Demütigung für Privilegierte oder ein wackerer Kampf?

Ein Resümee der Tarifauseinandersetzung der Tageszeitungsredakteure

Eine Demütigung für Privilegierte – so etwa könnte man die Reaktionen unter Tageszeitungsredakteuren auf den Tarifabschluß auf den Punkt bringen. Anton-Andreas Guha zog in der abschließenden Tarif-Informationsversammlung der Kolleg(inn)en der „Frankfurter Rundschau“ eine ernüchternde Bilanz: Trotz wirtschaftlich gesunder Zeitungsbetriebe und gestiegener Arbeitsproduktivität müssen die Redakteure per Saldo Einkommenseinbußen quittieren.

Noch vor wenigen Jahren hätten wir angesichts der aktuellen Konjunktur für einen Bonus gekämpft, nun mußten wir uns wegen des verlegerischen Generalangriffs unserer Haut wehren und Federn lassen. In den vergangenen Jahren wurde, ohne daß wir das wollten, immer mehr Arbeit aus technischen Bereichen in die Redaktionen verlagert. Der Grund dafür liegt in der sich schnell entwickelnden Elektronik. Es wurden also Kosten in der Technik gespart, die bei uns nicht durch erhöhte Personalausgaben ausgeglichen wurden. Im modernen Kapitalismus scheint sich das Gesetz durchzusetzen: Je besser es den Betrieben geht, desto schlechter werden die Beschäftigten bezahlt, desto kräftiger werden ihre sozialen Besitzstände zusammengekürzt.

Kollege Daniel Riegger sah es ganz anders: Redakteure müßten sich als gut Verdienende ihrer privilegierten Situation bewußt sein. Deshalb seien unsere Ansprüche öffentlich schwer zu vermitteln. Was denken angesichts der Renten- und Steuererhöhungsdiskussion die Leute auf der Straße über unsere Altersversorgung? Riegger schlug vor, mehr Solidarität mit den Arbeitslosen zu üben. Dagegen erhob sich wiederum der Einwand, daß wir mit diesem Abschluß ja nur den Verlegern gegenüber solidarisch sind, die die gekappte Jahresleistung, die Ergebnisse gesteigerter Produktivität und die angesichts der Geldentwertung nur mikroskopisch steigenden Ausgaben für den Faktor Redakteursarbeit für sich als Zusatzgewinn verbuchen.

Bessere Strategie nötig

Eine Strategie müsse her, schlug Guha vor, schon fürs nächste Mal bei den Gehaltstarifverhandlungen im August. Wir müssen uns vorbereiten, damit wir nicht noch einmal so vorgeführt werden. Kritisches sagte Guha an die Adresse der Gewerkschaftsführung: Er habe Führung vermißt. Von oben sei nur ein „nun macht mal“ gekommen statt Streik- und Aktionsplanung.

Allgemein herrschte nach dem Abschluß wohl das Gefühl vor, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Immerhin gibt es für die Kappung der Altersstaffel einen Ausgleich (von dem wieder nur die Besitzenden, nicht die nachwachsenden Jüngeren profitieren), immerhin wurde die Altersversorgung verteidigt, die Tariferhöhung liegt im Bereich derer in Nachbarbranchen und die Kürzung der Jahresleistung mußten die Kolleg(inn)en Techniker ja schon dieses Jahr schlucken.

Frontalangriff der Verleger

Doch schauen wir erst noch einmal zurück: In dieser Tarifauseinandersetzung sahen wir uns einem beispiellosen Frontalangriff der Verleger ausgesetzt. Fast alle Tarifverträge gekündig, da konnte einem bange werden. Die Gegenseite hatte sich offenbar eine kleine, kampf-unerfahrene Gruppe von Beschäftigten ausgesucht, um eine Bresche ins Tarifgefüge zu schlagen. Wir standen anders als in den meisten vorangegangenen Tarifkämpfen ohne den bewährten Schild der Technikerkollegen da, die meist vorausgegangen waren, während wir solidarisch folgten und schließlich mehr oder weniger das gleiche Ergebnis quittieren konnten. Also mußten wir unsere eigene Bewegung auf die Beine stellen – und siehe da, wir bewegten uns tatsächlich.

