Peter Freitag. Er verwies auf das Beispiel der „Esslinger Zeitung“, wo die Freien 2018 nach zweiwöchigem Streik eine substantielle Erhöhung ihrer Honorare durchsetzten. Aber auch die Politik dürfe die Verlage nicht aus ihrer Verantwortung für die Demokratie entlassen. Subventionen und Privilegien wie der ermäßigte Mehrwertsteuersatz oder die durch den Tendenzschutz eingeschränkte Mitbestimmung der Betriebsräte hätten sonst keinerlei Berechtigung.

Freitag kritisiert den in der Studie verwendeten Terminus „Sparzwang“. Freie würden „ausgepresst“, obgleich die meisten Zeitungsverlage immer noch schwarze Zahlen schrieben. Einige Verlage wie die der „Zeit“ und der „Süddeutschen Zeitung“ hätten ihre wirtschaftliche Situation sogar trotz Corona als gut bezeichnet. Der Versuch der Gewerkschaften, über das Instrument der „Gemeinsamen Vergütungsregeln“ die Arbeitsbedingungen der Freien an Tageszeitungen zu verbessern, sei größtenteils am Widerstand des Verlegerverbandes BDZV gescheitert. Freitag forderte die Ampel-Koalition auf, endlich das Verbandsklagerecht zu beschließen. „Wir brauchen dringend so ein Verbandsklagerecht, um als Gewerkschaft anständige und faire Honorare durchsetzen zu können.“

Barbara Witte/Gerhard Syben: Erosion von Öffentlichkeit. Freie Journalist*innen in der Corona-Pandemie. OBS-Arbeitsheft 109, Frankfurt/M. 2022

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