Bewegung auf typisch journalistische Weise

Und wir bewegten uns auf typisch journalistische Weise. Ein klassischer Streik hätte unser Selbstverständnis getroffen, hätten wir uns doch kämpfend selbst zum Schweigen verurteilt. Auch war es bei vergangenen Tarifrunden nie erfreulich zu sehen, daß unser eher arbeitnehmerfreundliches Blatt tageweise vom Markt verschwand, während die konservative Konkurrenz – in nur manchmal leicht verringertem Umfang – erschien. Auch war die große Keule in der frühen Phase der Auseinandersetzung noch nicht gefragt. Sie hätte später durchaus zum Einsatz kommen können.

Also „brainstormte“ die Streikversammlung und wir fanden symbolisch-expressive Streikformen – allesamt in weiß. Zuerst weiße Spalten, dann verkleinerte Bilder auf dem sonst üblichen Raum, dann Weißräume statt der gewohnten dicken Überschriften. Die Ideensammlung machte Spaß, Vor- und Nachteile wurden abgewogen und dann Beschlüsse auch von denen umgesetzt, die dagegen gestimmt hatten. Wir beschnitten also unse-re Ausdruckmöglichkeiten kaum, schonten das Einkommen von Fotografen und freien Mitarbeitern, deren Honorare auch bei verkleinerten Formaten nicht ausfielen. Leserinnen und Leser bekamen „ihre“ Rundschau – nur eben mit streikspezifischen Zutaten.

Symbolisch-expressive Streikformen

Zugleich war die überwiegende Mehrheit der Redakteur(inn)en kreativ einbezogen, Redaktionen entschieden über die Umsetzung auf ihren Seiten selbst. Niemand mußte das Gefühl haben, Streikdirektiven von oben umzusetzen. Im Gegenteil: Die gefundenen Lösungen wirkten teilweise schön, eingefahrene Sehweisen wurden aufgebrochen, weswegen schon das Wort vom „Ästhetenstreik“ die Runde machte.

Die meisten Leser reagierten zustimmend, schickten Aufmunterung oder füllten die Weißräume mit eigenen phantasievollen Anmerkungen. Andere Zeitungen kamen mit ähnlichen Ideen heraus. Am wenigsten Anklang fand die FR-Aktion mit den weggelassenen Überschriften. Hier fühlten sich einige veralbert und ermahnten die Redaktion, ihren Kampf nicht auf dem Rücken der Leser auszutragen. Damit zeigte sich auch eine Grenze des schönen Arbeitskampfs: Verständliche, vermittelbare Ideen liegen nicht unbegrenzt auf der Hand. Als Erhöhung des Drucks bleibt dann am Ende vielleicht doch nur der klassische Erzwingungsstreik, bei dem wiederum die Solidarität der Drucker höchst wichtig ist, weil leitende Redakteure zumindest eine Notzeitung mit den aktuellen technischen Möglichkeiten behend zusammenschustern könnten.

Aber dazu kam es dann nicht. Es kam vielmehr zu dem bereits oben problematisierten Abschluß. Was bleibt? Es bleibt der Stolz auf eine selbstbestimt geführte Tarifrunde der neuen Art. Es bleibt das schale Gefühl, letztendlich von den Verlegern überrollt worden zu sein. Und es bleibt der daraus resultierende Wunsch, nicht noch einmal abkassiert zu werden. Wir sollten uns vorbereiten, die IG Medien sollte der Entwicklung Rechnung tragen, daß Redakteure eine zunehmend wichtigere Rolle in ihren Reihen spielen und auf ihre spezifischen Verhaltensformen und Interessen verstärkt eingehen.

Wir haben die Elektronik nicht eingeführt, die ganze Techniker-Abteilungen wegsäbelt. Wir wollen anderen auch nichts wegnehmen, schon gar nicht Arbeit, davon gibt’s auf den Feldern klassischer Redakteursaufgaben genug. Aber da die technische Entwicklung die Bedeutung der Redaktionen stärkt, muß das auch seinen Ausdruck in der Gewerkschaftsarbeit finden.

 

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